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Gautschen#

Das Gautschen (die Gautsch), ein Berufsbrauch der Buchdrucker und Schriftsetzer, geht auf (grobe) zünftische Initiationsrituale zurück. Schon im 16. Jahrhundert gab es "Depositionsspiele" zur Freisprechung an der Schwelle vom Lehrling zum Gesellen. 1771 ließ Kaiserin Maria Theresia die "albernen Gebräuche" abschaffen. Doch die Buchdrucker erfanden einen neuen, das Gautschen. Der Name leitet sich von der Papiererzeugung ab. Bei der früher üblichen Herstellung von handgeschöpftem Büttenpapier wurde der nasse Bogen vom Sieb auf Filz abgelegt und gepresst. Die frühen Buchdrucker befeuchteten das Papier vor dem Druck, um ein besseres Ergebnis zu erzielen.

Bei der traditionellen Freisprechungszeremonie gab/gibt es bestimmte Rollen. Gautschmeister war der Prinzipal (Lehrherr). Der Schwammhalter brauchte, um sein Amt auszuüben, zwei Schwämme und einen Kübel mit Wasser. Mehrere Packer ergriffen den Lehrling - Gäutschling oder Kornute genannt - , um ihn der Bütte zuzuführen. Der Anführgspan oder Faktor (Ausbildner) fungierte als Zeuge.

Obwohl es die Berufe der Buchdrucker und Schriftsetzer nicht mehr gibt, pflegen manche Unternehmen, und allen voran die Höhere Graphische Bundes-Lehr-und-Versuchsanstalt in Wien 14, den Brauch wieder. Hier findet er für die AbsolventInnen der Studienrichtung Medientechnik im Juni und Oktober statt. Auch einige "Ehrengäutschlinge" (meist Sponsoren oder Personen des öffentlichen Lebens) nehmen teil. Die Organisation der Feier obliegt einem Gautschkomitee aus den Reihen der AbsolventInnen, gemeinsam mit dem Zeremonienmeister. Im Sinne der living history sind Fahnenträger, Gautschmeister, Schwammhalter, Packer, Zeremonienmeister und Zeuge in der Mode der Zeit Gutenbergs gewandet. Für die AbsolventInnen sind einheitliche T-Shirts oder Schürzen üblich. Die Akteure versammeln sich vor der Schule und gehen in geordnetem Zug über die Straße in den großen Hof der Lehranstalt. Dort ist bereits die Bütte mit angewärmtem Wasser gefüllt. Nach der branchenspezifischen Begrüßung ("Gott grüß die Kunst!"), einer kurzen Ansprache und dem traditionellen Gautschspruch fordert der Gautschmeister die Packer auf, tätig zu werden. "Packt an, N.N." Dies geschieht in nicht alphabetischer Reihenfolge. Der/die Genannte versucht rituell zu flüchten, wird aber (hier innerhalb von zwei Minuten) eingefangen und zur Bütte geschleppt. In früheren Zeiten hätte man davonlaufen können und wäre zwar freigesprochen werden, hätte aber keinen Gautschbrief zur Bestätigung erhalten. Bei der Bütte wartet der Schwammhalter, um den Gäutschling mit dem nassen Schwamm zu "taufen". Früher schüttete man einen Kübel Wasser über den Kopf des Kornuten. Nun werfen ihn die Packer in Bütte und tauchen ihn unter. Dem Auftauchen folgt der Ehrentrunk (Bier) mit dem Gautschmeister. Nachdem das Ritual an allen vollzogen wurde, verlassen sie die Stätte im Festzug. Endlich haben sie Gelegenheit zum Umkleiden, um bei der anschließenden Gautschbriefübergabe wieder gut auszusehen. Das gesiegelte "Zunftzeugnis" bestätigt den positiven Abschluss. Einst war es als wichtigstes Arbeitspapier Voraussetzung für das Dienstverhältnis.

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Gautschfeier in der "Graphischen" am 18. Oktober 2019. Fotos (c) Helga Maria Wolf.
Quelle: Bernhard Honkisz: Pakkt an. Eine Geschichte der Gautsch (Manuskript)