Bachmann: Auf einen Drink#
(Über innere Ländereien)#
von Martin KruscheNach einigen Recherchen hatte ich in einem speziellen Punkt erheblichen Klärungsbedarf. Ich gehe nämlich davon aus, daß die Kategorie „Sehnsuchtsort“ etwas ist, dem sich Menschen hingeben, die zwischen Job und Freizeit unterscheiden oder sonst wie im Leben feststecken.
Mein Leben in der Kunst hat kein solches Feststecken, denn ich pendle ohnehin immer zwischen meinen Innenwelten und der Außenwelt, ohne dabei große Unterschiede zu deklarieren. Das entspricht übrigens auch halbwegs dem, was uns heute die Neurologie wissen läßt.
Ob mir meine Sinnesorgane Signale von außen liefern, ob ich intrinsische Signale verarbeite, all das macht ab einem bestimmten Punkt in meinen kognitiven Prozessen keinen essenziellen Unterschied.
Ich bin jetzt nicht so verwegen, allgemein zu behaupten, es wäre keinerlei Diversität zwischen den Innen- und Außenwelten. Für unser aller Alltag ist es sehr nützlich, das unterscheiden zu können. Aber da sind auch Bereiche und Kategorien des Lebens in der Kunst, bei denen solche Trennlinien sehr durchlässig werden oder überhaupt verschwinden.
Böhmen liegt tatsächlich am Meer#
Ich mochte der Annahme nicht zustimmen, Shakespeare habe sich geirrt und Bachmann einen „Sehnsuchtsort“ beschrieben. Ich lese zu all dem so Sätzchen wie „Böhmen am Meer, ein liebgewordener Mythos“ etc., während für mich – wie angedeutet – innere Ländereien den äußeren auf komplementäre Art ebenbürtig sind.Es notierte zum Beispiel Peter Horst Neumann: „Das böhmische Manifest der Ingeborg Bachmann. Vielen wird es suspekt und unverständlich bleiben; und das darf es getrost, denn ‚böhmisch‘ heißt ja auch unbegreifbar, unverständlich.“ Mir ist das etwas zu pathetisch und eben von einem Bewohner der Außenwelt formuliert.
Also hab ich das Manual von Wolfgang Pauli aus dem Regal gezogen und die Prozedur gestartet, wie sie mir Albert Einstein erläutert hatte. Ich wollte die Bachmann treffen und nach diesen Böhmen-Belangen fragen. Wir haben uns ganz gut verstanden, aber sie sagte auch: „Wir beide kennen uns ja nicht näher, also werde ich dir das nicht detaillierter erzählen.“ Später betonte sie noch: „Es ist mir nicht angenehm, wie weit da manche Leute hinter meine Texte zu mir durchdringen möchten. Also probier das bitte gar nicht erst. Mein Gedicht sollte dir als Auskunft genügen.“
Das war natürlich zu akzeptieren. Immerhin konnte ich noch folgende Zeilen aufschreiben, deren Lektüre sie wenigstens lächeln und nicken ließ, ohne daß sie mir dazu eine ausdrückliche Zustimmung gegeben hätte: „Shakespeare hat sich keineswegs geirrt. Auch die Bachmann nicht. Natürlich liegt Böhmen am Meer. Wir haben in der Kunst keine ‚Sehnsuchtsorte‘, sondern innere Ländereien mit ihrer ganz eigenen Geographie. Dort sind wir ebenso zuhause wie in der Außenwelt und wir fertigen stets neue Landkarten der Bedeutung an.“
- Causa Bachmann (Eine Erörterung)
