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Notiz 055: Kulturtanker?#

KIP: Kulturpolitik #4#

von Martin Krusche

Der Lockdown sorgt an manchen Stellen für erstaunliche Tiefenschärfe. Natürlich haben wir im Kulturbetrieb alle derzeit Probleme, die sich durch die Pandemie verschärft haben. Das teilen wir Freelancers mit tausenden EPU, also Einpersonenunternehmen. Aber auch Kulturinitiativen sind unter Druck geraten. Manche werden es nicht überstehen.

Nehmen Sie doch noch einen Drink, es wird schon nicht ihr letzter sein. (In diesem Fall ein Glas Grauburgunder. Foto: Martin Krusche)
Nehmen Sie doch noch einen Drink, es wird schon nicht ihr letzter sein. (In diesem Fall ein Glas Grauburgunder. Foto: Martin Krusche)

Die Belastungen tanzen wie in einem Mobile. Egal, an welcher Ecke man etwas berührt, bewegt es auch an x anderen Stellen den Lauf der Dinge. Das macht manche trübe Stelle des Status quo viel besser sichtbar. Man muß kein Prophet sein, um damit zu rechnen, daß nun verschiedene politische Formationen einer Art Flurbereinigung in der Szene auf die Sprünge helfen werden.

Ich sehe keinen Sinn darin, das nun laut zu bejammern. Auf solche Entwicklungen muß kulturpolitisch geantwortet werden. Das bedeutet erstens, daß es kein schnelle Lösung geben wird, und zweitens, daß Lamenti und Klagen keine kulturpolitische Relevanz haben. (Falls es jemand besser weiß, soll mir das recht sein!) Nach meiner Einschätzung der Lage sind nun zwei Dinge vorrangig:

  • Diese Krise muß von Kunstschaffenden ökonomisch überstanden werden.
  • Es sollte jetzt eine nächste Kulturpolitik erörtert und formuliert werden.

In der Praxis#

Ich bin Lyriker. Ich konnte noch nie mit dem Schreiben von Gedichten ein adäquates Jahreseinkommen erwirtschaften. Also war es für mich über Jahrzehnte immer klar, mein Brot im kunstnahen Bereich zu verdienen. Das ist in manchen Abschnitten auch ein sehr kunstferner Bereich gewesen, je nachdem, wo mit meinen Fähigkeiten gerade was zu machen war.

Daher ist es für mich ebenso banal wir alltäglich, auf Marktsituationen flexibel zu reagieren. Manchmal bin ich dabei auch untergegangen. (Ich zahle noch einige Jahre an einem Kredit, nachdem Projekte nicht abgehoben haben.) Künstler zu sein handelt von höchst unterschiedlichen Lebens- und Marktsituationen, auch von ganz verschiedenen Lebenskonzepten, oft innerhalb einer Biographie.

Wer das verschweigt oder unterschlägt, ist ein Heuchler oder hat von diesem Beruf keine Ahnung. So eine Existenz wäre unter fairen Marktbedingungen leichter zu führen, als unter Österreichs aktuellem Status quo. Daran sind freilich nicht bloß andere schuld, dazu tragt meine Kollegenschaft auch allerhand bei. Spätestens seit 2010 ist mein Milieu von einem verschwiegenen, verleugneten Verdrängungswettkampf durchdrungen, der manchmal völlig skrupellos geführt wird.

Wer ist „mein Milieu“, wer ist „wir“? Das Kulturvölkchen. Die Initiativen-Szene. Jene in die Jahre gekommene Ex-Avantgarde einer soziokulturellen Revolution. Und ihre Epigonen. Wir machen sowas nicht: skrupelloser Verdrängungswettkampf. Nicht offiziell. Dieses Kulturvölkchen ist im Kielwasser jener Krisen, welche 2008 von den Lehman Brothers getriggert wurden, hart geworden, ferner den eigenen, also den selbstgewählten Prinzipien gegenüber sehr, ähem, räusper, flexibel.

Venceremos!#

Kinder dieser Wohlstandsgesellschaft schieben plötzlich alte Floskeln raus, die wir in anderen Kulturen geklaut haben. So zum Beispiel: „Venceremos!“ Dieses „Wir werden siegen!“ erstarb einst als Lied auf den Lippen von Leuten auch meiner Generation. In Chile. Erst hatte Pinochet die Moneda stürmen lassen, dann ging es für viele Überlebende in Folter-Camps.

„Venceremos!“ Da wird mir schlecht, wenn ich hier jemanden sowas rausschieben höre; als kulturpolitische Ersatzhandlung in der Kritik unserer Regierung. So lese ich etwa auch von einer erklärten Kulturarbeiterin: „Während sich die hochsubventionierten Kulturtanker = Bundesmuseen in der Kurzarbeit erholen (von was eigentlich?)…“ Dann wird mir klar, so ein Kulturbegriff hätte nicht einmal im Neandertal Früchte getragen.

Es sind die Vorleistungen anderer, dank derer wir unsere Möglichkeiten entwickeln. Und es sind die Leistungen anderer, durch die all das komplementär erweitert wird, wofür ich selbst nicht sorgen kann. Ich halte es für einen schreienden Unfug, die eigene Position im Kulturbetrieb verbessern zu wollen, indem man anderen Positionen in solcher Verallgemeinerung ihre Relevanz abspricht. Das ist die gleiche unakzeptable Komplexitätsreduktion, die aus meinem Umfeld gerne den Rechtspopulisten vorgeworfen wird.

Zum Beispiel#

Meine eigene Arbeit hätte in den letzten Jahren kaum die halbe Strecke geschafft, gäbe es online nicht digitalisierte Bestände von Dissertationen, Diplomarbeiten und Fachbüchern, die frei zugänglich sind. Auch viele historische Dokumente, die ich von meinem Schreibtisch aus durchsehen kann, nützen mir seit Jahren erheblich.

Die womöglich unterbezahlte und überarbeitete Universitätsassistentin ist nicht meine Feindin, sondern meine Verbündete. Der Hausmeister, dank dessen Arbeit entsprechende Strukturen bei Pannen stabilisiert werden, ist mein Verbündeter.

Was immer man am Unibetrieb kritikwürdig finden mag, das ist ein anderes Thema. Das soll bearbeiten, wer dazu inhaltlich gerüstet und entsprechend sachkundig ist. Aber im Kern ist das kein „hochsubventionierten Kulturtanker“, sondern ein Stück Infrastruktur meines geistigen und kulturellen Lebens.

Eine Gesellschaft investiert zurecht erhebliche Summen in Archive, Wissensplattformen und wissenschaftliche Arbeit, dank derer meine eigene Vorhaben gewinnen und wir an der Zukunftsfähigkeit dieses Landes etwas bewirken können.

Auch die womöglich schlecht bezahlte und dennoch engagierte Hilfskraft im Landesmuseum ist nicht mein Problem, sondern ist mit mir verbündet. Ich bin seit Jahren darauf angewiesen, daß es üppige Sammlungen gibt. Ich mag und brauche sie in ganzer Spannbreite, von der skurrilen und chaotischen Wunderkammer bis zur vorzüglich dokumentierten Kollektion.

Was in Chefetagen und Vorstandsbüro geleistet und bezahlt wird, ist ein andere Thema, das ich separat behandelt sehen möchte. Ich aber brauche den laufenden Diskurs mit Menschen, die etwas anderes können als ich und die das, was auch ich kann, auf andere Art können.

Davon stehen etliche im Sold der „hochsubventionierten Kulturtanker“. Sie sind mir in ihrer Bereitschaft zum Dialog über Jahre weit wertvoller, als großmäulige Posierer, deren „Venceremos!“ vermutlich nicht einmal seine Quelle kennen will.

Kleiner Einschub#

Wenn ich auf dieses chilenische Fragment so emotional reagiere, dann deshalb, weil ich hier in der Provinz einmal einen Gast bewirten durfte, der war bei Allende in der Moneda, als Pinochet kam. Er überlebt eines der Folterlager. (Was uns damals zusammenführte, war die Freude an Gedichten von Pablo Neruda.) Siehe dazu die Notiz Wissens- und Kulturarbeit, den Diplomaten Osvaldo Puccio Huidobro betreffend.

Ich finde es obszön, in der symbolhaften Auseinandersetzung mit unserer österreichischen Regierung den Zeichenvorrat jener lateinamerikanischen Menschen zu plündern. Ich halte es für problematisch, wenn Kulturschaffende bei uns keine tauglichen Kriterien mehr haben, um eurozentristische Posen und Kolonialstil zu identifizieren.

Für eine nächste Kulturpolitik#

So könnte ich nun weitermachen, jene dummdreisten Mitteilungen zurückzuweisen, mit denen sich jüngst Leute aus meinem Umfeld zu den großen Kultureinrichtungen geäußert haben. Derlei Boulevard-Posen helfen nichts und helfen niemandem.

Es bleibt schwierig genug, institutionelle Mißstände und eklatante Fehlentwicklungen erst einmal präzise zu diagnostizieren, um sie dann bearbeiten zu können. In den Institutionen und aus ihnen heraus? Von außen? Dazu kann ich als gewesener Lehrbub nichts beitragen. Aber es sollte genug akademisches und politisches Personal geben, um den Unibetrieb in die Gegenwart zu begleiten, womöglich in die Zukunft. Das ist nicht mein Thema.

Natürlich sind die Geldflüsse insgesamt staunenswert, manche Beiträge wie auch manche Gehälter atemberaubend. Von 100 Prozent des steirischen Kulturbudgets bleiben mindestens zwei Drittel, womöglich sogar drei Viertel in Graz. Es hat sich das alte Denkmuster „Zentrum/Provinz“ mindestens durch individuelle Mobilität und Neue Medien fundamental verändert. Das bildet sich freilich noch längst nicht in unseren Strukturen ab.

Aber das wird voraussichtlich nicht durch Leute besser, deren kulturpolitisches Motto „Venceremos!“ lautet. Dazu werden wir andere Strategien und Modi brauchen.