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Notiz 065: Tempo rausnehmen!#

(Entschleunigung ist nur ein Wort)#

Nach mehr als 30 Jahren der Befassung mit kollektiver Wissens- und Kulturarbeit abseits des Landeszentrums kann ich mich an kein Breispiel erinnern, wo beschleunigte Projekte, verkürzte Verfahren, pointierte Aktionen etwas anderes hervorgebracht hätten, als einen kurzfristigen Wow-Effekt. Sowas nütz der Öffentlichkeitsarbeit und macht sich gut in Projektberichten, aber es bringt eine regionale Gesellschaft nicht voran. Der Mangel an Tiefe ist meist nur dem Abschöpfen von Budgets gewidmet. Das sichert ein paar Arbeitsplätze in einschlägigen Positionen. Und aus!

(Foto: Martin Krusche)
(Foto: Martin Krusche)

Ich hab eben den Begriff „Entschleunigung“ in die Suchmaschine gehauen: „Ungefähr 1 670 000 Ergebnisse (0,47 Sekunden)“. Eh klar! Dann hab ich „Haus der Stille“ genommen und war überrascht: „Ungefähr 22 000 000 Ergebnisse (0,66 Sekunden)“. Muß das erläutert werden?

Im Jahr 2007 habe ich mit einigen Verbündeten das Projekt Leben/Kunst/Geschwindigkeit konzipiert. Es kam so nicht zur Umsetzung, aber die Inhalte haben mich noch länger beschäftigt. Damals notierten wir:

„Das künstlerisch-wissenschaftliche Programmkonzept kann eine langfristige Entwicklungsperspektive für die Region eröffnen. Es wurden die einzelnen Vorhaben derart konzipiert, dass sie als ‚Plattform’ für in der Region lebende wie auch internationale Kunstprojekte und kulturelle Aktivitäten dienen.“

Der Witz an dieser Sache: es hat sich gezeigt, daß Politik und Verwaltung in der Region es zu eilig hatten. Sie mochten einer entsprechenden Themenentwicklung und der längerfristigen Umsetzung keine ausreichenden Ressourcen zu Verfügung stellen.

Das wurde später erneut deutlich, als das Gleisdorfer Büro für Kultur und Marketing im Jahr 2015 den „Kulturpakt Gleisdorf“ übernahm und als eine der Begründungen dafür angab, die Kreativen seien der laufenden Plenartreffen müde.

Seither ist der „Kulturpakt Gleisdorf“ ein zügig arbeitendes PR-Instrument der Kommune, um das zu promoten, was diese Abteilung ohnehin macht. Basisbezug? Arbeit an Inhalten? Themenentwicklung? Mittelfristige und längerfristige Planung? Nein, das dauert alles zu lang. Diese Entwicklung könnte kaum merkwürdiger sein, da wir erstens in einer neuen industriellen Revolution gelandet sind, deren Innovationsprozesse ein so hohes Tempo haben, daß uns Menschen keine relevanten Adaptionsphasen mehr bleiben.

Zweitens haben Corona-Pandemie und Lockdown uns gerade erst hart spüren lassen, daß wir vieles in zu großer Geschwindigkeit betreiben. Vor allem der Lockdown bot deutliche Hinweise, daß es uns guttun würde, in vielen Bereichen Tempo rauszunehmen.

Die Steiermark ist auf gutem Weg, bezüglich innerfamiliärer Gewalt und Suizid neue Spitzenwerte zu schaffen. (Siehe zum Beispiel Land Steiermark: Selbstmord und Selbstbeschädigung!) Ich lasse mich überraschen, auf welche Arten das dann in die öffentliche Wahrnehmung durchschlagen wird. Wir haben gerade erst Gemeinderatswahlen absolviert. Der Wahlkampf ist naturgemäß ein Optimismus-Festival, bei dem lokale Probleme funktionalisiert werden.

Nun laufen reihum konstituierende Sitzungen. Bürgermeister werden angelobt, kommunale Gremien eingesetzt. Ich bin neugierig, wann wahrnehmbar von Kulturpolitik die Rede sein mag; und zwar nicht im Sinn von Kulturmanagement, sondern im Sinn dessen, was Kultur und Kunst seit jeher bedeuten: Menschen reflektieren ihre Situation, kommunizieren… Mit einem klaren Fokus auf Partizipation gegenüber dem Hang zu Konsumation. Für das Kulturmanagement brauchen wir nämlich keine Politik, das hat in den Kommunen die Verwaltung zu erledigen. Aber…