Stefanie und Gerald Grüssl: Was trägt ?#
Stefanie und Gerald Grüssl: Was trägt ? Wege zu einem wachen und verbundenen Leben.
Dom Verlag Wien. 128 S., ill., € 27,-
Meditationsbücher gibt es viele. Dieses ist anders. Es verbindet das beste aus zwei Welten: Weisheiten aus Christentum und Buddhismus.
Von Mag. Stefanie Grüssl kennt man ihre Bildbände mit faszinierenden Luftaufnahmen. Anlässlich des EU-Vorsitzes erschien 2018 Höhenflüge. Österreichs Kulturerbe in Luftaufnahmen. 2022 folgte zum Jubiläum "100-Jahre-Niederösterreich" (mit Texten der Kunsthistorikerin Renate Leggatt-Hofer) Niederösterreich. Die Schönheit von Kultur und Landschaft in Luftbildern. Das jüngste Buch der Künstlerin ist ein Gemeinschaftswerk mit ihrem Ehemann, dem Wirtschaftscoach Gerald Grüssl.
Die gebürtige Grazerin stammt aus einer künstlerischen Familie. Si absolvierte die Meisterschule für Keramik und Ofenbau sowie das Studium "Produktgestaltung und Design" an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Dort wirkte sie, nachdem sie als Designerin tätig war, auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Aufgaben der praktischen Denkmalpflege führten sie quer durch Europa. Neben ihrer Anstellung im Wissenschaftsministerium schuf Grüssl Dokumentationen kulturhistorisch bedeutsamer Gebäude aus dem Hubschrauber für die Burghauptmannschaft und das Bundesdenkmalamt. Zwei Briefmarkeneditionen der Post zeigen ihre Luftbilder. 2025 übergab sie der Nationalbibliothek mehr als 46.000 Digitalisate. Seit dem Pensionsantritt arbeitet sie als freischaffende Malerin und Fotografin. Stefanie Grüssl wurde mit dem großem Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet.
Der Wiener Gerald Grüssl war langjähriger Prokurist im Human Ressource eines Großkonzerns und Geschäftsführer im Bereich Bildungsmanagement für Wirtschaftsunternehmen. Er wirkt als Trainer, Wirtschaftscoach, diplomierter Lebens- und Sozialberater, Meditations- und Achtsamkeitslehrer, bildet TrainerInnen und Coaches aus. Dabei verbindet sich fundierte Erfahrung mit einem tiefen Verständnis für innere Prozesse. Seine Frau lernte er über ihre Kunstwerke kennen. 2023 gründete das Ehepaar den Salon Essenziell, "einen Raum für Begegnung, in dem sich Psychologie, Spiritualität und Kunst verbinden".
Ihr gemeinsames Buch möchte dazu ermutigen, die eigene innere Freiheit zu entdecken und das Leben bewusst, wach und verbunden zu gestalten. Impulse geben ca. 50 Fotos, und acht Gouachen, jeweils auf einer Doppelseite mit Texten perfekt kombiniert.
Die Bilderreise gliedert sich in acht Etappen. Die erste, Kostbarkeit des Lebens, überrascht mit der Spiegelung des Stephansdoms in einer Wasserlacke. Dazu heißt es unter anderem: Auch kleine Alltagssituationen können zu Momenten des Staunens einladen. Die Makroaufnahme einer Schneeflocke wirkt wie ein filigranes Wunder aus Eis. Allein sind sie zerbrechlich, gemeinsam entwickeln sie große Stärke.
Das Bild Uferweg (Ölkreide auf Aquarellkarton) führt hinein in das Kapitel Dankbarkeit als bewusster Zugang zu Glück. Hier erfährt man: Aus christlicher Sicht ist Dankbarkeit eine Antwort auf die empfangene Gnade … und findet ihren Ausdruck im Lob, im Gebet und im tätigen Mitgefühl und: Im Buddhismus ist Dankbarkeit eine Haltung des Erwachens, die das Leiden verringert, indem sie das Ego überschreitet und den Geist für Mitgefühl und Weisheit öffnet …
Die Brücke (Gouache und Ölkreide auf Aquarellkarton) führt zum Hauptkapitel Verbunden sein, in Beziehung leben. Dazu heißt es: In christlicher Perspektive wird Verbundenheit als Nächstenliebe erfahren … Im Buddhismus erscheint sie als Mitgefühl für alle fühlenden Wesen …
In der Folge geht es um Achtsam leben - Gewahrsein im Alltag, in den Fotos unter anderem durch Spiegelungen und ein morgendliches Lichtspiel am Semmering symbolisiert. Ein wichtiger Grundsatz: In der Stille liegt die Kraft zur Veränderung.
Wesentlich auf dem Weg zum wachen und verbundenen Leben ist auch, Klarheit gewinnen - innere Täuschungen erkennen. Zum Foto eines Regenbogens in Waidhofen an der Ybbs ist zu lesen: So schön uns ein Regenbogen erscheint, ist er doch nur ein Schein, illusionär und nicht ergreifbar.
Es folgt die Ermutigung zur Entfaltung der eigenen Potentiale. Die Fotos dazu tragen die Titel Leiter und Mondsichel (Innervillgraten), Pflanze auf Stein (Osttirol), Seerosen (Tulln), Kleiner Fuchs (Bad Mitterndorf) und Pfau im Tierpark (Waidhofen an der Ybbs). Gemeinsam mit den Texten motivieren sie zur Lösungs- (statt Problem-)orientierung: Alles, was wir einmal bewältigt haben, können wir in neuer Form wieder bewältigen. … Jede gemeisterte Herausforderung wird so zu einer Ressource …
Das Bild Lebenszyklus zum Thema Vergänglichkeit und Wandlung (Gouache und Ölkreide auf Aquarellkarton) kommt aus der Natur und zeigt einen Kreis an Blättern, von ganz grün und frisch über gelb und rot bis braun und verwelkt. In das Thema passt die permanente Veränderung, die ein Lebensprinzip darstellt. Dazu als Impuls: Wer erkennt, dass alles im Fluss ist, lernt loszulassen und gewinnt die Freiheit, das eigene Werden bewusst und heilsam mitzugestalten.
Das abschließende Kapitel ist Innere und äußere Ausrichtung übertitelt: Im Christentum richten sich spirituelle Ziele auf die Ausrichtung des Lebens an Gott und das Wachsen in der Nachfolge Christi. … Im Buddhismus liegt das spirituelle Ziel in der Erkenntnis der innersten Wirklichkeit und im Erwachen. Weiter heißt es: Wie der Vollmond in der nächtlichen Weite aufleuchtet, so beschreibt der Buddhismus das Erwachen des Geistes. Und: Befreiung bedeutet hier nicht Flucht aus der Welt, sondern ein freies, heilsames In-der-Welt-Sein. So treffen sich beide Wege in einer gemeinsamen Tiefe.
Im Anhang finden sich Achtsamkeitsübungen für den Alltag und freie Seiten als Raum für die Gedanken. Eine Übung nach Bruder David Steindl-Rast beschreibt den Weg zu einer achtsamen und dankbaren Lebenshaltung: Stop (Innehalten) - Look (Schauen) - Go (Handeln). Der österreichisch-amerikanische Benediktinermönch gilt als bedeutender Mystiker und Brückenbauer zwischen Religionen, besonders zwischen Christentum und Buddhismus. Wie der inzwischen 100-jährige Mönch widmet sich Gerald Grüssl seit vielen Jahrzehnten der Begleitung von Menschen auf ihrem persönlichen Entwicklungsweg. Sein Buch soll zum Wegweiser zu einem wachen und verbundenen Leben werden, verbunden mit einer realen Vision des Glücklichseins durch eine bewusst gelebte Spiritualität. Stefanie Grüssl hat dafür jene Fotografien aus ihrem reichen Oeuvre ausgewählt, die Schönheit zeigen, stärken und Hoffnung geben. Auf die Frage, was im Leben wirklich trägt, finden sie die Antwort: Es ist eine spirituelle, liebevolle und altruistische Einstellung, die trägt.
