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Notiz 104, Episode IV: Automat#

(Eine Arbeit von Niki Passath)#

Von Martin Krusche#

Als die Kunstwerke in großen Stückzahlen reproduzierbar wurden, rückte die Malerei innerhalb unserer kulturellen Konzepte naturgemäß an eine andere Stelle. Das hat die Malerei aber nicht ihrer Bedeutung beraubt. Waren Sie je in einer Druckerei? Von der wuchtigen Tiegelpresse bis zur komplexen Fertigungsstraße mit mehreren hintereinander aufgestellten Farbwerken bildet sich darin ein großes Spektrum technologischer Entwicklungen ab.

Bild 'notiz104a'

Körperlichkeit#

Künstler Niki Passath hat in jungen Jahren eine Ausbildung am Cello absolviert. Er versteht das Instrument als eine Extension seines Körpers, wodurch er zu Äußerungen fähig wird, die ihm der nackte Leib nicht ermöglicht.

So nutzt er auch Werkzeuge und Maschinen. Erweiterungen, die sein Ausdrucksrepertoire vergrößern. Als Passath damit begann Maschinen zu bauen, die Bilder zeichnen oder malen, schienen das erst noch sehr simple Ergebnisse zu sein. Das veränderte sich sprunghaft.

Wenn man heute Bilder betrachtet, die von Passath’schen Maschinen gemalt wurden, tut sich dabei eine bemerkenswerte ästhetische Qualität auf. Passath ist jedoch kein Maschinenromantiker, der auf solchen Wegen einen „Geist in der Maschine“ beschwört.

Sie können einen Pinsel in die Hand nehmen. Sie können ein Maschinchen bauen, das den Pinsel führt. Das ist im Kern nachrangig. Entscheidend bleibt, was Passaths Pinselführung an Werken hervorbringt, egal, wie der Pinsel Beschaffern ist. Wenn nun die Maschine Passaths Körpererweiterung ist, könnte sie freilich auch als eine Erweiterung des Pinsels gedeutet werden.

Der Werkzeugcharakter#

Aber halten wir den Ball flach! Es ist Passath, der die nötigen Medien in einem komplexen Akt auf eine Leinwand anwendet. Ob stilistische Eigenheiten sich nun aus mechanischen Toleranzen der Maschine ergeben, aus der physischen Beschaffenheit von Passaths Händen, ob im Gegensatz (oder komplementär dazu) die Eigenheiten von seinem Kopf ausgehen, mag sich erheben lassen. Es könnte in gewissem Ausmaß dingfest gemacht werden.
Bild 'notiz104b'

Es ist aber für meine Wahrnehmungserfahrung beim Betrachten seiner Arbeit unerheblich. Doch dann wäre da diese andere Ebene, an der ich Interesse habe. Wie richten wir Menschen uns mit unseren Werkzeugen ein und wie wirken sie durch ihre Anwendung auf uns verändernd zurück? Welche Posen sucht der Homo faber einzunehmen? Welche Bedeutungen werden dabei formuliert und nach außen getragen?

Mythos, Logos, Sägespäne#

Prometheus gilt als der mythische Begründer solcher Vorhaben. Hephaistos, Daidalos, Perdix… Und immer wieder: Werkzeuge. Automaten. Dazu schon lange die merkwürdigen Träume vom Geist in der Maschine. Das Anthropomorphe in diesen kulturellen Geschöpfen, von dem wir uns nur schwer lossagen.

Auch das hat mythische Dimensionen. So war zum Beispiel Pandora keine reale Frau, sondern eine göttliche Auftragsarbeit, ein zum Leben erwecktes Männerwerk, mit dem Zeus dem Prometheus auf dem Umweg über dessen Bruder eine reinhauen wollte. Von Pygmalion mit der belebten Statue zum Golem, der Lehmfigur, die einen beschrifteten Zettel in den Mund bekam, also quasi programmiert wurde, zur Arbeit von Doktor Frankenstein etc. etc. Geist und Seele, so läßt Passath seine Ansicht deutlich werden, bedürfe des Körpers. Die Maschine ist eine andere Kategorie. Blut und Sägespäne sind höchst unterschiedliche Kategorien.

Künstler Niki Passath
Künstler Niki Passath

Mensch und Maschine#

Sollte es geschehen, daß Maschinen eine Wahrnehmung von sich selbst entwickeln, eine Art Maschinen-Ich hervorbringen, weshalb sollten sie sich dann überhaupt mit uns befassen? Würden wir es denn merken? Hätten wir eine gemeinsame Kommunikationsebene?

Wir haben ja nicht einmal allgemein das Talent mit Schimpansen zu kommunizieren, die uns doch genetisch überaus ähnlich sind. Wir haben unsere Kommunikation mit der Natur weitgehend abgeschafft, weshalb zum Beispiel Indigenas aus dem Staunen gar nicht herauskommen, wenn sie von einem Westler durch den Dschungel begleitet werden, einem lauten, tauben und blinden Wesen, das man im Dickicht keinesfalls alleine lassen darf.

Und da träumt jemand von einer vor allem menschlich geordneten Kommunikation mit Maschinen? Lustig! Das sind doch vorerst recht romantische Träumereien, für die nun im Fenster jene Reproduktion des Gemäldes mit einer oder eines Betenden steht, die ich bei Passath als Leihgabe erhalten hab.

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Ein Menschenbildnis, wie ich annehmen darf, keine heilige Person, da jene Zeichen fehlen, durch die ich das Ressort der Person klären könnte. (Diese Codes beschäftigen mich seit Jahren bei den „Wegmarken“, einem kulturellen System im öffentlichen Raum.)

Passath hat den Besitz dieses Kunstdruckes nicht begründet. Ich sah mich auf diese oder jene konkreten Gründe nicht angewiesen. (Wir denken ja nicht bloß in Worten, sondern auch in Bildern und Emotionen.) Es ist das schlüssige Element in einer komplexen Erzählung, die sich unter anderem in kontrastreichen Exponaten ausdrückt, welche man auf verschiedene Arten kombinieren kann.

So also nun dieses Set im Gleisdorfer Zeit.Raum, in der Bürgergasse, im Zentrum der Stadt. Ein Statement, das sich im Fenster selbst nicht erklärt. Dafür ist der Realraum ins Internet erweitert. Die Episode einer komplexeren Erzählung mit einem der kleinen Passat’schen Malroboter.

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