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Wegmarken#

Ein kulturelles Zeichensystem#

von Martin Krusche

Ich bin auf kuriosen Umwegen zu diesem besonderen Interesse an Klein- und Flurdenkmälern gekommen. Sie waren davor aus verschiedenen Gründen offenbar aus meiner Wahrnehmung weitgehend ausgeblendet. Während mir nun in den letzten Jahren das regionale Kulturgeschehen einige Tendenzen zumuteten, die mich ziemlich wenig interessieren, lenkten persönliche Hinweise mein Interesse auf dieses Thema.

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Momentan boomt an vielen Ecken das „kreative Gestalten“, wird unter die Flagge der Kunst reklamiert, vertieft so die mögliche Konfusion. Hobbykräfte dekorieren Flächen, drängen vor Publikum und kapern so jene Aufmerksamkeit, die sich auf Gegenwartskunst richten könnte, während lustige Funktionstragende sich dabei im Fach des Symbolischen hervortun können, ohne sich damit eingehend befasst haben zu müssen.

Und das in einer Zeit, da bei uns Wissenserwerb von vielen Menschen offenbar als unnütze Mühe gesehen wird, während Sichtbarkeit vor Authentizität geht. Damit ist Publikums- und Medieninteresse gleichermaßen in Anspruch genommen. Hauptgegenstand dieses Teils unseres Kulturbetriebs ist das Generieren von Pressefotos und die Selbstvermarktung. Immerhin eine interessante Herausforderung auf dem Feld regionaler Wissens- und Kulturarbeit.

Zugleich kennen wir spätestens seit dem Arabischen Frühling die Tendenz, dass Kreative diverse soziokulturelle Engagementformen als „Intervention“ markieren und zur Kunst ausrufen, wie auch markante Meinungsäußerungen und erregte Statements sich das Etikett Kunst anheften lassen müssen, was so skurrile Momente hat, wie jene angebliche „Protestkunst“, die Anita H. vor Jahren erfunden zu haben glaubte. Über all diesen Unfug im völlig bedenkenlosen und eigennützigen Umgang mit Begriffen kenne ich derzeit keinen öffentlichen Diskurs, lass es also einfach im Raum stehen und wende mich interessanteren Fragen zu.

Keine Sorge! Ich werde kulturpessimistische Attitüden ab hier unbedingt vermeiden. Diese Einleitung sollte bloß illustrieren, in welchen Momenten breiter kultureller Konfusion mir das fulminante Netzwerk an Klein- und Flurdenkmälern besonders auffiel. Ich war vor allem überrascht, wie viel an anschaulichen Details ich dabei finden konnte, wo mich nun seit Jahren eine spezielle Fragestellung beschäftigt. Ich sehe mich nach Schnittpunkten und Überlappungen von Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst um. Dabei möchte ich zugleich meine Vorstellungen von den letzten zweihundert Jahren brauchbar vertiefen.

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Ich wurde 1956 geboren, was bedeutet, ich fiel mitten in ein schon längst hoch aktives Aufbrechen wohlgeordneter Kulturbegriffe, wie das im 20. Jahrhundert nicht zum ersten mal geschah. Es wurde mir beizeiten klargemacht, daß zwischen „Hochkultur“ und Volkskultur klar zu unterscheiden sei. Damals fiel mir freilich noch nicht auf, dass uns an Volkskultur nur jene Phänomene vorgeführt wurden, die von Schweißgeruch und den Spuren schmutziger Händen bereinigt waren. Noble Distanz zum Pöbel verlangte geordnete Garderobe und angemessene Manieren.

Falls Sie, wie ich, die Volksschule in der ersten Hälfte der 1960er Jahre besucht haben, werden Sie sich vielleicht an erhebliche Ressentiments gegenüber der Gegenwartskunst und der Popkultur erinnern. Arnold Schönberg wurde als ebenso störend empfunden wie die Rollung Stones. Abstrakte Malerei galt als ein Ärgernis. Comic Hefte wurden als Kulturschande betrachtet. Die Popularität von „Schmutz und Schund“ ließe viele Menschen in große Sorge um die Zukunft ihrer Kinder oder gar des Abendlandes geraten.

In diesen Jahren hat uns die Unterhaltungsindustrie mit ihren Produkten überrollt. Zugleich griff die Werbebranche tief in die Requisitenkammern der Kunst. Menschen wie meine Eltern, meine Lehrerinnen und Lehrer, waren zu der Zeit noch von der Idee, es gebe „Entartete Kunst“, beeindruckt. Nur ein Bruchteil dieser Erwachsenenwelt hatte sich mit den künstlerischen Sprachen und Formen des 20. Jahrhunderts befasst oder gar angefreundet.

Zwischen all diesen Irritationen und der gewinnorientierten Bewirtschaftung unserer Sinne rangen „Traditionsschützer“ um die Anerkennung von Werken und Codes, denen der Lauf der Zeit viel von ihrer Bedeutung geraubt hatte. Oft aber wurden dabei Surrogate bewacht und um ihretwillen Werke der Gegenwartskunst demonstrativ verunglimpft.

Im berührenden bis verächtlichen Kampf um Komplexitätsreduktion durften sich allerhand verstörende Posen festsetzen. Dabei erzählte uns vorerst niemand, dass die Auffassungen, was denn nun Kunst sei, stets neu verhandelt werden müssen, damit wir für einige Zeit Begriffe hätten, die einer Verständigung unter Menschen nützen. Das hat mich an der Kunst des 20. Jahrhunderts so beeindruckt, dass sie solchen Kräftespielen standhält und sogar in den Gassen rein profitorientierter Geschäfte allerhand an Qualität behält.

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Dabei war das gesamte Kunstgeschehen eben noch ganz anders geordnet und tatsächlich so manche unüberbrückbare soziale Kluft zwischen verschiedenen Milieus, was natürlich die Unterschiede in den Zugängen zur Kunst hervorhob und höchst kontrastreiche Wahrnehmungserfahrungen nach sich zog. Aber diese Klein- und Flurdenkmäler! Diese Wegkreuze, Bildstöcke, Säulen, Figuren, allerhand auf Sockeln und in Nischen, manches mit Bildern verknüpft oder als Bild realisiert…

Die Frage nach der Kunst, nach ihren Derivaten und den Surrogaten ist also ein Thema, das von sehr dynamischen Prozessen handelt. Ich war einigermaßen überrascht, was mir nach längerer Umschau in diesem Zeichensystem der Klein- und Flurdenkmäler auffiel, dass ich dabei viele Variationen der Genres Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst entdecken konnte.

Das meint, allein schon in der Konzentration auf dieses Netzwerk von Wegmarken, von Zeichen im öffentlichen Raum, finden wir Gelegenheit, diese Fragen nach kulturellen und künstlerischen Optionen zu vertiefen. Zugleich läßt es sich als eine Art vorindustrieller Info-Sphäre erkennen, mit der sich die Menschen umgeben haben; in einer bis heute ungebrochenen Kontinuität und Tradition. (Das heißt, bis heute werden solche Wegmarken restauriert, erhalten, aber auch neu erreichtet.) Auch das erweist sich als gewichtiges Thema, wo wir derzeit in eine EDV-gestützte Info-Sphäre verwoben sind, von der viele Menschen rund um die Uhr mit dem Internet verbunden werden und wo die Software unserer Geräte völlig eigenständig so allerhand tut, von dem wir meist nichts wissen.

Ich sehe also in dieser Befassung mit derlei Wegmarken eine aufschlussreiche Möglichkeit, in der regionalen Wissens- und Kulturarbeit einige grundsätzliche Aspekte zu überprüfen und ein paar sehr hilfreiche Referenzpunkte zu finden, wo es den Menschen unklar geworden ist, was etwa mit dem Begriff Kunst belegt werden kann und was eher nicht. Zugleich erkunden wir dabei ein bewährtes Mediensystem rund um die Annahme: Jeder Mensch hat spirituelle und kulturelle Bedürfnisse.