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Flocke: Alter Mann X#

(Bonus-Track)#

von Martin Krusche

In einigen Wochen rundet sich mein 70. Jahr. Der Rückblick macht unübersehbar, daß mir die letzten zehn Jahre körperlich und emotional weit größere Veränderungen beigebracht haben, als ich erwartet hatte.

In unserer Gesellschaft wird ein geradezu frivoles Maß an Aufmerksamkeit dem Phantasma „Jungbleiben“ gewidmet, anstatt in möglichst unaufgeregter Weise eine Kultur des Altwerdens zu bevorzugen. Allerdings zwingt nicht niemand, skurrilen Trends zu folgen. Daher sehe ich mich um stelle Fragen.

Von manchen Menschen, die sich gerade im Alter zwischen 60 und 70 befinden, weiß ich, daß sie nun vor allem Erholung und Muße suchen. Ich dagegen neige eher dazu, mir laufend Aufgaben zu suchen und so eine Struktur in meine Tage zu bringen; mit der Freiheit, das nach Laune zu durchbrechen.

Wir Menschen sind „zirkadiane“ Lebewesen. Das bedeutet, vieles an und in uns, etwa der Schlaf-Wach-Zyklus, verläuft halbwegs synchron mit dem 24-stündigen Tageszyklus der Erde. Ich war über Jahrzehnte derart robust und belastbar, daß mir nicht auffiel, wie fein meine inneren Vorgänge innerhalb dieser Zyklen sind. Entsprechend deutlich fallen nun die Lektionen aus, denn mit der Natur kann ich nicht verhandeln. Ein Beispiel.

Nun hatte ich von Montag auf Dienstag einmal vier und einmal zwei Stunden Schlaf in Etappen, dann dienstags vor Mitternacht weitere zwei Stunden. Also werde ich heute, am Mittwoch, vormittags wohl noch etwa vier Stunden nachschlafen.

Ich hielt das lange Zeit für den Ausdruck von Schlafstörungen, die mir immer dann blühen, wenn ich psychisch unter Druck stehe. (Ich bin freilich nicht bereit, das mit Tabletten zu übersteuern, sondern nehme es hin.) Aber vielleicht ist es ganz anders und im jetzigen Lebensabschnitt setzt sich meine Natur stärker gegen meine alte Arbeitsdisziplin durch.

Die Sozialgeschichte läßt uns wissen, daß der durchgehende Schlaf ursprünglich nicht Menschenart war, sondern sich als Norm erst mit der Industriemoderne durchsetzte. Davor war er keineswegs üblich.

Das paßt mir auch zum Frühkapitalismus und zu den Umbrüchen der Renaissance, als emsige Sekretäre ihren Fürsten Denkschriften vorgelegt haben, die von Empfehlungen boten, wie man das Volk, zu mehr Arbeitsleistung antreiben könne, weil die Leute sonst nur taten, was unbedingt nötig war.

Bevor sich Bankwesen und Geldwirtschaft breit durchgesetzt hatten, was es recht schwierig, die Früchte von menschlichen Arbeitsleistungen zu lagern, als Vorrat auf Halde zu legen. Gold und Edelsteine boten dazu nur begrenzte Möglichkeiten und mußten überdies verläßlich bewacht werden. Was eröffneten da Bankkonten und Pfandbriefe plötzlich für neue Möglichkeiten!

Aber zurück zur Gegenwart, in der ich ahne, mein aktuelles Schlafverhalten ist vor allem einmal der Beleg dafür, daß ich in recht gutem Zustand sehr alt werden durfte, nichts Bestimmtes mehr erreichen muß, auch nichts mehr unbedingt werden muß, was ich nicht schon bin.

Ich darf unter recht günstigen Bedingungen einen Bonus-Track des Lebens genießen und falls mir beim Umgang mit meinem recht moderaten Jahreseinkommen keine gröberen Fehler passieren, habe ich einigermaßen stabile Rahmenbedingungen dafür, in beliebigen Etappen zu schlafen, um dazwischen zu tun, was immer mir Freude macht.