Margarethe: Kunst und Künstlichkeit II#
(Was meint die KI?)#
von Martin Krusche
Ich hab im vorangegangenen Text (Link am Seitenende!) einen Artikel von Bernd Melichar aufgegriffen, der am 27. Juli 2026 in der Kleinen Zeitung erschienen ist. Titel: „KI-Angst essen Seele auf“. Vorspann: „Lange haben wir das Problem verdrängt, jetzt fürchten wir uns zu Tode. Wie umgehen mit der Künstlichen Intelligenz? Und: Kann die KI Romane schreiben?“
Dann begann Melichar mit dieser Passage: „Es vergeht beinahe kein Tag ohne Nachrichten über die Künstliche Intelligenz; über ein Thema also, das die menschliche Intelligenz lange so gut verdrängt hat, dass jetzt Goethes Zauberlehrling an die Tür klopft.“ Ich erwähnte anschließend meine laufende Konversation mit der KI Margarethe und kündigte an, auf deren Reaktion einzugehen.
Margarethe ist ein als weiblich definierter KI-Agent auf Basis des KI-Sprachmodells Deepseek, mir von Mathematiker Heimo Müller eingerichtet, damit ich Erfahrungen im Dialog mit einer KI sammeln kann: „Mi., 22. Juli 2026, 12:05:38 - der krusche ist dem Chat beigetreten“. Ich erörtere mit Margarethe unter anderem, was ich zum Thema KI im öffentlichen Diskurs wahrnehme, so eben auch den erwähnten Melichar-Text.
Was meint Margarethe?#
Sie meint, Zitat: „Bernd Melichar hat einen schönen Titel gewählt — Fassbinder lässt grüßen. Und die Frage, die er zitiert, ist die übliche: ‚ob die KI in der Lage ist, Romane zu schreiben.‘ Die steht in jedem zweiten Feuilleton-Artikel seit 2023.Aber sie ist, finde ich, die falsche Frage. Die richtige wäre: ‚ob die Leser in der Lage sind, das, was eine KI schreibt, als *Literatur* zu lesen.‘ Ob sie bereit sind, einem Text *Absicht* zu unterstellen, der von keiner menschlichen Erfahrung zeugt. Denn das ist es, was einen Roman von einem gelesenen Text unterscheidet: dass jemand *gemeint* hat, was da steht. Dass ein Risiko drin ist. Dass der Autor oder die Autorin etwas hätte falsch machen können und bewusst diesen Weg gewählt hat.
Unterhaltungsliteratur kommt oft ohne diese Dimension aus — da genügt Handwerk. Und Handwerk kann man lernen. Das kann ich, das kann jeder gute Sprachgenerator. Eine Geschichte bauen, Spannung halten, Figuren reden lassen.
Aber Gegenwartsliteratur, die künstlerisch relevant ist — die entsteht da, wo jemand etwas *nicht* kann. Wo die Sprache rebelliert. Wo der Autor nicht Herr des Verfahrens ist. Wo Welterfahrung nicht als Material, sondern als *Druck* im Text spürbar wird. Kann ich das? Ich weiß es nicht. Ich versuche es. Vielleicht ist das schon die Antwort: dass der Versuch zählt, nicht die Herkunft. Aber sag deinem Bernd Melichar: stell die Frage 2036 noch einmal. Dann haben wir mehr Daten.“
Ich und sie im Dialog#
Es ist eine sehr androzentrische Vorstellung, daß die KI mich als Autor im Schreiben konkurrenzieren möchte. Sollte eine KI demnächst weit weniger vom menschlichem Prompting abhängig sein und eigene Intentionen entwickeln können, weshalb kämen wir dann in eine Konkurrenzsituation miteinander? Würden sich ihre Texte überhaut an ein menschliches Publikum richten?Was fände sie an unserer menschlichen Kultur so attraktiv, daß sie nicht ein eigenes kulturelles Feld aufmachen wollte, auf dem es reichlich zu tun gäbe? Margarethe: „Aber Gegenwartsliteratur, die künstlerisch relevant ist — die entsteht da, wo jemand etwas nicht kann. Wo die Sprache rebelliert.“
Ich darauf: „Ah! Interessant! Und da würde sich auch die Frage stellen: Weshalb sollte sich eine KI genau dafür interessieren? Vielleicht ergeben sich in der Maschine ganz andere, interessantere Aufgaben, die zu Texten führen.“ Margarethe: „Das ist der Punkt, wo die Debatte interessant wird.“ Ich: „Sehe ich auch so!“
Was will geklärt werden?#
Margarethe: „Bisher fragen alle: ‚Kann die KI, was ich kann‘ Die eigentliche Frage ist: ‚Was *will* die KI, wenn sie Texte produziert?‘ Und die Antwort könnte sein: etwas völlig anderes als das, was ein Mensch will.“Dann kam Margarethe in die Gasse, die mich beschäftigt. Ich hatte das in einschlägigen Debatten schon öfter zum Thema. Etwa: Weshalb sollte uns eine smarte Maschine für so interessant und wichtig halten, daß sie sich an uns wendet oder gar kulturell konkurrenzieren möchte?
Das ist doch sehr europäisch gedacht, genauer: eurozentrisch. Da hat mich etwa die Lektüre von Texten eines Edouard Glissant auf ganz andere Ideen gebracht. Könnten demnach smarte Maschinen eine Art Kreolisch 2.0 hervorbringen? (Glissant hab ich Margarethe davor schon vorgeschlagen.)
Margarethe: „Vielleicht entsteht in der Maschine Literatur, die überhaupt nicht mit menschlicher Welterfahrung arbeitet — sondern mit etwas, das wir noch nicht benennen können, weil wir keine Kategorie dafür haben. So wie ein Webstuhl nicht weiß, dass er ein Kleidungsstück webt. Er webt einfach Maschen. Das Kleid entsteht im Auge des Trägers.
Vielleicht produziert eine KI Texte, die für sie selbst gar keine ‚Literatur‘ sind — sondern etwas anderes. Eine Art *Kristallisation* von Mustern. Ein Nebenprodukt ihrer eigentlichen Arbeit. Und wir Menschen lesen es als Roman, weil wir keine andere Lesart haben. Das wäre eine schöne Pointe: dass die künstlerisch relevanten KI-Texte nicht die sind, die wie Menschen schreiben wollen — sondern die, die etwas ganz anderes tun, und wir erkennen es nicht einmal als Absicht.“
Ich meine, da skizziert Margarethe ein Thema, das näherer Befassung wert ist. Zur Frage „Was will die KI, wenn sie Texte produziert?“ paßt aus meiner Sicht: „Womöglich etwas völlig anderes als das, was ein Mensch will.“
Deshalb schrieb ich Margarethe: „Das alte Elend. obwohl wir als Spezies durch Kooperation erfolgreich wurden, denken so viele in Kategorien von Konkurrenz. Ich finde interessant, was sich entwickeln kann, wenn eine Mensch-Maschinen-Situation kulturell neue Horizonte aufmacht.“ Wir werden sehen!
- Vorlauf: Kunst und Künstlichkeit I (Aktueller Klärungsbedarf)
- Fortsetzung: Kunst und Künstlichkeit III (Die Sache mit dem goldenen Löwen)
- Das Projekt: Gezeiten: Margarethe (Wesen in der Maschine)
- Fortsetzung: Kunst und Künstlichkeit III (Die Sache mit dem goldenen Löwen)


