artgerecht: Debatten#
(Der Kunstbegriff ist etwas Dynamisches)#
von Martin KruscheWir pflegen im engeren Kreis des Archipels laufend Debatten über unsere Vorhaben und deren Hintergründe, deren Zusammenhänge. Ich bin in diesem Zusammenhang ein sturer Kerl, verlange als Begründung für eine Kulturformation zuerst einmal: „Inhalte! Inhalte! Inhalte!“
Das heißt nicht, alle Beteiligten müssen den Diskurs lieben. Eine taugliche Kulturformation bündelt sehr verschiedene Kompetenzen, was keineswegs verlangt, daß alle Aktiven die selben Fertigkeiten haben sollen. Es bewährt sich eine Praxis des Kontrastes.
So habe ich derzeit auf dem Weg zur Ausstellung „artgerecht“ vor allem die Crew und die Werke von Marina Brandls Teilprojekt „Aufgelegt“ bestaunen können, denn dazu war ein sehr hoher Anteil an handwerklicher Arbeit notwendig.
Hand und Werk#
Da ich zum Handwerker nicht tauge und in solchen Metiers bloß als Hilfskraft geeignet bin, habe ich mich in Bereichen des symbolischen Denkens etabliert. Deshalb bin ich den handwerklichen Sphären dennoch eng verbunden.Das hat auch im Kunstbereich seine Felder, wovon etwas in der Ausstellung „artgerecht“ nun (Mai 2026) zu sehen ist. Objekte und Skulpturen, die ohne handwerkliche Kompetenzen nicht entstanden wären. Wir unterscheiden heute zwischen Kunst und Kunstfertigkeit. Das war nicht immer so.
Der Begriff Téchne stand in der Antike ursprünglich gleichermaßen für Handwerk, Kunst und Wissenschaft. Im Laufe von Debatten, die uns überliefert sind, wurde schließlich zwischen freien und „knechtischen“ Künsten unterschieden: Artes liberales und Artes mechanicae. Um kurz herauszustreichen, wie gravierenden die Unterschiede der stets neu zu verhandelten Kunstbegriffe sind, folgende Skizze.
Kunsthistoriker Bruno Reudenbach nennt als die sogenannten Freien Künste „seit der römischen Antike ein den freien Römern zukommendes Programm höherer Allgemeinbildung, das aus verschiedenen Disziplinen (artes) bestand. Ars bedeutete dabei als die lat. Übersetzung des griech. téchne zunächst allgemein eine erlernbare Tätigkeit. Die Einengung dieses weiten Verständnisses von ars und die Festlegung dieses Bildungsprogramms auf bestimmte Fächer begann schon in der römischen Antike und führte zu einem Kanon von sieben Disziplinen, die mit Sprache befassten Fächer des Triviums – Grammatik, Rhetorik, Dialektik – und die rechnenden Disziplinen des Quadriviums – Arithmetik, Geometrie, Musik (verstanden als Lehre von Harmonie und Proportionen), Astronomie. Die heute geläufige Übersetzung von a. l. als ›Freie Künste‹ suggeriert also fälschlich eine Nähe zum modernen Kunstbegriff.“
Was im „Archipel“ gelingt, basiert auf einer kollektiven Praxis der Wissen- und Kulturarbeit. Das ist kein Konzert für Solisten. Den Solopart leben wir jeweils ohnehin in der künstlerischen Arbeit, bei der einem niemand dreinzureden vermag; außer man sucht die Debatte. In den Schritten nach außen, wie etwa mit einer Veranstaltung, sind soziale Kompetenzen gefordert.
Beim aktuellen Aufbau hatte ich ein diesbezügliches Gespräch mit Maler Heinz Payer, der auf Jahrzehnte seiner Praxis als Psychologe zurückblickt. Wir haben unter anderem das Thema „Wir-Konstruktion“ gestreift. Familie? Gruppe? Dorfgemeinschaft? Massengesellschaft einer Nation? Oder auch: „Szene“ der Kunstschaffenden?
Das steht derzeit ja konzentriert in unserer „Konferenz in Permanenz“ zur Diskussion. Wir sind uns einig daß bei Frage nach dem „Wir“ diverse Zeichensysteme (Codes), Verhaltensregeln, Rituale und Narrative unverzichtbar von Bedeutung sind. Da mag Ihnen auffallen, diese Belange haben eine ganze Menge mit dem zu tun, was in der Kunst bearbeitet und von einer Kulturformation ins Gemeinwesen übertragen wird.
- Achter Mai 2026 (Übersicht)
- Konferenz in Permanenz: 28/04/26 (Startseite)



