Flocke: Die Mühe des Merkens#
(Gedanken zu Sammlungen und Museen)#
von Martin KruscheIch bin der Ansicht, daß wir bis heute große Probleme haben, uns als Massengesellschaft halbwegs friedfertig zu organisieren. Dabei spielt die Frage nach Identität eine wesentliche Rolle. Die ist mit zwei zentralen menschlichen Grundbedürfnissen verwoben, welche man leicht für widersprüchlich halten könnte. Aber sind sind quasi ein Geschwisterpaar: das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und nach Selbstbestimmung.
In all dem sind wir auf das Merken angewiesen, auf authentische Erinnerung. Das beginnt schon beim Individuum und in neurologischen Zusammenhängen. Wie weiß ich, daß ich der bin, der gestern schlafen ging und heute aufwachen konnte?
Das hält man nur dann für eine banale Frage, wenn die eigene neurologische und kognitive Ausstattung intakt ist. Sowas kann nach einer größeren Schwankung der Körperchemie oder bloß der Körpertemperatur ganz anders aussehen.
Merkfähigkeit#
Erinnerung ist fragil. Menschliches Wissen geht sehr schnell verloren. Es läßt sich im Privatleben leicht überprüfen. Was wissen Sie denn noch über Gedanken und Ansichten ihrer Großeltern? Beispielsweise 30 Jahre nach deren Tod, wenn Sie keine Quellen vorliegen haben…Bevor sich die Schriftkultur durchsetzte, war die Merkfähigkeit der Menschen auf eine Art gefordert, die wir heute nicht mehr kennen. Es gab Mnemotechniken und Erzählweisen, dank derer eine Gemeinschaft Wissen über Generationen weitergeben konnte.
Der Gedächtnispalast ist so eine Methode. Oder was wir Eselsbrücke nennen. Für komplexere Stoffe hatten die Gemeinschaften Experten. Um Heldenepen, Balladen, Gesänge und Erzählungen weiterzutragen, gab es den fahrende Spielmann, den Griot, den Guslar, Märchenerzähler aller Arten.
Von Platon wissen wir, daß Sokrates die Benutzung der Schrift kritisiert haben soll. Im Dialog „Phaidros“ heißt es dazu: „Denn Vergessenheit wird dieses in den Seelen derer, die es kennenlernen, herbeiführen durch Vernachlässigung des Erinnerns, sofern sie nun im Vertrauen auf die Schrift von außen her mittelst fremder Zeichen, nicht von innen her aus sich selbst, das Erinnern schöpfen.“
Zu diesem Thema paßt auch das Aufkommen preiswerter Taschenrechner in meiner Jugendzeit. Daraus ergaben sich Debatten über den Verluste beim Kopfrechnen, einer Einbuße an Merkfähigkeit und Abstraktionsvermögen.
Erinnerung ist oft auch an Gegenstände gebunden, an Artefakte und Dokumente. Die meisten unter uns haben eine mehr oder weniger private Sammlung, welche sich als kleines Museum deuten ließe. Und seien es bloß… Fotografien.
Ich erinnere mich gut an Gespräche mit bosnischen Leuten, die in den Balkankriegen der 1990er Jahren erlebt haben, daß plötzlich serbische Soldaten vor der Tür standen, von denen sie gezwungen wurden, ihre Heim sofort zu verlassen. „Was nimmst du da mit?“ Antwort: „Vor allem die Fotos.“
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