Die Bachmann: Der digitale Paparazzo#
(Martin Krusche)#
Wo kommen denn all diese Fotos her? Das sind keine Fotografien, sondern Bilder, die mittels einer generativen KI angefertigt wurden. Albert Einstein starb 1955 in Princetown (USA), Ingeborg Bachmann 1973 in Rom.
Ella Fitzgerald verließ uns 1996 in Beverly Hills (USA), Billie Holiday schon 1959 in New York City. Ich bin hier gewissermaßen ein digitaler Paparazzo. Es gibt Bildmontage und Fotoretusche ja schon lange. Aber heute können selbst ungeübte Laien mit wenig Know how solche Motive herstellen. Fotos sind also längst keine zuverlässigen Medien mehr, um zu belegen, was der Fall ist.
Gegebenenfalls müßte man beides zertifizieren können, den Fotoinhalt und die Herstellung des Fotos. Eine Menge Beglaubigungsaufwand. Anders betrachtet: digitale Techniken bieten sich für nächste Erzählweisen an.
Evidenzmaschinchen#
In der bildenden Kunst hat das seit der Antike eine Tradition im Darstellen von erdachten Motiven und Situationen, von Allegorien, Metaphern, Inszenierungen, Traumbildern. In der Fotografie wurden solche Optionen auch recht bald erdacht und praktisch umgesetzt.Aber wir sind es gewohnt, Fotos als Realitätsbelege zu deuten, was durch die junge Selfie-Flut einen starken Schub erhalten hat. Vor allem Mobiltelefone dienen dabei als „Evidenzmaschinchen“, um besondere Belege herzustellen: „Das bin jetzt ich!“ „Dort bin ich gewesen!“ „Ich und Bushido!“ „Mein Lamborghini.“ „Wir ließen es bei dieser Party krachen!“
Ich habe für unser Projekt „Gezeiten“ (Ufer und Uferlosigkeit) die romantische Idee vom Zeitreisen aufgegriffen. Die ließ neuerdings zumindest auf der Quantenebene einen ersten Schimmer von Möglichkeit entdecken, auch wenn das auf der atomaren Ebene pure Science Fiction ist; in meinem Fall Romantic Science Fiction.
In dieser Erzählung hat erst Einstein mich besucht, dann hab ich bei Ingeborg Bachmann auf ein paar Drinks vorbeigeschaut. Danach fing ich an, mich in der Vergangenheit umzutreiben.
Das verweist einerseits auf die Ausstellung „Böhmen liegt am Meer“, welche am 3. Juli 2026 in Gleisdorfs k.k. Poststation eröffnet wird. Das hat andrerseits ein paar Schnittstellen zu verschiedenen Themen, die wir mit künstlerischen Mitteln bearbeiten.
Weiterführend#
- Gezeiten (Ufer und Uferlosigkeit)
- Böhmen liegt am Meer (Ausstellung)
