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Kurtz und bündig #2#

Gedanken von Georg Kurtz, Arzt#

Die Arbeitsplatzbeschreibung des Hausarztes ist einfach: Erstanlaufstelle für alles. Also alles, was mit Erhalt, Störung und Wiederherstellung der Gesundheit zu tun hat, von der Wiege bis zur Bahre. Natürlich steht darüber hinaus die ganze Klaviatur des Gesundheitsapparates zur Verfügung.

Bild 'kurtz'

Die Herausforderung liegt nun darin, mit den vorhandenen Mitteln an Wissen, Fertigkeiten und Ausstattung der Wahrheit möglichst nahe zu kommen. Und das ist ein durchaus sportlicher Ansatz. Genaugenommen ist das auf jeder Versorgungsebene dasselbe. Je peripherer der Erstkontakt, desto weniger Apparate stehen zur Verfügung. Je zentraler, umso mehr Untersuchungen werden beim selben Krankheitsbild durchgeführt und das beschäftigt immer mehr Fachkolleginnen und -kollegen, weil selten nur eine Diagnose zu stellen ist und niemand im Teich des anderen fischen darf.

Drohende Kompetenzüberschreitung, also Sicherheitsmedizin, Spezialistentum. Das ist nicht schlecht gemeint, es muss so sein. Würden alle Menschen gleich auf der höchsten Kompetenzebene aufschlagen, würden jene nie und nimmer rechtzeitig drankommen, denen nur dort geholfen werden kann. So einfach ist das.

So einfach ist es nicht, weil immer nur mit den vorhandenen Ressourcen gearbeitet werden kann, und sogar diese nicht jedesmal voll zur Anwendung kommen, denn nicht immer braucht es Labor und Bildgebung. Vieles, ja sogar das meiste, ist mit Anamnese und körperlicher Untersuchung schon ziemlich gut festgestellt. Das war über Generationen so.

Neu, also ein Phänomen der letzten 15 Jahre, ist die vorweggenommene Selbstdiagnose, gestellt durch Internetrecherche. Zuvor war es ausreichend, die Gesundheitsbeilage der Sonntagszeitung zu überfliegen, um zu erahnen, mit welchen Beschwerden montags die Leute erscheinen.

Heutzutage kommen die Patienten oft völlig verunsichert mit Zuweisung von Kollegen Dr. Google. Und das ist nicht immer falsch, ganz im Gegenteil, es stehen manchmal Krankheiten zur Diskussion, die bei der ersten Überlegung nicht eingeschlossen wären.

Das diagnostische Herangehensmuster ist ja humanistisch gesehen nicht gerade schön. In der Ausbildung lernen wir, stets die gefährlichen Diagnosen so schnell wie möglich auszuschliessen, was bedeutet, immer davon auszugehen, dass es etwas Schlimmes sein kann. Also jeder Brustschmerz der Herzinfarkt, jede Blutbeimengung am Stuhl der Darmkrebs. Dem gegenüber steht der tröstende „Wird scho nix sein-Gedanke“, der zwar beruhigen kann, aber ein schlechter Ratgeber ist.

Und dann gilt‘s, den eh schon besorgten Patienten für die weiteren nötigen Abklärungen zu motivieren und, wenn nötig, Termine zu organisieren, wobei wir beim oben beschriebenen Problem sind. Deshalb bin ich ein großer Anhänger von Leitlinien und Algorithmen, um zeitgerecht nötige Untersuchungen veranlassen zu können und nicht mit der vollen Munition ins Blaue zu schiessen.

Aber schlimmer noch als die Untersuchungen selbst ist die Warterei auf die Resultate. Von vielen Seiten prasseln die Befunde ein, nicht alle Therapievorschläge können 1:1 übernommen werden, weil sie mit denen der anderen Disziplinen kollidieren, und gelegentlich will die Patientin, der Patient, das gar nicht, sag bloß!

Nicht alles muss sofort entschieden werden, manches darf reifen, es wollen Mitmenschen zurate gezogen werden, Unklarheiten neu be- und Alternativen angesprochen werden. Dieses Spannungsfeld macht die hausärztliche Arbeit für mich so anspruchsvoll. Die koordinative Hintergrundarbeit sieht ja niemand, und gemäß dem biopsychosozialen Modell sieht man sich mit Problemen konfrontiert, die mit dem mechanistischen Lösungsansatz „Symptome – Diagnose – Therapie“ nicht zu knacken sind.

Dieses Vertrauen entgegengebracht zu bekommen ist ein wirklich schönes Gefühl. All das muss aber in den Praxisalltag gegossen werden und das macht mein Team, ohne dessen Organisation und Übersicht das niemals funktionieren würde. Nach der Spitalszeit ist jede Hausärztin, jeder Hausarzt, nämlich auch Unternehmer, wofür es keine Ausbildung im Turnus gibt. Sicher können die Erstversorgungseinheiten (Primary health care centers, Gesundheitszentren, Gemeinschaftspraxen,…) diese Aufgaben organisatorisch anders lösen.

Vielleicht ist das auch tatsächlich die Zukunft. Die auf hausärztlicher – und das ist aus meiner Sicht eben mehr als nur die erstversorgende – Ebene mögliche langjährige Beziehung zu Menschen und ihren Familien ist eine Trumpfkarte, die meines Erachtens in keiner anderen Struktur des Gesundheitssystems vorkommt.