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Notiz 018: Die Tiefe des Geschehens#

von Martin Krusche

Momentan faszinieren mich gerade Felszeichnungen aus der Bronzezeit, auf denen Langschiffe dargestellt sind. Vor allem diese stark abstrahierten Motive. Ich denke, die folgende Arbeit stammt aus Bornholm in Schweden. Diese Ära bietet eine sehr spezielle Besonderheit. Mecklenburg Vorpommern wird von einem Fluß namens Tollense durchzogen.

Langschiff, in einen Felsen in Schweden graviert. (Foto: Archiv Martin Krusche)
Langschiff, in einen Felsen in Schweden graviert. (Foto: Archiv Martin Krusche)

Im Tollense-Tal fand während der Bronzezeit – soweit wir heute wissen – die erste Schlacht Europas statt. Es ist bisher noch völlig unklar, weshalb sich in so einem dünn besiedelten Gebiet plötzlich gut bewaffnete und trainierte Kämpfer zu mutmaßlich mehreren Tausend eingefunden hatten, worauf ein beispielloses Gemetzel anfing.

Da kamen auch berittene Kräfte zum Einsatz, wurden überdies in Felszeichnungen dargestellt. Außerdem zeigten etliche Skelette Kampfspuren, die annehmen lassen, daß Reiter vom Boden aus attackiert und verletzt wurden.

Später fanden jene neolithischen Massaker statt, die uns ebenfalls bis heute Rätsel aufgeben. Eines davon ereignete sich in Österreich, ist mit dem Namen Schletz verknüpft, einem Ortsteil von Asparn an der Zaya. (Im Mai 2019 wurde von einem solchen Fund in Polen berichtet: Mass grave in Poland embodies the violent beginning of the Bronze Age“.)

Es gibt quer durch Europa eine ganze Reihe solcher Massengräber und Fundstellen. Auf dem Weg zur Seßhaftwerdung der Menschen wurde Metallurgie zu einer bedeutenden Disziplin, Werkzeuge und Waffen gewannen sprunghaft an Effizienz. Davon handelt auch dieser Bogen: Steinzeit, Eisenzeit, Bronzezeit, Neolithikum. Aber ich war aber grade bei den Schiffen, die wir in der Popularkultur vor allem als Drachenboote der Wikinger kennen.

Rasantes Waffensystem: Reiter mit Speer und Schild (Foto: QbA, CC BY-SA 3.0)
Rasantes Waffensystem: Reiter mit Speer und Schild (Foto: QbA, CC BY-SA 3.0)

Das Thema ist freilich komplexer. Nils-Axel Mörner und Bob G. Lind haben in einer Arbeit über „Astronomy and Sun Cult in the Swedish Bronze Age“ Felszeichnungen aus Griechenland und Schweden verglichen: „Some of the Swedish rock-carvings of ships are so similar to pictures found in Greece that we may well term them ‚almost identical‘.“ Sie bieten in dieser Publikation eine praktische kleine Übersicht jenes Zeitfensters.

Was dies Bronzezeit betrifft, hielten die beiden fest: "In Scandinavia, the Bronze Age started at 1750 BC and ended by 500 BC.“ Zu den Handelsbeziehungen zwischen Süd und Nord meinten sie: "People from the Eastern Mediterranean came to Scandinavia in big ships via The Strait of Gibraltar and the North Sea. The ships were loaded with bronze." Auf dem Rückweg brachten sie große Mengen von Bernstein mit. (Die Publikation: International Journal of Astronomy and Astrophysics, Mai 2018)

Handel und Krieg, Wissenserwerb, Kulturaustausch, Gewalttätigkeit, das ist alles verwoben. Darin sehe ich ein Stück Hintergrundfolie für unsere regionale Wissens- und Kulturarbeit, die abschnittweise dem Wechselspiel zwischen "Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft" gewidmet ist. Siehe dazu: KWW!

Das wirft bei der aktuellen Spurensuche einige Fragen auf, was denn Schnittstellen und gemeinsame Quellen von Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst seien; wobei derzeit womöglich der Begriff Volkskultur den meisten Klärungsbedarf erzeugt.

Dabei mag einleuchten, daß uns ein Blick auf frühe Formen künstlerischen Ausdrucks einiges nützt. So ist etwa die Ära der neolithischen Massaker eine Zeit, in der erhaltene Linienbandkeramik uns Aufschluß gibt, wie sich symbolisches Denken der Menschen damals ausgedrückt hat.

Beispiel für Linienbandkeramik aus der Zeit 5400 bis 4000 v. Chr., gefunden im Raum Budapest (Foto: Bjoertvedt, CC BY-SA 4.0)
Beispiel für Linienbandkeramik aus der Zeit 5400 bis 4000 v. Chr., gefunden im Raum Budapest (Foto: Bjoertvedt, CC BY-SA 4.0)

Einerseits bekommen wir auf diesem Weg Eindrücke von der Genese der bildenden Kunst, andrerseits zeigen uns die alten Werke anschaulich, wie Abstraktion funktioniert, die in solcher Art bis heute in der Kunst Bedeutung hat. Manche Menschen verwechseln gerne simple Darstellungen mit jener Reduktion, die aus einem gekonnten Abstrahieren entsteht. Es sind derlei Arbeiten, wie auch zeitgenössische Werke, von denen sich Schnösel gelegentlich gerne zur Behauptung hinreißen lassen: "Das kann ich auch!"

Mir muß man so eine Großspurigkeit dann beweisen, auf daß wir in den meisten Fällen sehen: er oder sie kann es eben nicht. Selbst schlicht anmutende Arbeiten, stark reduzierte Werke, haben erst dann Dynamik und Eleganz, wenn die Hand geübt ist wie auch die ästhetischen Erfahrungen hinreichen müssen. Das meint den Unterschied zwischen unbedarftem Gekritzel und versierter Reduktion.

Langschiff auf einer Felszeichnung in Tanumshede, Schweden. (Foto: Public Domain)
Langschiff auf einer Felszeichnung in Tanumshede, Schweden. (Foto: Public Domain)

Das ist eines der auffallenden Probleme kreativer Praktiken in der Provinz. Da wird von unzähligen Leuten mit großer Kraft eher an der Selbstdarstellung, denn an den künstlerischen Fähigkeiten gearbeitet, um einen Kunstbetrieb zu simulieren, der freilich keinerlei kritische Diskurse zuläßt.

Das wäre unerheblich, würde es bloß private Mittel beanspruchen. Doch es verbrennt auch öffentliche Gelder, die gut investiert wären, würden sie für die primären Agenda verwendet, statt für deren Simulation. Bisher hat sich dieser Bruch nicht glätten lassen, sondern wurde in letzter Zeit sogar noch vertieft. Anders betrachtet: ein interessantes soziokulturelles Defizit, das spannende Aufgaben bereitstellt.

Dieser Text ist ein Beitrag
zur Phase 2 von Mythos Puch VI