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Notiz 051: Was jeder Mensch hat#

KIP: Kulturpolitik #1#

von Martin Krusche

Für angemessene kulturpolitische Arbeit brauche ich Begriffe, die sich auch jenen vermitteln lassen, die zum Beispiel an Kunst so gut wie kein Interesse haben. Damit drücke ich hier aber kein Bedürfnis nach Bildungsarbeit aus, denn wir haben genug Berufsgruppen, die sich pädagogischen Aufgaben widmen. Ich will bloß innerhalb meines Metiers die Grundlagen für fruchtbare Debatten aktuell geklärt wissen. Und ich will mich anlaßbezogen mit Kräften aus Politik und Verwaltung auseinandersetzen können; möglichst auf der Höhe der Zeit.

SPLITTERWERK, Graz
SPLITTERWERK, Graz

Wovon darf ich ausgehen? Ich bin überzeugt, daß ausnahmslos jeder Mensch spirituelle und kulturelle Bedürfnisse hat. Damit wäre das gesamte Gemeinwesen im Blickfeld. Was sich ab da aufblättert, sollte in den Vorhaben halbwegs unmißverständlich angesprochen, auch beschrieben werden können.

Es gibt für mich diese Ausgangsposition, an der keinerlei Zurufe akzeptabel sind, wie und womit solche Grundbedürfnisse gelebt werden. Es muß jedem Menschen frei stehen, das nach eigenem Geschmack zu gestalten. Ich sehe keine Möglichkeit, diese grundlegende Option einer kulturellen Freiheit zu suspendieren.

Daher gehe ich auch davon aus, daß sich im Gemeinwesen Interessensgruppen bilden, kulturelle Lobbies formieren. Wo aber der Staat namens einer Gesellschaft in das geistige Leben investiert, brauchen wir klare Kriterien und nachvollziehbare Gründe, die öffentlich verhandelt werden können.

Ich mag den Begriff Subvention nicht. Wir, der Staat und ich, einigen uns gelegentlich auf bestimmte Vorhaben, bei denen der Staat seinen Teil mittels Kofinanzierung leistet.

Die Subvention als „zweckgebundener, von der öffentlichen Hand gewährter Zuschuß zur Unterstützung bestimmter Wirtschaftszweige, einzelner Unternehmen“ drückt für mich ein antiquiertes Gesellschafts-Modell aus. Der Staat und ich, das sind prinzipiell gleichermaßen Teile eines gemeinsamen „Wir“.

Der Staat unterstützt mich nicht. Wir haben Deals, die in eine Richtung zu Aktivitäten führen, in die andere uns betreffende Richtung zu einem Leistungsaustausch führen, denn ich kann notwendige und sinnvolle Dinge tun, die eine Institution nicht tun kann. (Der Mäzen ist und tut etwas anderes! Er gibt Mittel, ohne dafür etwas zu fordern.) Daher: Kofinanzierung als Aspekt von einem Deal.

Daraus folgt, es regelt auch die verfügbaren Rollen anders: Vom Subventionsempfänger zum Kooperationspartner. Das erfordert in beiden Lagern nächste Rollenbilder. Ich bevorzuge es entsprechend, von einer Kooperation der drei Sektoren Staat, Markt und Zivilgesellschaft zu sprechen. Es kooperieren a) Politik und Verwaltung, b) Wirtschaft, schließlich c) Einzelpersonen und Vereine in wechselweisen Gewichtungen miteinander.

Status und Debatte#

Ich bin, wie erwähnt, überzeugt, daß ausnahmslos jeder Mensch spirituelle und kulturelle Bedürfnisse hat. Es muß jedem Menschen freistehen, sich für diese oder jene Umsetzung zu entscheiden. Diese grundsätzliche Orientierung erlaubt noch keine Hierarchie zwischen den Genres. Wo dann aber Ressourcen bevorzugt konzentriert werden, die öffentliche Hand mitwirkt, bedarf das der nachvollziehbaren Begründung.

Kulturpolitik sollte unbedingt davon handeln, solche Debatten zu führen und zu fördern. Wir stoßen im Alltag laufend auf binäre Zuschreibungen, die irreführend sind: Kitsch und Kunst. Volkskultur und Hochkultur. Kunst und Kommerz. E und U, also Ernst und Unterhaltung etc.

Ich bin freischaffender Künstler. Das ist ein Beruf. Der ist einer Gegenwartskunst gewidmet, keinem Dekorationsgeschäft, keinen sozialen Reparaturarbeiten. Was man dabei an Berufung finden könnte, ist meine Privatsache und ist für der Begründung meines Berufs unerheblich.

Dazu kommt, daß der Broterwerb keine Kategorie der Kunst ist, sondern eine soziale Kategorie. Mein Einkommen, das sich am besten als Jahreseinkommen beschreiben läßt, ist daher ein Aspekt des Berufes, aber keiner der Kunst.

Kunst und Markt#

Im Zusammenhang mit diesen Fragen entscheide ich selbst, ob ich in künstlerischen Belangen für den Markt produzieren will, also ein Werk auf den Kunstmarkt trage, oder ob ich es vorziehe, Kompetenzen, die sich in der Befassung mit Kunst erwerben lassen, auf dem Markt anzubieten.

Genauer: ich lebe in der Kunst und übe eine Kunstpraxis aus. Das führt a) zu Werken und b) zu Kompetenzen. Ich entscheide darüber, was von beidem ich zu vermarkten gedenke. Kommen Deals zustande, die mit öffentlichen Geldern bezahlt werden, steht es niemandem zu, mich abschätzig als „Staatskünstler“ zu bezeichnen oder ähnlich abwertende Prädikate zu forcieren.

Wo immer der Staat in meine Werke oder in meine Kompetenzen investiert, findet ein Leistungsaustausch statt. In dem Zusammenhang ist natürlich jeder Broterwerb, jede Leistung gegen Entgelt, der Ausdruck einer Marktabhängigkeit. Der Staat ist nur einer von mehreren Akteuren auf diesem Markt.

Es ist also für mich nicht die Kunst der Gegenstand von Vermarktung, die bleibt in der Transzendenz. Es sind Werke und Kompetenzen, die einer Vermarktung zugeführt werden. Ich finde diese Präzisierungen unverzichtbar, wenn wir darangehen sollen, kulturpolitische Fragen neu zu stellen und zu bearbeiten.

Ich gehe davon aus, daß wir gerade in eine Transition gegangen sind. Die Covid-19-Pandemie wird uns Erfahrungen bescheren, durch die wir nicht zum Status vor Corona zurückfinden können. Wir wissen noch nicht, wie sich unsere Gesellschaft dann befinden wird. Wir sollten uns also jetzt dem zuwenden, was im Moment noch nicht gedacht werden kann.

Die gute Nachricht, genau das ist ein Wesensmerkmal der Kunstpraxis, und zwar seit über 70.000 Jahren. Der Mensch entwickelt und verfeinert symbolisches Denken, wendet sich dem zu, was im Augenblick noch nicht gedacht werden kann.