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Krusche, Notiz #3: Die Rudelbildung von Schnöseln#

von Martin Krusche

Vorhin also Matthias Marschik, Foucault und diese Effekte, „wie Diskurse für lange Zeit gültig sind, und wie sie in einem bestimmten Moment innerhalb weniger Jahre sich massiv verändern.“ Ich versuche gerade, mich genauer zu erinnern, ob ich so ein Kippen schon einmal erlebt hab. Aber was ich als Ära empfinde, die nun offenbar geendet hat, ist durchgängig, obwohl mir dabei eine spezielle Merkwürdigkeit schon früher aufgefallen ist.

Ich sehe mich ständig nach Strukturen um… (Foto: Martin Krusche)
Ich sehe mich ständig nach Strukturen um… (Foto: Martin Krusche)

Diese Tendenz, Defizite einer Gesellschaft großspurig umzudeuten. Das kommt am Ende solcher Bearbeitung als ein individuelles Versagen heraus. Ich meine damit, strukturelle Mängel werden einem eventuell als persönliche „Fehlleistung“ angeheftet, was anderen die Auseinandersetzung mit komplexeren Kräftespielen erspart. „Der hat versagt“ läßt sich leichter abhandeln als sich zu fragen: „Können wir auf den verzichten?“

Was mir diesbezügliche Gespräche der letzten Wochen eher bestätigen: Die alten Versprechen, denen wir uns verpflichtet sahen, sind tatsächlich in hohem Maß entwertet, sind ungültig geworden. Dieses neue Paradigma „Sichtbarkeit vor Authentizität“ läßt sich mit ganz banalen Beispielen belegen. Zum Beispiel: Jedes ausführlichere Statement auf Facebook erscheint rekordverdächtig, wenn ich dafür drei bis vier Likes kassiere. War ich beim Friseur und belege das mit einem Foto, sind 30 Likes das Minimum.

Ich beklage sowas nicht, es sind einfach aktuelle Verhältnisse. Marschik hatte es so ausgedrückt: „In einer Zeit des Jugendwahns und der markttauglichen Aufbereitung (statt Inhalten) sind unsere Ideen vermutlich wirklich nicht mehr ‚zeitgemäß‘.“ Genau diesen Aspekt, die markttaugliche Aufbereitung, hatten wir uns im Jahr 2007 als Thema vorgenommen. Das war unser next code: coffee im Rahmen der netart community convention in Graz. Ich erinnere mich deshalb so gut daran, weil damals ein wichtiger Impuls wieder einmal von der Architektur kam. Und zwar über den Begriff Rendering.

So manche Bürgermeister wollten die Komplexität von Bauvorhaben nicht mehr erkunden und ihrem Gemeinderat darlegen oder gar der Bevölkerung. Statt dessen würde „A schönes Rendering“ bevorzugt, also eine attraktive Darstellung in ansprechenden Bildern. Die Debatten würden lieber ausgespart, so käme das Verfahren schneller vom Tisch. Zack, zack, zack, erledigt!

Verstehen Sie mich recht, ich hab heute kein Interesse mehr daran, über diese Zustände zu lamentieren. Ich erkenne den Status quo an. Aber ich brauche stichhaltige Befunde und klare Beschreibungen, um meinen eigenen Standort festlegen zu können. Der befindet sich eindeutig in Opposition zu solchen Verhältnissen.

Ich hab oben den Modus „Sichtbarkeit vor Authentizität“ erwähnt. Er läßt sich an einem prominenten Beispiel überprüfen. Ich hab, staunend, das Youtube-Video "ABOUT YOU Awards 2019 - Ganze Sendung" (Die größte Influencer Award Show des Jahres) durchgesehen. Ich war einerseits verblüfft, daß man mir ein derart großes Rudel blendend aussehender junger Menschen in so kontrastreicher, eindrucksvoller Kostümierung zeigen konnte.

Ich war andrerseits irritiert, daß sich im Laufe von eindreiviertel Stunden kein einziger geistreicher Satz zitieren läßt. Ich hab mich bemüht, das Video - in Abständen - zweimal durchzusehen.

Da ist nichts zu holen. Mehr noch, selbst routinierte Showgrößen wie Heidi Klum und die Kaulitz-Zwillinger sind damit überfordert, haben nichts auf Lager, äußern sich mehrfach in geradezu dummem Gestammel. (Ich nehme gerne Post entgegen, die mir aus dieser Sendung irgendeinen klugen Satz liefert, den ich überhört habe.)

Ich nenne solche Verhältnisse einfach Verschnöselung und kann mich mit der Rudelbildung von Schnöseln nicht weiter befassen. Bezüglich der Politik sieht das für mich anders aus...