Bachmann: Draußen, weil drinnen#
(Räume und Räume)#
von Martin KruscheWäre ich mitten in einer großen Stadt zuhause, würde es mir einigen Kummer bereiten, die Distanzen ins Gestrüpp zu überwinden. Ein naher Park könnte mich dafür nicht entschädigen. Einen Park hab ich hier auch. Er interessiert mich bloß, wenn er annähernd menschenleer ist.
Allerdings war das vergangene Wochenende die ganze Stadt von einer merkwürdigen Stille eingehüllt. So als hätten wenigstens ein- bis zweitausend Leute vereinbart, Gleisdorf kurz zu verlassen. Ich verzehre mich oft nach Stille.
Wenn ich draußen bin, zwischen den Gräsern und dem Gebüsch, unter Bäumen, bei den Bächen, manche mit Stegen versehen, fühlt es sich deutlich so an, als würde mein Leib mit all dem mich Umgebenden in ein wortloses Plaudern verfallen.
Zwischendurch ordne ich im Kopf, was ich sehe. Etwa das Mäandern eines Baches, wie es alle Fließgewässer vollziehen, wo sie nicht reguliert werden. Wasser trägt erhebliche Kraft in sich. Das ergibt an den Ufern hier den Prallhang, von dem Material abgetragen wird, dort den Gleithang, an dem was liegenbleibt.
Das sind Gedanken, wie ich sie habe, um mich in allem einzuordnen und um ein ruhiges Gefühl zu bekommen, in welche Kräftespiele ich verwoben bin. Solche Gedanken regeln die Beziehungen zwischen meinen inneren Landschaften und der Welt, die mich umgibt.
Für mich ist jeder Traum eine selbstverständliche Erweiterung des durchwachten Alltags und jeder Gedanken eine Brücke. Wie mir die greifbare Welt unermeßlich groß erscheint, da ich in ihr ja recht klein bin, sind auch meine inneren Landschaften unüberblickbar und so gesehen grenzenlos.
Ich hab das hier in „Böhmen und das Meer“ (Historische Hintergründe) angerissen, in meiner heurigen Befassung mit Ingeborg Bachmanns Wirkung. Ich staune über Begriffe wie „Sehnsuchts-Ort“ als etwas, wonach man sich verzehren könnte. Für mich ist dabei kein Sehnen nötig. Was in mir ist, da kann ich nicht hingehen, denn da bin ich schon; nicht davon getrennt, sondern damit verbunden.
Emotional und kognitiv gehe ich sowieso dort hin, wenn ich die Welt der realen sozialen Begegnungen grade schwer erträglich oder sonst wie hinderlich finde. Wir haben dafür ganz banale wie vertraute Worte: Ich ziehe mich in mich zurück. Dort bin ich aber von der Welt nicht abgeschnitten, denn draußen im realen Gestrüpp stellt sich die Verbindung ganz mühelos her. (Ein Leben in der Kunst handelt ohnehin vom ungehinderten Pendeln zwischen dem Drinnen und Draußen.)
- Böhmen und das Meer
- Causa Bachmann (Eine Erörterung)

