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‎Selman Trtovac am 19. ‎August ‎2015 an der Donau.
‎Selman Trtovac am 19. ‎August ‎2015 an der Donau.

Epoche Null#

(Ein Statement)#

von Selman Trtovac

Meine künstlerische Reise begann mit dem Zerfall des Landes, in dem ich geboren wurde. Der Wechsel von Belgrad nach Düsseldorf war nicht nur geografisch, sondern auch geistig entscheidend. Dort erkannte ich, dass Kunst mehr sein kann als ästhetischer Ausdruck, sie ist politischer Akt, philosophische Reflexion und gesellschaftlicher Kommentar.

Nach dem Krieg kehrte ich nach Belgrad zurück – nicht aus Nostalgie, sondern aus dem Bedürfnis nach Dialog und Heilung. Die Kunstszene hier ist lebendig, aber geprägt von Unsicherheit. Künstler kämpfen mit existenziellen Ängsten und fehlender institutioneller Unterstützung. Doch gerade diese Bedingungen erzeugen eine besondere Ausdruckskraft. Je schwieriger das Leben, desto stärker der Drang zur Kunst.

Diese lokale Realität steht nicht isoliert. Sie ist Teil globaler Prozesse, die durch Migration, Identitätsfragen und gesellschaftliche Umbrüche geprägt sind. Künstler weltweit stehen vor der Herausforderung, in einer fragmentierten Welt authentisch zu sprechen. Migration, physisch wie geistig, verändert soziale Muster und zwingt uns, unsere Perspektiven zu überdenken. Besonders das „alte Europa“ muss sich von kolonialen Denkstrukturen lösen, die heute nicht mehr tragfähig sind. Die Vorstellung kultureller Überlegenheit behindert den notwendigen Dialog in zunehmend komplexen Welt. Nationale Staaten verlieren an Bedeutung. Stattdessen entstehen multikulturelle, polyzentrische Strukturen. In diesem Wandel kann Kunst eine vermittelnde Rolle spielen – als Raum für Empathie, kritisches Denken und Transformation.

Kunst ist keine Dekoration, sondern eine menschliche Notwendigkeit. Sie hilft uns, die Welt differenzierter zu sehen, Beziehungen zu vertiefen und als Gemeinschaft zu wachsen. Sie ist Reflexion und Impuls zugleich – ein Raum, in dem persönliche und gesellschaftliche Entwicklung möglich wird.

In der Epoche Null, in der alte Gewissheiten zerfallen, ist Kunst vielleicht unser ehrlichster Versuch, Sinn zu finden.