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(Artwork by Richard Mayr)
(Artwork by Richard Mayr)

Definitionshoheit#

(Gezeiten: Wer hat das Sagen?)#

von Martin Krusche

Es bleibt noch knapp ein Monat, bis wir die Ausstellung „Böhmen liegt am Meer“ am 3. Juli 2026 eröffnen werden. Da liegen noch einige inhaltliche Fragen auf dem Tisch, die ich mit Fotograf Richard Mayr, dem Kurator dieser Session, eben durchgenommen hab.

Wir kamen dann überein, daß eine seiner Arbeiten sehr treffend für einen wesentlichen Aspekt des Jubiläumsjahres steht und das Geschehen rund um den 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann angemessen illustriert: „Wir haben immer recht“. Ganz egal, welches Wir sich gerade erhoben hat. Die Definitionsmacht liegt bei den Lebenden. Und um es mit Norbert Elias zu sagen: „Tote haben keine Probleme“.

Blickt man auf die letzten 50 Jahre zurück, ist unübersehbar, daß Ingeborg Bachmann oft genug als Magd des Marketings herhalten mußte. Dazu diese Kuriosität, daß sie auch in intimsten Angelegenheiten preisgegeben und zur öffentlichen Person gemacht wurde, gewissermaßen zur Res publica, also zur Sache. Res, das Ding.

In der vorherrschenden Verwertungslogik ist das kaum überraschend. Bachmann, eine Marke. Wo sollte ich dagegen einen Einwand vorbringen? Beim Salzamt? Sonst wo? Gut, ich nehme das zur Kenntnis. Ich hab dann einen Tag abgewartet, den ich gut ausgeschlafen und in stabiler Verfassung beginnen konnte.

Um unsere Zeitmaschine anzuwerfen und sich diesem quantenmechanischen Prozeß auszuliefern, ist man körperlich besser in vorzüglicher Konstitution. Ich hab ja inzwischen einen fast vertraulichen Umgang mit der Bachmann, die es ganz gelassen nimmt, daß ein Typ aus der Zunft in sie verknallt ist. („Bist nicht der erste“, hatte sie vor einer Weile lächelnd gesagt.)

(Bachmann & Krusche by KI)
(Bachmann & Krusche by KI)

Ich hab noch einmal explizit nachgefragt, ob sie selbst vieles von dem, was von ihren privaten Aufzeichnungen heute publik ist und zum Stoff für Sekundärliteratur wurde, selbst aus der Hand gegeben hätte, um ihr Werk zugänglicher zu machen. Sie schüttelte den Kopf. „Auf keine Fall.“

Da war es uns dann nicht mehr wichtig, auch noch die Motive solcher Vorgänge zu erörtern. Die Überlebenden haben eben recht. Sie strich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, sah mich nachdenklich an und fragte: „Wirst du über mich was erzählen, über diese Treffen?“ Ich schüttelte den Kopf und erwiderte: „Für mich bist du eine Anregung zu weiteren Schritten, aber nicht der Stoff dafür.“