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Notiz 037: Regionale Artefakte und Geschichten#

(Zu einer Ausstellung im Gleisdorfer MiR)#

von Martin Krusche

Wozu Museen? Was bedeuten Sammlungen? Ob tote Dinge eine Aura haben? Von sich aus wohl eher nicht. Ein Kabel, mit dem man Strom leitet. Eine Schulbank. Eine Schiefertafel. Eine alter Heuwagen. Ansichtskarten aus vergangenen Tagen. Eine Kelle, die Kaiser Franz Josef in der Hand hatte. Ah! Da klingelt etwas.

„Herr Polizei, durt schift ana zubi“ sollte offenbar die öffentliche Verrichtung einer Notdurft ahnden. (Foto: Martin Krusche)
„Herr Polizei, durt schift ana zubi“ sollte offenbar die öffentliche Verrichtung einer Notdurft ahnden. (Foto: Martin Krusche)

Es ist uns zwar keine politische Handlung bekannt, die es wert wäre, mit Respekt an diesen Monarchen zu erinnern, aber wir wurden über Jahrzehnte mit eher vorteilhaften Klischees vollgestopft, die einen freundlich an diesen Habsburger denken lassen. Aura wird also gebastelt, gebaut, konstruiert.

Aber das ist ohnehin ein ganz banaler Aspekt menschlicher Kultur. Wir laden Dinge oder Figuren mit Bedeutungen auf. Wir valorisieren sie, würde Kunsthistoriker Boris Groys sagen. Oder wir finden Gründe, um einen Wertgegenstand aus den Archiven der Kultur wieder zu entfernen, zu trivialisieren, ihm also seine Aura herunterzureißen.

Nun: eine Kelle und ein Maurerhammer. Diese Artefakte sind in den Depots Gleisdorfs verwahrt und derzeit in einer Ausstellung zu sehen, welche der Geschichte dieses Ortes gewidmet ist.

Davon ist freilich weit mehr verfügbar, etwa in den Räumen unter dem Service-Center verwahrt. Aber die Ausstellung ist konzentriert gehalten, bietet darin freilich immer noch eine Fülle an Informationen, ganz egal, ob man mit Vorwissen kommt, oder ob man sich überhaupt erst einmal orientieren möchte.

Die Schau „Stadtgeflüster“ wurde in drei Folgen angelegt. Diese zweite ist dem Zeitfenster 1848 bis 1920 gewidmet. Die Darstellung beginnt also im Jahr der Untertanenbefreiung, genauer: beim Ende der Erbuntertänigkeit, „Bauernbefreiung“ genannt. Damit änderte sich das Leben in Europa radikal. Die kleine österreichische Revolution von 1848 lasse ich beiseite, da wir in diesem Land kein Talent zum Rebellentum haben. Lange Zeit kamen bei uns die Reformen bloß von oben.

Der stilisierte Maurerhammer zeugt von der Huld des nutzlosen Kaisers. (Foto: Martin Krusche)
Der stilisierte Maurerhammer zeugt von der Huld des nutzlosen Kaisers. (Foto: Martin Krusche)

Die schon erwähnte Schulbank mit der Schiefertafel könnte als Hinweis gedeutet werden, daß der Umstieg vom Untertan zur Bürgerin, zum Bürger, ganz wesentlich über die Bildung herging. Ein Highwheeler vom Ende des 19. Jahrhunderts symbolisiert technischen und sozialen Fortschritt. Dieser Fahrradtyp wurde auf die Jahrhundertwende zu vom modernen „Niederrad“ („Safety“) abgelöst, wie es heute noch in Gebrauch ist.

Im November 1909 lud ein Plakat die Menschen aus Graz und der Oststeiermark zu einem „Eisenbahn-Tag“ nach Gleisdorf. Es ging darum, den Ausbau der Strecke Hartberg-Gleisdorf zu feiern. Eisenbahn und Fahrrad waren revolutionäre Innovationen in der Raumüberwindung, deren damalige Attraktivität wir uns heute kaum noch vorstellen können.

Manfred Graf Clary und Aldringen war „K.k. Statthalter von Steiermark“ und übernahm 1907 die Patronanz über eine Handwerksausstellung in Gleisdorf. Das Plakat dazu läßt kaum noch erahnen, wie wichtig solche Schausammlungen damals waren, um jenes Know how zu importieren, mit dem die Steiermark aus ihrer ursprünglichen Rückständigkeit heraus in Richtung Höhe der Zeit unterwegs gewesen ist.

Wer das etwas genauer wissen möchte, findet in einer Publikation von 1890 hinreißenden Lesestoff. Auf dem Server der TU Graz liegt die aufschlußreiche Anthologie „Culturbilder aus Steiermark“, in der man detailliert nachlesen kann, wie exponierte Persönlichkeiten die einzelnen Wirtschaftsbereiche des Landes dargestellt haben: (Link)

Die Zeit von 1848 bis 1920 ist durch große soziale und technische Umwälzungen geprägt. Die Erste Industrielle Revolution war in ihre nächste Phase (Automatisierung) übergegangen. Als Österreich auf dem Balkan expandieren wollte, seinen Krieg gegen Serbien aber weder zeitlich, noch räumlich eingrenzen konnte, war das der grundlegende Impuls für ein Kräftespiel, in dem die alten Dynastien Europas sich gegen ankommende Veränderungen auflehnten. Daraus entstand der Große Krieg von 1914 bis 1918, von dem die Blüte der Jahrhundertwende aufgefressen wurde.

Highwheeler und Heuwagen belegen zwei höchst unterschiedliche Mobilitätskonzepte. (Foto: Martin Krusche)
Highwheeler und Heuwagen belegen zwei höchst unterschiedliche Mobilitätskonzepte. (Foto: Martin Krusche)
Mindestens so radikal wie die Dampfmaschine: die umfassende Elektrifizierung der Welt. (Foto: Martin Krusche)
Mindestens so radikal wie die Dampfmaschine: die umfassende Elektrifizierung der Welt. (Foto: Martin Krusche)

Die Ausstellung im MiR spart diesen großen Themenbrocken aus. Er würde den Rahmen des Gebotenen und des Rezipierbaren völlig sprengen. Was an erhaltenen Artefakten und allerhand Flachware aus der genannten Ära gezeigt wird, auch eine schöne Auswahl von Bildpostkarten darunter, erfährt durch einige Inhalte via Computer-Terminal Ergänzung. Da hat man selbst die Wahl, wie tief man in das Angebot hineingehen möchte.

In Summe habe ich es mögen, wie frei man sich zwischen den Exponaten bewegen kann, dabei nicht von Informationen erdrückt wird. Ich gehöre zu jenen, die mit einem gründlichen Vorwissen in so einen Raum gehen. Dabei wird die konkrete Ansicht von Originalen aus der Zeit reizvoll, denn sie vertieft die Bilder, die man hat.

Wer den umgekehrten Weg absolviert, ohne Geschichtskenntnisse ankommt, findet dabei vielleicht Anregungen, das eine oder andere Teilthema später genauer nachzulesen. Damit hat die eingangs gestellte Frage „Wozu Museen?“ hoffentlich eine plausible Antwort erhalten. Die Arbeit an solchen kulturellen Angeboten mag beitragen, einer unsachlichen Verklärung unserer Vergangenheit seriöse Denkanstöße gegenüberzustellen.

Wir leben in einer Zeit erheblicher Umbrüche, befinden uns mitten in der Vierten Industriellen Revolution, die in eine globalisierte Wirtschaft eingebettet ist. Da werden uns etwa von vaterländischen Politik-Desperados ganz abenteuerliche Simplifizierungen unserer Geschichte und Kultur angedient. Das verlangt nach gründlicher Geschichtsbetrachtung, seriöser Deutung der verfügbaren Quellen und laufender Diskussion, vor allem auch abseits des Landeszentrums.