artgerecht: Die Vernissage#
(Wozu wir Menschen taugen)#
von Martin KruscheMan kann es behaupten. Man kann davon erzählen. Aber erst wenn es sich ereignet und man mitten drinsteht, wird anschaulich, was so eine Veranstaltung bedeutet. Sie erinnert uns daran, wozu wir als Menschen fähig sind. Daß der Erfolg unserer Spezies in Kooperation wurzelt, nicht aus Konkurrenz entsteht, in der Leue zur Seite geschoben werden.
Es belegt auch, daß wir in einer dichten Zusammenkunft zur Heiterkeit und einem achtsamen wie anregenden Umgang miteinander taugen, ganz egal, wie kontrastreich so eine Gesellschaft zusammengesetzt ist; natürlich auch mit einander widersprechenden Ansichten.
Dann aber auch speziell dies, da Kunstwerke der Anlaß für so eine Zusammenkunft sind. Es betont die Erinnerung daran, daß wir offenbar als einzige Art auf Erden zu symbolischem Denken fähig sind, welches sich nicht nur, aber sehr wesentlich in der Kunst ereignet, zeigt.
Wozu Kunst?#
Wer nun meint, die Kunst sei ein „Mittel um zu…“, also etwa um gesellschaftliche Problemlagen zu reparieren, läuft völlig neben der Spur. Es ereignet sich in solchem Zusammenhang etwas ganz anderes. Daß wir uns nämlich im Schaffen und/oder im Betrachten von Kunstwerken gleichermaßen üben, unser symbolisches Denken zu verfeinern.Wir machen Wahrnehmungserfahrungen, knüpfen Reflexion daran. Wir erweitern so eigene Kompetenzen, dank derer wir dann oft auch besser in der Lage sind, Probleme zu bearbeiten oder - ganz generell - das geistige Leben eines Gemeinwesens zu bereichern.
Es bleiben bei all dem überdies Aspekte einer Magie. Ich habe nun nicht bloß über Wochen, sondern über einige Monate hinweg praktisch jeden Tag an diesem Projekt gearbeitet, kenne also unzählige Details, Motive, Zusammenhänge.
Aber dann dieser Abend, als sich zwischen den Wänden der alten Poststation so viele Menschen einfanden, um zu sehen, was da in den Tagen davor aufgebaut worden war. Ich staunte, war auf fröhliche Art fast erschrocken, all dem gewissermaßen entfremdet, was mich eben erst Arbeitszeit gekostet hat. Es war etwas völlig anderes draus geworden, ein neues Erleben.
Ich erlebte, was es bewirkt und herbeiführt, wenn Menschen sich verständigen und ihre Kräfte bündeln. Rund 40 engagierte Leute hatten diesen Abend mit etwas erfüllt, was vorher nicht dagewesen ist und was ohne Zweifel Folgen haben wird. Das übrigens ist in unserer Kultur Poiesis: etwas entstehen lassen, was es davor nicht gegeben hat. Ergo: Poesie!
Damit haben wir den Lauf der Welt noch nicht verändert, aber wir konnten uns einmal mehr vergewissern, wozu wir als Gemeinschaft in der Lage sind. Es ist eine weitere kleine Übung darin, nicht zuzulassen, daß Auffassungsunterschiede dazu führen, Mitmenschen als „Gegenmenschen“ zu markieren und schließlich zu „Nichtmenschen“ umzudeuten. (Diese Vernissage hat am 8. Mai stattgefunden. Ein bedeutendes Datum Europas.)
- artgerecht: Die Dokumentation (Übersicht)


