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Episode 68: Chris (†)#

(Ein Zusammenhang)#

Von Martin Krusche#

Sie merken es ja, ich habe keinen Neigung, irgendwelche Nachrufe zu verfassen. Aus einem simplen Grund. Was mich persönlich mit einem Menschen verbunden hat, ist eine private Dimension, die ich nicht auf diese oder jene Bühne schleppe. Es möge jemandes Werk sprechen.

Chris mit Chris anno 2023.
Chris mit Chris anno 2023.

Davon findet man zu ihm online nicht rasend viel. Chris Scheuer hatte selbst offenbar keine Ambition, sich für seine Webpräsenz besonders zu engagieren. Eine einzelne Social Media-Präsenz schien ihm zu genügen. Darüber hinaus war er vor allem anderen als Zeichner wahrnehmbar, manchmal auch als Maler.

Mir fehlt nun jemand, von dem das geistige Leben in der Region Anregungen und Spuren erhalten hat. Über sein künstlerisches Werk, auch in realer Begegnung, durch seine Lebensart und Weltsicht. Ganz einfach, weil er vollkommen anders drauf war als ich es bin.

Denke ich an sein Verlöschen, dann gleich auch an Hartmut Skerbisch, an Helmut „Heli“ Schranz, oder an Ernstl „Everest“ Binder, dem Chris übrigens verbunden gewesen ist. Emil Gruber nicht zu vergessen, den Liebhaber der Vulkane, und Gerhard Kofler, den Signore.

Der Zusammenhang#

Ich habe vorhin auf der Startseite schon erwähnt: „Ich erinnere mich an jemanden, den ich für eine milde Seele halte. Es scheint mir unvorstellbar, daß er anderen Menschen Grobheiten zugemutet hätte.“ Nun fällt mir auf, genau das trifft auf jeden der hier genannten Männer zu.

Wir sind Söhne einer brutalisierten Gesellschaft, welche im großen Ganzen für den Faschismus gestanden hat. Unsere Leute, nicht alle, aber sehr viele, stellten damals das Personal für einen wuchtigen Krieg, der von einem System getragen wurde, welches keinerlei Grenzen kannte. Wir sind Söhne eines Kräftespiels, durch das kurz vor unseren Geburten Tore zum Herz der Finsternis aufgerissen worden sind.

Auftakt der Episode im Zeit.Raum. (Wird in Etappen ergänzt.)
Auftakt der Episode im Zeit.Raum. (Wird in Etappen ergänzt.)

Ich will diesen Aspekt nicht weiter herausstreichen. Aber wenn ich die Qualitäten jener Toten aus meinem künstlerischen Bezugssystem betone, dann in dieser Klarheit, nämlich zu wissen, wie wichtig derlei Persönlichkeiten in der Zweiten Republik waren.

Denn um einen Punkt des Kontrastes hervorzuheben, ich bin nie ein Pazifist gewesen, bin es auch heute nicht. Von mir hat die Beachtung der Trennlinie hin zur Gewalttätigkeit öfter große Konzentration verlangt. Wenn also das geistige Leben von jenen Künstlern mitgestaltet wurde, dann hieß das für mich, ich habe zu meinem Vorteil gleichermaßen künstlerische und soziale Orientierungspunkte angeboten bekommen.

Und ich hatte in diesen Künstlern geistreiche Diskurspartner. (Kein selbstverständliches Gut!) Nun verliert also meine Alterskohorte nach und nach bemerkenswerte Menschen, deren Leben in der Kunst jeweils eine Art des radikalen Selbstversuchs gewesen ist. Daran muß nichts beklagt werden, denn jene unter uns, die wenigstens das 70. Jahr erreicht haben, wissen wohl auch, welches Geschenk solche Lebensdauer ist.

Das war eben erst den meisten Leute hierzulande gar nicht möglich. Die Achtzig- und Neunzigjährigen gab es zwar gelegentlich, aber zwischen 1800 und 1900 mußten der Mehrheit 40, 45, maximal 50 Lebensjahre reichen. Lassen Sie allerdings mich annehmen, wir, die hier genannten, hätten auch mit 120 oder 150 Jahren genug anzufangen gewußt. Naja, geht sich nicht aus.