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Matthias Marschik - Edgar Schütz: Der Praterstern#

Bild 'Schuetz'

Matthias Marschik - Edgar Schütz: Der Praterstern. Ein Fixstern mit sieben Strahlen. Edition Winkler-Hermaden, Schleinbach. 112 S. ill., € 19,90

Der Historiker Matthias Marschik und der Journalist Edgar Schütz sind ein erfolgreiches, produktives Autorenduo der Edition Winkler-Hermaden. Von ihnen erschienen "Automobiles Österreich" (2021), "Österreich fährt Rad" (2023), "Wien und seine Berge" (2024), zuletzt "Wien - eine Stadt verändert sich", (2025) Matthias Marschik lehrt an den Universitäten Wien, Salzburg und Klagenfurt Cultural Studies, Sport- und Zeitgeschichte, kuratiert Ausstellungen und organisiert Kongresse. Edgar Schütz leitet das Außenpolitik-Ressort der Austria Presse Agentur.

Der Praterstern ist einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Wiens. Die Autoren nennen ihn Transitraum und Problemzone, aber auch ein metaphorisches Kaleidoskop, in dem sich die Wiener Bevölkerung widerspiegelt. Den Beweis liefern mehr als 100 historische Fotos und einige Bilder aus jüngerer Zeit, mit knappen Erläuterungen versehen. Zwei Zeitzeugen erinnern sich an ihren Wohnbezirk. Damit folgt der Band dem Format der kompakten Serie nach dem Verlags-Motto "Illustrierte Bücher in attraktiver Ausstattung".

Die Entwicklung des Pratersterns begann 1766, als Joseph II. das bisherige kaiserliche Jagdrevier für die Untertanen öffnete. Um 1820 präsentierte sich die Gegend noch als "bürgerliche Idylle". Doch wenig später, 1848, kam es in der "Praterschlacht" zu schweren Kämpfen zwischen Arbeitern und der Nationalgarde.

Lange, bevor der Praterstern 1879 den offiziellen Namen erhielt, bestanden die sieben Straßen, die zu seinem Mittelpunkt führten. Von wesentlicher Bedeutung waren der Bau des Nordbahnhofs und des Nordwestbahnhofs. Der Nordbahnhof wurde 1838 als Frachtenbahnhof errichtet und erhielt 1859 bis 1865 ein neues Gebäude, das ihn zum prunkvollsten der Monarchie werden ließ. Mit ihrem Ende verlor er seine überregionale Bedeutung und verschwand nach Kriegsschäden. Der (2 km entfernte) Nordwestbahnhof existierte zwischen 1872 und 1924. Seine Halle diente später für Großveranstaltungen und wurde 1952 demoliert.

Flüsse und Brücken bestimmten die Insel Leopoldstadt. Im Mittelalter führte die Schlagbrücke über den Donaukanal. Sie musste 1819 der hölzernen Ferdinandsbrücke und 1910 der Schwedenbrücke weichen. Mit der Donauregulierung entstand 1876 die Kronprinz-Rudolf-Brücke . 1934 begann der Bau der Reichsbrücke an ihrer Stelle. Mit 1250 m war sie eine der längsten Kettenbrücken Europas, bis sie 1976 einstürzte.

Sieben Straßen - Ausstellungsstraße, Nordbahnstraße, Heinestraße, Franzensbrückenstraße, Praterstraße, Lasallestraße und Prater Hauptallee - münden in den Platz, in dessen Zentrum der Gemeinderat 1886 das Tegetthoffdenkmal aufstellen ließ. Das Monument misst 22 Meter, die mit Rammspornen von Schiffen geschmückte Marmorsäule elf Meter. Darauf steht die 3,5 m große Bronzestatue des Admirals, der mit dem Sieg in der Seeschlacht von Lissa, 1866, zum Seehelden geworden war. Das - versetzte - Denkmal wurde 2016 bis 2018 umfassend saniert.

Die nächsten beiden Kapitel widmen die Autoren dem Öffentlichen Verkehr und dem Individualverkehr'. Nich nur hier kommt ihre ablehnende Haltung gegenüber Autofahrern zum Ausdruck. Bewohner, Reisende, Flaneure zeigt "Menschen am Praterstern". Beim ersten Bild von Häuser, Geschäfte, Lokale liest man: Architektonische Highlights wie die Praterstraße kann der Praterstern selbst nicht bieten und ebenso wenig berühmte Lokale wie der Prater. Der Praterstern ist von Lokalkolorit geprägt und ein wenig von den nahen Bahnhöfen und vom Prater.

Anlass für Feste und Feiern waren in der Monarchie 1852 die Rückkehr des jungen Kaisers Franz Joseph aus Ungarn, 1896 der Staatsbesuch des Zaren und 1916 der 50. Jahrestag der Seeschlacht von Lissa. 1928 zogen 150.000 Menschen zum 10. Sängerbundesfest vom Ring über den Praterstern. 1955 durchschritten Politiker publikumswirksam die neu eröffnete Fußgängerunterführung. Ein Sternmarsch mit rund 70.000 Menschen im Mai 1982 war die bis dahin größte Demonstration in Österreich. Im Prater wurde ein "Friedenscamp" veranstaltet.

Stimmungen und Impressionen beschließen den aufschlussreichen Band. Eine farbenfrohe Ansichtskarte aus dem Jahr 1900 zeigt den Prater als idealisierten Ort. Kurz vor dem 1. Weltkrieg konnte man dort auf einem "Skating Rink" eislaufen. Etwa gleichzeitig machte eine Karte Lust auf einen "Ausflug in den Prater". Ein Tourist fliegt, von einem Regenschirm getragen, zwischen Tegetthoff-Denkmal und Riesenrad. Auch bei der Ansicht des Armee-Luftschiffes anno 1909 hat der Grafiker etwas nachgeholfen. So bodennah wie dargestellt fuhr es nicht über die Leopoldstadt. Keine Grenzen waren der Phantasie auf einer 1910 gedruckten Karte gesetzt. Über der mit Fahrrädern, Autos und Straßenbahnen dicht belebten Praterstraße schweben Passagiere in Waggons der Kahlenbergbahn und Ballons. Das letzte Foto zeigt eine Planierraupe mit dem Riesenrad im Hintergrund: Der Praterstern war und ist ein Tor zur Innenstadt, zur Donau und zum Donaukanal, und durch die Bahnhöfe sogar ein Tor zur Welt. Doch eines bleibt er letztlich immer: ein Ort der Veränderung. Mit anderen Worten: Eine Baustelle.

hmw