Episode 67: Jacuzzi! III#
(Kulturpolitische Debatten und Prozesse)#
Von Martin Krusche#
Meine vorangegangene Notiz endete mit dem Satz: „Die Gleisdorfer Jacuzzi-Kundgebung gipfelte im Appell einer Frau, die explizit forderte, es müsse endlich eine ‘Kultur für alle‘ geben.“, dazu mein Hinweis: „Auf dieses Thema werde ich noch extra eingehen.“
Bei der Session im Rathaus wurde klar, daß ich in dieser Community nicht als bekannt voraussetzen darf, was Hilmar Hoffmann im Jahr 1979 mit seinem Buch „Kultur für alle. Perspektiven und Modelle.“ zusammengefaßt hatte.
Das heißt, vor fast einem halben Jahrhundert waren quer durch den deutschsprachigen Raum schon Debatten gelaufen, die vielerorts zu kulturpolitischen Konsequenzen geführt haben. Dabei ging es unter anderem um niedrigschwellige Zugänge zur Kunst, die jüngst in Gleisdorf energisch gefordert wurden.
Realitäts-Check?#
Eine erstaunliche Pose angesichts der Tatsache, daß es genau das in der Stadt ja immer wieder gibt. Zum Beispiel eben erst die zwei hochkarätigen Ausstellungen im Gleisdorfer „Spiegelgitterhaus“. Werke des fulminanten Hannes Schwarz (1926-2014), der belegt hatte, daß sich auch aus einem Leben in der Provinz heraus internationaler Rang erarbeiten läßt.Danach eine Schau jüngerer Arbeiten, nämlich von Anneliese Schrenk und Michael Kienzer. All das, wie auch eben die Ausstellung von Selma Etareri in der alten Poststation, jeweils bei freiem Eintritt und kostenlosen Drinks. Realitäts-Check: Niedrigschwellig genug?
Was nun Hilmar Hoffmann 1979 auf den Punkt gebracht hatte, bekam für mich 2010 eine wichtige Diskurs-Anregung aus Kanada. Simon Brault veröffentlichte „No Culture, No Future“. Ein Essay, den ich im neben dem von Hoffmann im Regal stehen hab. Dazwischen hatte der Wiener Semiotiker Jeff Bernard im Jahr 1990 mit zwei Bänden über „Strukturen autonomer Kulturarbeit in Österreich!“ ausgeleuchtet, wovon da die Rede sei, wenn wir an der Basis Debatten führen.
Ferner erinnere ich mich an die Konferenz „sektor3/kultur“ im Jahr 2000, zu der drei sehr aufschlußreiche Publikationen erhalten sind: „Klimawechsel: „Für eine neue Politik kultureller Differenz“, „sektor3/kultur: Widertand, Kulturarbeit, Zivilgesellschaft“ und „Sektor3medien99: Kurskorrekturen zur Kultur- und Medienpolitik“.
Und die Steiermark?#
In diesen Zusammenhängen gab es übrigens 2010 ein Buchprojekt der Steirischen Kulturinitiative mit dem programmatischen Titel „Die Szene und ihre Initiativen“. Eine sehr solide Arbeit, der nach meiner Kenntnis in der Steiermark keine vergleichbare Anstrengung mehr gefolgt ist, um zu klären: Was wurde erarbeitet? Was wurde erreicht? Wo steht der Diskurs?Bei der Gleisdorfer Jacuzzi-Kundgebung ließ sich nicht feststellen, daß die Mehrzahlt der Wortmeldungen von etwas Wissen über die schon getane Arbeit und gehabten Diskurse wenigstens berührt gewesen seien.
Ich muß daher annehmen, daß die Voodoo-Fraktion heute dort vorankommen möchte, wo manche von uns 1980 schon gewesen sind. Übrigens auch nach der Lektüre von „Pädagogik der Unterdrückten“ (1971) des Paulo Freire, einiger Reden von Vaclav Havel und anderer Anregungen.
Weiterführend#
- Simon Brault (arts administrator, advocate, author, accountant)
- Als PDF-Datei online: Klimawechel (Für eine neue Politik kultureller Differenz)
- Publikation: Die Szene und ihre Initiativen
- Paulo Freire Zentrum
- Fragen zur Szene I (Zusammenfasssung mehrerer Glossen)
- Fragen zur Szene II (Zusammenfasssung mehrerer Glossen)


