Marie-Theres Arnbom: Die Villen vom Wiener Cottage#
Marie-Theres Arnbom: Die Villen vom Wiener Cottage. Wenn Häuser Geschichten erzählen. Amalthea-Verlag Wien. 272 S., ill., € 28,-
Die Villenbuch-Serie der Kulturmanagerin Marie-Theres Arnbom hat Zuwachs erhalten. Nach den Häusern vom Attersee (2018), die "Geschichten erzählen", den Villen von Pötzleinsdorf (2020) und Baden (2022) bietet nun das Wiener Cottage im 18. und 19. Bezirk reichlich Stoff.
Das Nobelviertel feierte erst vor kurzem sein 150-Jahr-Jubiläum. In 16 Gassen umfasst das Cottage eine Fläche von 64 Hektar. Die ersten 50 der 350 Häuser entstanden 1873/74. Abwechslungsreich im Stil des Historismus gestaltet, hatte jedes einen Garten. Außerdem gab es einen Sportplatz zum Eislaufen, Radfahren und Tennisspielen mit eigenem Clubhaus. Anfangs für für Beamte, Lehrer, Offiziere usw. gedacht, entdeckten bald wohlhabende Bürger, Künstler und Intellektuelle die Vorteile der neuen Wohnform. Unter ihnen waren viele jüdische Familien, denen sich die Autorin in besonderer Weise widmet. "Erstaunliche Persönlichkeiten bevölkern nun dieses Buch, sie alle haben Spuren hinterlassen. … Das Jahr 1938 ändert alles radikal. . Enteignung, Vertreibung, Ermordung verschonen das Cottage nicht. "
In bewährter Weise gruppiert Marie-Theres Arnbom 22 Sehenswürdigkeiten zu Spaziergängen. Wieder erzählen die Häuser weniger über sich selbst, als über ihre Bewohner. Diese hatten u. a. mit Tabak, Abnehmkuren, Zündhölzern, Pferderennen und Operetten zu tun. Der erste Weg umfasst zwölf Villen in Döbling zwischen Lannerstraße und Hasenauer Straße. Diese trennt den Bezirk gegen Währing, wo sich die anderen zehn Häuser befinden. Das erste beschriebene, Lannerstraße 9, gehörte einem Gelehrten, den die Autorin schon als Studentin schätzte: Guido Adler, Gründer und Vorstand des Instituts für Musikwissenschaft. Er gab das 1924 das dreibändige Standardwerk "Handbuch der Musikgeschichte" heraus, das sie bis heute bewahrt. Das Wien-Lexikon würdigt Guido Adler als "Begründer der "Wiener Schule" der Musikwissenschaft und Schöpfer einer modernen, nach dem Vorbild der Geschichtswissenschaften organisierten Musikwissenschaft. "
An der nächsten Ecke, Weimarer Straße 83, bauten die Schwestern Helene und Elise Richter ihr Domizil auf "einem Acker mit wunderschöner Rundsicht bis auf die Berge". Dessen Architekt war Max Fleischer, der im Büro des Dombaumeisters Friedrich Schmidt, u. a. als Bauführer des Rathauses, tätig und ein prominenter Schöpfer von Synagogen war. Elise Fischer erlangte Berühmtheit als erste Privatdozentin Österreichs, ihr Fach war die Romanistik. Helene Richter publizierte in Theaterwissenschaft und Anglizistik. Die weit gereisten Schwestern brachten exotische Pflanzen für ihren Garten und Wintergarten mit. In ihrem modern ausgestatteten Haus - 1895 sensationell mit Elektrizität und Staubsauger - führten sie einen der letzten Wiener Salons. Er war der Treffpunkt bedeutender Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kunst, wie Hugo Thimig, Max Kalbeck oder Marianne Hainisch. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Schwestern Opfer der Rassengesetze. Beide starben 1942 im Ghetto Theresienstadt.
Helene und Elise Richter pflegten Kontakt zur Familie Géza Kobler in der nahen Lannerstraße 30. Die Villa des Arztes entwarf Oskar Marmorek. Sein Name wird vor allem mit dem Vergnügungspark "Venedig in Wien" und dem Jugendstilhaus "Rüdigerhof" an der Wienzeile in Verbindung gebracht. Auch seine Cottagevillen zeichnen sich durch secessionistischen Dekor aus. Dr. Kobler kaufte das Haus 1912. Er war nach 20-jähriger Tätigkeit aus Sarajewo und Belgrad zurückgekehrt, wo er sich als Sanitätsdirektor in der Seuchenbekämpfung und "hygienischen Propaganda" verdient gemacht hatte. 1,900.000 Hörer folgten seinen Vorträgen. Mit Hilfe der besten Ärzte und (schon anno 1895 Ärztinnen) aus der ganzen Monarchie baute er ein weit reichendes medizinisches Versorgungsnetz auf, dessen Zentrum ein modernes Spital bildete. Nach der Rückkehr nach Wien war es ihm fast ein Vierteljahrhundert vergönnt, als Hofrat im k. k. Finanzministerium mit seiner Familie die Cottagevilla zu genießen. Die NS-Gräuel musste Géza Kobler nicht mehr erleben, auch seine Frau Friederike starb 1936. Die Tochter Hedwig Parker flüchtete mit Mann und Kind nach New York. Ihre Schwester Anna Kobler verkaufte die Villa und betätigte sich offenbar im Widerstand.
Auch Weimarer Straße 49 stammte von Stararchitekten. Das Büro Ferdinand Fellner & Hermann Helmer plante fast 50 Theater in ganz Europa. Auch diese Villa hatte etwas Kulissenhaftes. Gebaut wurde sie von und für Ferdinand Oberwimmer, einem der wichtigsten Proponenten des Cottage-Vereins. "Der Aussichtsturm zum Genuss des schönen örtlichen Rundblicks durfte nicht fehlen." Nach 17 Jahren verkaufte der Baumeister den Besitz an Samuel und Bertha Waerndorfer, die zu den bedeutendsten Textilindustriellen der Monarchie zählten. Ihr Sohn Fritz Waerndorfer, Gründungsmitglied der Wiener Werkstätte, wohnte ganz in der Nähe. Er ließ das Innere seines Hauses in der Weimarer Straße 59 von den schottischen Jugendstilkünstlern Charles Rennie Mackintosh und Margaret Macdonald Mackintosh gestalten. Josef Hoffmann besorgte die Ausstattung. Auch Klimts Gemälde "Hoffnung" befand sich in der Villa.
Das Haus Weimarer Straße 49 wechselte in den Zwanzigerjahren die Besitzer: Kiazim und Mehmet Emin zählten zu den Monopolisten für türkischen Tabak in Mitteleuropa und zu den reichsten Männern der Welt. In Wien stiegen sie ins Bankgeschäft ein, bekamen aber Probleme mit dem Finanzamt. Wohl aus diesem Grund verließ der Tabakkönig Kiazim Emin Wien für immer. Seine Villa existiert nicht mehr. Wie dieses - wieder sehr lesenswerte und überraschende - Buch mit persönlichen Reminiszenzen begonnen hat, so endet es auch mit einer privaten Geschichte. Die Illustration zeigt eine Patchworkdecke und ein Gratulationsschreiben zur Geburt der Autorin, 1968. Sie stammten von ihrer, damals 84-jährigen Tante Wally Strakosch. Die Familie Strakosch zählte zu den bedeutendsten Industriellen der Monarchie. Siegfried Strakosch, Prokurist der familieneigenen Zuckerfabrik in Hohenau (Niederösterreich) erwarb 1906 das Haus Sternwartestraße 56: "Eine großzügige Villa mit vielen Salons, um Gäste zu empfangen und ein bequemes Leben zu führen. Im ersten Stock befanden sich eine große Halle, das Speisezimmer, ein Biedermeier-Salon die Bibliothek und zwei weitere Salons." In der der Zuckerfabrik oblag Siegfried Strakosch die Verwaltung der landwirtschaftlichen Besitzungen. Die Vormittage verbrachte er im Büro, am Nachmittag befasste er sich daheim mit pflanzenphysiologischen Studien.
In ihrer "Gebrauchsanweisung" schreibt die Autorin einleitend: "Dieses Buch bietet wirklich nur einen Bruchteil der Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. … Aber es möchte dazu anregen, in die Atmosphäre einzutauchen, die all diese Menschen prägte und ihnen viele unvergessliche Jahre beschert hat, in guten wie in schlechten Zeiten."
