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Notiz 017: Markierung am Fluß#

von Martin Krusche

Ich habe nun eine dichte Serie von Gesprächen mit inspirierten Menschen hinter mir. Dabei lag mir augenblicklich vor allem an einem Gewinn schärferer Kontraste, um unsere Gegenwart besser betrachten zu können. Ich habe zu klären, wie stichhaltig mein Gefühl ist, nun sei eine Ära zu Ende, die in unserem Leben mehrere Jahrzehnte gedauert hat. Eine Entwicklung, die wir Kinder des Kalten Krieges durchlaufen haben, um in einen deutlichen Paradigmenwechsel zu geraten.

“Wie auch den Thales, o Theodoros, als er, um die Sterne zu beschauen, den Blick nach oben gerichtet in den Brunnen fiel,…“ (Foto: Martin Krusche)
“Wie auch den Thales, o Theodoros, als er, um die Sterne zu beschauen, den Blick nach oben gerichtet in den Brunnen fiel,…“ (Foto: Martin Krusche)

Ich bin weder an einem Lamento interessiert, noch habe ich etwas zu verkünden. Mich interessiert derzeit einzig so etwas wie gelingende Kommunikation mit geistreichen Menschen. Mich interessieren anregende Erzählungen.

Dabei bin ich auch auf Spurensuche gegangen, um in unserer Gegenwart Motive aufzustöbern, die sich auf die Antike zurückführen lassen. Nicht um eine Art nächste Renaissance anzustreben, alte Konzepte wiederzuverwerten, sondern um ein Gefühl für Zeitfenster und historische Dimensionen zu bekommen. Das verlangt nach Geschichtskenntnis. Es hilft mir in der Orientierung und gibt meiner aktuellen Position Referenzpunkte.

Wenn also nicht lamentiert und nicht gepredigt werden soll, da keine Heilsversprechen vorrätig sind, bleibt das Erzählen. Deshalb habe ich einige Menschen gefragt, ob sie kleine Szenen, Schilderungen, Miniaturen in eine Art Fluß der Geschichten einbringen würden.

Das ruht auch auf ein paar antiken Prinzipien. Die griechische Tragödie handelt von Mimesis, also dem Nachstellen bemerkenswerter Ereignisse. Darin ist kein Tribunal enthalten, keine Urteilsverkündung, sondern vor allem die Einladung, daß alle Beteiligten erzählen mögen, was sie erlebt haben.

Dem Publikum steht es vollkommen frei, daraus Schlüsse zu ziehen oder sich bloß glänzend zu unterhalten. Das prinzipielle Angebot lautet, man könne durch Mitfühlen und sich dem Schrecken öffnen den Weg zur Katharsis einschlagen. Reinigung durch Mitgefühl und Schrecken, das würden wir heute vielleicht eine Methode der Affirmation nennen.

Was ich daran so bewegend finde und daher für eine bedeutende Kulturleistung der Griechen halte, ist dieser Modus, wonach ich nicht jede Erfahrung selbst machen muß, um Klarheiten zu gewinnen, sondern die Erzählungen nutzen kann, um aus den Erfahrungen anderer Menschen zu Nutzen zu ziehen.

Genau das ist auch ein wesentlicher Aspekt von Literatur, denn ich mag davon bewegt werden, ich mag erfahren, was in anderen Menschen vorgeht und was es in ihnen bewirkt hat. Aber ich will nicht belehrt werden. Ich behalte mir jegliches Fazit selbst vor.

Das trennt mich von den Attitüden jenes Bildungsbürgertums, welches sich seit dem 18. Jahrhundert bemüht, in der Bevölkerung Mündel zu rekrutieren, die erzogen und bevormundet werden können.

Deshalb schlage ich auch das Tempo und die Kürze aktuell bevorzugter Medieninhalte und Erzählweisen aus. Ich habe hier begonnen, an einer Stelle zu graben, wo Prozesse Zeit haben dürfen, wo Quellen nicht unter Druck gesetzt werden.

Es zeichnet sich ab, daß hier mehrere Menschen einstimmen werden. Nicht als Teil einer neuen Formation, keiner nächsten Institution zugeordnet, denn es bedarf keiner neuen Gründung. Es ist schon alles gegründet worden. Kommunikationsverhalten und aktive Anwesenheit konstituieren ein schwebendes Wir. Fester muß derlei nicht gefügt werden.

Ich markiere den Ausgangspunkt mit einem antiken Motiv. Unter den Fabeln Äsops soll es eine geben, die Platon im „Theaitetos“ aufgegriffen hat. Darin schreibt sie Sokrates dem Thales von Milet zu. Der sei, so heißt es, eines Nachts unterm Gehen so sehr in die Betrachtung des Himmels versunken gewesen sein, daß er einen Brunnenschacht übersah und prompt hineinfiel.

Das habe eine zufällig anwesende thrakische Dienstmagd über alles Maßen erheitert. Ihr Gelächter ging in die Geschichte ein. Ihr Spott wurde zum Klassiker und würde in zeitgemäßer Variante vielleicht so lauten: „Du Abgehobener weißt so viel, aber nichts von den Menschen, zwischen denen du herumgehst.“

P.S: Die erwähnte Stelle im Dialog „Theaitetos“

Sokrates: Wie auch den Thales, o Theodoros, als er, um die Sterne zu beschauen, den Blick nach oben gerichtet in den Brunnen fiel, eine artige und witzige thrakische Magd soll verspottet haben, daß er, was am Himmel wäre, wohl strebte zu erfahren, was aber vor ihm läge und zu seinen Füßen, ihm unbekannt bliebe, – mit diesem nämlichen Spotte nun reicht man noch immer aus gegen alle, welche in der Philosophie leben. Denn in der Tat, ein solcher weiß nichts von seinem Nächsten und Nachbar, nicht nur nicht, was er betreibt, sondern kaum, ob er ein Mensch ist oder etwa irgend ein anderes Geschöpf. Was aber der Mensch an sich sein mag, und was einer solchen Natur ziemt, anders als alle anderen zu tun und zu leiden, das untersucht er und läßt es sich Mühe kosten, es zu erforschen. Du verstehst mich doch, Theodoros, oder nicht?

(Quelle / Entstanden etwa zwischen 369 und 366 v. Chr., der Text folgt der Übersetzung durch Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher von 1805.)