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Notiz 099: Gemeinsamer Kommunikationsraum#

(Überlegungen zu den Wegmarken)#

Von Martin Krusche#

Vier höchst unterschiedliche Gemeinden. Vier Bürgermeister. Das ist eine interessante Situation. Meine Serie von Redaktionstreffen entfaltet sich. Eben saß ich bei Christoph Stark, dem Bürgermeister von Gleisdorf, im Büro. Der Nationalrat ist zugleich formell Boss des gesamtem Projektes „Wegmarken“, soweit das unser LEADER-Projekt angeht, also den Teil, der einen EU-Kontext hat.

Gleisdorfs Bürgermeister Christoph Stark, privat sehr konkret ein Liebhaber zeitgenössischer Kunstwerke. (Foto: Martin Krusche)
Gleisdorfs Bürgermeister Christoph Stark, privat sehr konkret ein Liebhaber zeitgenössischer Kunstwerke. (Foto: Martin Krusche)

Sie merken, das hat wenigstens zwei Ereignisebenen. Gesamt werden Hauptamt und Ehrenamt kombiniert. Ich denke, das ist eine unverzichtbare Variante, um verfügbare Ressourcen effizient zu nutzen: bezahlte und unbezahlte Arbeit gemeinsam zur Wirkung zu bringen.

Christoph Stark ist Geschäftsführer der „Energieregion Weiz-Gleisdorf“, also jener EU-Formation, deren zuständiges Gremium sich für mein Projekt ausgesprochen hat. Ich nehme solche Zusammenhänge sehr ernst. Es war einst Wolf Rauch, bei der steirischen ÖVP damals für Wissenschaft zuständig, von dem ich darauf hingewiesen worden war, bei Kooperationen mit staatlichen Einrichtungen zu beachten und zu klären: wer sind die Sachpromotoren, wer sind die Machtpromotoren?

Es war Günther Getzinger, einst Kultursprecher der steirischen SPÖ, der mir in unserer „Konferenz der Provinz“ klar gemacht hatte: ganz egal, was andere sagen, beachte, wer politisch formell zuständig ist. Dort liegt letztlich die Verantwortung, dort fallen die Entscheidungen.

Das ist alles sehr einleuchtend. Man stelle sich vor, in einem Betrieb versucht jeder das durchzusetzen, was ihm oder ihr gerade interessant und nützlich erscheint. So ließe sich jeder Laden versenken. Erfahrene Kräfte der Politik achten da auf die Kräftespiele, was bedeutet, ich docke bei Kooperationen mit einem völlig anderen Modus an.

Ich hab inzwischen wieder einige Nuancen dessen kennengelernt, was Bürgermeister berücksichtigen, wenn sie etwas voranbringen möchten. Dem liegen – wie eben angedeutet - naturgemäß ganz andere Prioritätenlisten zugrunde als meinen Aufgaben.

Flottenaufgabe statt Bootsrennen#

Kollektive Wissens- und Kulturarbeit handelt dem Wesen nach davon, ganz unterschiedliche Bezugssysteme in Wechselwirkung zu bringen, gemeinsam sinnvolle Effekte zu generieren. Das heißt, wir sitzen nicht auf den Ruderbänken einer Galeere, wo der Takt für den Ruderschlag getrommelt wird, wir hocken nicht im gleichen Boot. Es ist eher ein Verband unterschiedlich große Schiffchen, die ganz verschiedene Antriebssysteme haben.

Wie klappt sowas? Indem alle Beteiligten bemerken: das ist kein Bootsrennen, sondern eine Verbandsangelegenheit. Ich mag es, in diesen verschiedenen Büros anzulanden und eine komplexe Erzählung zu ordnen, die aus derart verschiedenen Quellen geschöpft wird. (Wenn mir grade nach einsamen Geniemomenten ist, schreibe ich Gedichte. Das kann ich auch sehr gut, aber das ist eine fundamental andere Aufgabe.)

Stark ist privat ein Liebhaber der Gegenwartskunst, hat also ein breites Spektrum ästhetischer Erfahrungen absolviert und ist mit komplexeren visuellen Codes vertraut. Damit habe ich vorzügliche Ansatzpunkte, um die Praxis des Kontrastes auszuloten, denn er führt freilich ein gänzliche anderes Leben als ich. Dieser Schnittpunkt, die sinnliche Vertrautheit mit Kunstwerken, nützt für unsere Projektarbeit, ist aber für das Buchprojekt nachrangig.

Hier sind wie schon erwähnt, zwei verschiedene Projektbereiche miteinander verzahnt. Die größere Erzählung, wie ich sie im Internet entfalte, aber auch das Buch, das auf die Kleinregion Gleisdorf fokussiert bleibt und für das Richard Mayr die Fotografen-Arbeit beitragen wird. Bedenken Sie, Ästhetik ist… Wahrnehmung! Ästhetische Erfahrungen sind nichts, was man sich über Lektüre und Kunstdiskurs aneignet. Sie wurzeln im sinnlichen Erleben von Werken. Das hat aber selbstverständlich eine gestaltende Wirkung auf den eigenen Verstand.

Typisches Beispiel für ein Wegkreuz mitten in der Stadt. (Foto: Martin Krusche)
Typisches Beispiel für ein Wegkreuz mitten in der Stadt. (Foto: Martin Krusche)

Hier tut sich eine kuriose Brücke zwischen den verschiedenen Lebensbereichen und sozialen Positionen auf. Wir denken schließlich nicht nur in Worten. Wir denken auch in Bildern und in Emotionen. (Ja, genau! Der Körper als Medium von Emotionen wirkt bei allen kognitiven Akten erheblich mit)

Das ließe sich unter Wahrnehmung zusammenfassen. Aisthesis. Die Ästhetik. Kunstwerke sind dafür wesentliche Anlässe, indem sie nicht mit Funktionen in unserer Alltagsbewältigung befrachtet wurden. Sie dienen immateriellen Zwecken. Hier ist eine Verbindung zwischen den Wegmarken, den Kreuzen wie Bildstöcken, und den Kunstwerken im Privatbesitz von Christoph Stark.

Auf diesem Feld tut sich für uns ein gemeinsamer Kommunikationsraum auf, ganz egal, wo und wie wir leben, welches Amt, welche Position wir haben. Das berührt ferner die Funktionen eines Kulturbetriebes in einem konkreten Gemeinwesen; diesen gemeinsamen Kommunikationsraum für so unterschiedliche Menschen zu schaffen. Das ist eine Kernaufgabe von Kulturpolitik.