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Helga Maria Wolf

Farben#

Bild 'Farbeier'

"Grün, grün ist meine liebste Farbe, grün grün ist alles, was ich habe … weil mein Schatz ein Jäger ist". Das in Varianten weit verbreitete Volkslied aus dem 19. Jahrhundert verbindet Farben mit Berufen. Farbvergleiche - "rot wie Blut", "weiß wie Schnee", "grün wie Gras" - lassen sich noch weiter zurück verfolgen. Farben und ihre symbolische Bedeutung finden sich häufig in sprichwörtlichen Redensarten.

Grün ist ein gutes Beispiel dafür. Es bezeichnet das Frische, Junge in der Natur - und auch im Menschenleben. Ein Grünschnabel (oder Gelbschnabel) ist ein unerfahrener Jugendlicher, der sich zu viel zutraut. Die Amerikaner nannten neue Einwanderer "Greenhorn". Moderne Redewendungen drehen sich um die Natur - "einen grünen Daumen haben" - ebenso wie um die Technik, wenn von der "grünen Welle" der Verkehrsampeln die Rede ist, "sich alles im grünen Bereich" bewegt oder "Grünes Licht gegeben" wird. Martin Luther sprach von Christen, die "grün und schwach im Glauben" wären. Eine Erklärung des Wortes Gründonnerstag leitet es von dies viridium ("Tag der Grünen") ab. Man verglich die Sünder, die ihre Buße absolviert hatten, und wieder am Gemeindeleben teilnehmen durften, mit grünenden Zweigen. "Auf einen grünen Zweig kommen" lässt an Neujahrsgaben denken, wie sie in der Antike üblich waren - heutzutage verschenkt man vierblättrigen Klee. Wird jemand oder etwas "über den grünen Klee" gelobt, so geschieht dies in übertriebener Weise. Mittelalterliche Dichter beschrieben die junge Liebe gerne als "grün wie Klee".

Das Lied "Liebe in allen Farben" verknüpft Farbsymbolik und Liebeslyrik mit dem Lob auf verschiedene Berufsstände. So wie sich sprichwörtliche Redensarten wandeln - viele sind erklärungsbedürftig geworden, weil es manche Berufe nicht mehr gibt - ist es auch bei diesen Liedstrophen. Die zweite - "… rot, rot ist alles was ich habe …" endete mit "weil mein Schatz ein Reiter ist." Das frühere Tanzlied singen heute Kindergartenkinder - für sie scheint "Feuerwehrmann" zeitgemäßer. Die Komplementärfarbe zum beruhigenden Grün signalisiert Gefahr, steht für Feuer und Blut. Rot gilt als Reizfarbe, wie man im humorvollen Spruch "Was dem Stier das rote Tuch, ist dem Gast das Gästebuch" lesen kann. Unangenehm ist es, wenn bei einem Projekt "der Rotstift angesetzt" wird, was zum Einsparen nötigt, damit man nicht in die "roten Zahlen" kommt. Über den "roten Teppich" zu schreiten, ist eine große Ehre. Er wird beim Empfang von Prominenten, wie Stars oder Politikern, ausgerollt. Die beim folgenden Staatsbesuch gehaltenen Reden sollten einem "roten Faden" folgen. Diese Redensart geht auf die die englische Marine zurück. Seit 1776 ließ die königliche Flotte ihr Tauwerk mit einem roten Faden kennzeichnen, den man nicht entfernen konnte, ohne die Seile zu zerstören.

Zur Marine passt die dritte Strophe: " … Darum lieb' ich alles, was so blau ist, weil mein Schatz ein Matrose ist." In Binnenländern wird der Seemann zum Färber. Diesem Beruf könnte der "blaue Montag" seine Bezeichnung verdanken: "So lange mit Waid blau gefärbt wurde, musste die Wolle, nachdem sie zwölf Stunden im Färbebad gelegen harte, ebenso lange an der Luft oxydieren. Sonntags ließ man sie im Bad, worauf sie en ganzen Montag an der Luft liegen musste. Die Gesellen konnten müßig gehen, wenn in solcher Weise 'blau gemacht' wurde", lernt man aus dem Standardwerk der Etymologie, Kluge-Götze. Doch mangelt es nicht an anderen Erklärungen. Sie reichen vom übermäßigen Alkoholgenuss ("blau sein" für Rausch, blaue Nase der Alkoholiker) bis zum blauen Sonntagsrock, den die Arbeiter an arbeitsfreien Tagen trugen. Das rotwelschen "blau" von jiddisch "belo" würde bedeuten, dass die Gesellen am Montag nicht oder schlecht arbeiteten. Mit der Untätigkeit der unteren Schichten hat das "blaue Blut" der Adeligen nichts zu tun. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Spanien gebräuchlich, spielt der Ausdruck auf die noble, blasse Haut an, welche die (blauen) Adern sehen ließ. Der Farbton "19-4052 Classic Blue“ wurde vom amerikanischen Farbunternehmen Pantone zur Farbe des Jahres 2020 ernannt.

Die vierte Strophe ist der Farbe Schwarz gewidmet. Der hier erwähnte schwarze Mann ist nicht der Kinderschreck der schwarzen Pädagogik, sondern der Rauchfangkehrer. Zu Neujahr gilt er als Glückssymbol, weil er durch seine verantwortungsvolle Arbeit Brände verhindern konnte. Schwarz wird häufig mit etwas Negativem in Zusammenhang gebracht: Trauer - "schwarz tragen" -, Pessimismus - "schwarz sehen" - oder strafbaren Handlungen - "Schwarzarbeit", "schwarzhören". Als Schwarze Freitage gingen u. a. der 9. Mai 1873 (Wiener Börsenkrach) und der 25. Oktober 1929 (Zusammenbruch der New Yorker Börse als Anlass der Weltwirtschaftskrise) in die Geschichte der Finanzwelt ein. Jetzt ist der "Black Friday" mit seinen Sonderangeboten Ende November ein Feiertag für "Schnäppchenjäger". Das "schwarze Schaf" ist in der Familie ebenso unbeliebt wie der "schwarze Peter" im Kartenspiel. Hingegen kann froh sein, wer einen Beweis "schwarz auf weiß" in Händen hält oder auf der Zielscheibe "ins Schwarze" trifft. Die "schwarze Kunst" beherrschten sowohl Buchdrucker als auch Zauberer, die schwarze Magie ausübten. Der "schwarze Tag", geht auf lateinisch "Dies ater" zurück, den ungünstigen Tag, an dem alles misslingt. Noch lange hielt sich der populäre Glaube an "schwarze" und "weiße" Wochentage, Unglücks- bzw. Glückstage, die man beachten sollte.

In der fünften Strophe steht die Farbe weiß für den Müller (in der modernen Kindergartenvariante wird daraus die Ärztin). Die Assoziation von Farben zu Berufen findet sich nicht nur im Volkslied, sondern auch im Zyklus "Die schöne Müllerin", von dem Franz Schubert 1823 zwanzig Gedichte vertonte. Darin verliebt sich ein Müllerbursche auf der Walz in die Besitzerin einer Mühle. Zuerst scheint sie nicht abgeneigt, zieht dann aber einen Jäger vor und der Geselle ertränkt sich. Weil die Müllerin dem Jäger zugetan ist, hat sie als Lieblingsfarbe Grün. Um sie zu erfreuen, schenkt ihr der Müller nichts ahnend sein grünes Gitarrenband: "Ist auch dein ganzer Liebster weiß, soll Grün doch haben seinen Preis … Weil uns're Lieb' ist immergrün …" Der Müller braucht sich nicht "weiß waschen" (rein waschen), doch seine Mühe ist vergeblich, wie eine weitere Interpretation besagt. Er bleibt ein "weißer Rabe", ein Außenseiter. Ihm hilft die "weiße Weste" nichts, wie eine Umschreibung für "reines Gewissen" lautet. Schon Abraham a Sancta Clara verwendete dieses Bild, Bismarck gebrauchte es im Zusammenhang mit dem preußisch-österreichischen Krieg 1866 ("…bis jetzt hätten wir keinen Flecken auf der weißen Weste").

"Schwarz gefleckt auf weißem Grunde" (wie ein Hermelinpelz) war die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "bunt", das Martin Luther einführte. In der letzten Strophe des Liedes von der liebsten Farbe geht es "bunt" zu, "weil mein Schatz ein Maler ist". Als "Bunte Reihe" bezeichnete man in der Barockzeit die Sitzordnung, bei der abwechselnd ein Herr und eine Dame nebeneinander platziert werden. Lange Zeit hatte "bunt" einen negativen Beiklang als ungeordnetes, wirres Vielerlei: "Sie treiben es zu bunt", "bekannt wie ein bunter Hund", oder "es wird einem bunt vor den Augen". In der Spaßgesellschaft sieht man es positiv: Lustig, vielfältig, abwechslungsreich.

"Sprichwörtliche Redensartenbilder sind vieldeutig und laden zu immer neuen Kombinationen ein", schreibt Lutz Röhrich im Vorwort zur Neuauflage seines "Großen Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten". Der Erzählforscher spricht von einer "Doppelbewegung, von oben nach unten und von unten nach oben." Alltagsweisheiten können in die Literatur Eingang finden und umgekehrt. Metall und Farbe Gold wurden ursprünglich mit göttlichen, heiligen Werten in Verbindung gebracht. Ein goldener Baum oder goldener Zweig gelten in der Literatur, wie im Märchen, als Symbol für Gnade und Glück. So lässt Goethe den Mephistopheles in seinem "Faust" sagen: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum." Doch ebenso bewahrheitet sich: "Es ist nicht alles Gold, was glänzt".

Erschienen in der Zeitschrift "Schaufenster.Kultur.Region.Niederösterreich, 2019