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Brüllen und flüstern#

von Martin Krusche

Wenn alle brüllen, ist es nicht möglich, sich verständlich zu machen, indem man versucht, noch lauter zu brüllen als die anderen. Ein Bonmot besagt, wenn das Dreifache eines Mittel nicht fruchtet, wird auch das Zehnfache davon nichts nützten. Sollte man daher leiser werden, um sich mitzuteilen?

Die harte Tour als Standardroute? (Foto: Martin Krusche)
Die harte Tour als Standardroute? (Foto: Martin Krusche)

Gebrüll, Gezänk, Beschimpfungen. Ich kann seit geraumer Zeit bloß staunen, wer sich alles zu beleidigenden Tiraden hinreißen läßt und welche geringen Anlässe dazu genügen. Spannungsabfuhr, indem man andere zu kränken versucht? Und das in genau dem Tempo und der Härte, wie es die neuen Medien heute erlauben?

Wer mit unserer Kultur halbwegs vertraut ist, kann absehen, daß solches Verhalten von Menschen in Legionsstärke unserer Gesellschaft Kerben schlägt, die wir im Gemeinwesen noch lange zu spüren bekommen werden. Was solche Hiebe bewirken, läßt sich nicht ohne weiteres ausbügeln, glätten. Es läßt sich schon gar nicht ungeschehen machen.

Ich war dieser Tage mehr als einmal sehr überrascht, welche honorigen Leute sich zu welchen Äußerungen bewegen ließen, die dann via Massenmedien rausgingen. Es ist definitiv eine spezielle Zeit der Zorns. Selbst erklärtermaßen bürgerliche Kräfte geben plötzlich nichts bis wenig auf „bürgerliche Tugenden“, zu denen auf jeden Fall Mäßigung gehört.

Das ist übrigens ein Motiv aus den Fundamenten der Kultur Europas. In der griechischen Antike galt genau das als ein wichtiges Ideal. Mäßigung. Heute könnte man sagen: Gewaltverzicht zugunsten des Gemeinwesens.

Es muß ja klar sein, jede Unbeherrschtheit gegenüber anderen, jeder heftige Ausfall gegen Mitmenschen, jede Attacke birgt die Gefahr, eine Kette von Gewalt auszulösen. Gewalt, die sich nicht bloß im Zuschlagen mit Fäusten zeigt, sondern auch, indem man jemandes Lebensumstände beschädigt; und seien es bloß die schon erwähnten Kränkungen.

Kurz und bündig: das sind Posen, die das Faustrecht fördern. Damit haben wir Tretminen im Gemeinwesen deponiert, im Staat vergraben, wobei schließlich niemand sagen kann, wann solche Ladungen hochgehen und wen es dann trifft.

Für den kulturellen Bereich ist das unter anderem deshalb wichtig, weil Wissens- und Kulturarbeit immer auch von jenen Narrativen handelt, mit denen sich eine Gesellschaft ihrer selbst versichert. Wer darf erzählen, wer und was wir sind?

Eine große Gemeinschaft ist die Summe dessen, was die breit akzeptierten Erzählungen über sie besagen. Auch wenn es etwas krytisch klingen mag, wir sind das, was wir aus uns machen. Es resultiert aus dem, wie wir miteinander umgehen. Ich hab das in den letzten Wochen mit einigen Menschen erörtert: Wenn alle brüllen, sollten wir vielleicht flüstern. Das werde ich erkunden.