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Fröhliches Schaudern#

Helga Maria Wolf

"Trick or treat" heißt das Motto der Halloween-Nacht. Die Übersetzungsmöglichkeiten sind variabel: "Streich oder Spende", "Süßes oder Saures", "Schoko oder Schabernack". Maskierte, als Hexen, Zombies oder Gespenster verkleidete Kinder und Jugendliche ziehen mit ihrem Spruch von Haus zu Haus und fordern Leckerbissen. Wer ihrem Wunsch nicht entspricht, muss mit boshaften Sachbeschädigungen rechnen.

Halloween, in der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November, ist ein hybrides Fest. Es vereint die verschiedensten Motive - religiöse, kommerzielle, jugendkulturelle - und Brauchelemente. Dazu passen mehrere "Ursprungslegenden". Die bekannteste handelt von Jack O' Lantern, einem trunksüchtigen Schmied. Dieser hatte den Teufel überlistet, so dass er nach seinem Tod nicht in die Hölle kommen konnte, doch auch der Himmel blieb Jack verwehrt. So spukt die arme Seele mit ihrer Laterne - ein glühendes Kohlenstück in einer Zuckerrübe (bzw. Kürbis) - als Wiedergänger umher.

Im Zeitgeist des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (re)konstruierten Gelehrte Halloween als Druidenfest, das bis in die Gegenwart weiterleben sollte. Die keltischen Priester hätten einem Totengott namens Samain Opfer gebracht. Allerdings gibt es keinen einzigen historischen oder archäologischen Hinweis auf diesen Gott und sein Fest. Samhain (in der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November) war jenes der vier keltischen Großfeste, das den Jahresbeginn markierte. Angeblich hätten dann die Geister der Verstorbenen des Jahres versucht, sich der Körper von Lebenden zu bemächtigen. Diese wollten sie durch Maskierungen und lärmende Umzüge abschrecken. Die "Elfenhügel" wären offengestanden und dadurch die Kommunikation mit der Anderen Welt möglich. (Elfen, Hexen und Kobolden sagte man Bosheitsakte nach, wie sie in der Unruhnacht Halloween vorkommen.) Die Grazer Ethnologin Edith Hörandner nannte, wie viele andere FachvertreterInnen, die Theorie von der ungebrochenen Kontinuität "eine von der Wissenschaft längst revidierte Prämisse", die "starke latente Bedürfnisse" befriedige. Mit verteufelten "heidnischen Kulten" oder den Kelten hat das moderne Gruselfest nichts zu tun.

Vielmehr verweist der Name Halloween ("All Hallows Evening") auf den Vorabend des christlichen Allerheiligenfestes. Der 1. und 2. November, das "große Doppelfest der Toten, nämlich der toten Heiligen wie der toten Weltkinder, bedeutet den kräftigsten Einschnitt zwischen Herbst und Frühwinter", schrieb der langjährige Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde, Leopold Schmidt. Anno 835 übertrug Papst Gregor IV. das - seit zwei Jahrhunderten begangene - Fest aller Heiligen offiziell auf den 1. November. Im Jahr 1006 ordnete Papst Johannes XVIII. die allgemeine Feier des Allerseelenfestes an. Seit Papst Gregor dem Großen (+ 604) und besonders im 12. und 13. Jahrhundert entfalteten katholische Theologen die Lehre vom Fegefeuer. Dort harrten die Seelen, die nicht in die Hölle mussten, aber noch nicht in den Himmel durften, auf ihre Erlösung.

Die Gläubigen konnten die auf das bessere Jenseits Wartenden durch "Seelgeräte" erlösen. Dazu zählten Gebete, gute Taten für die Armen, Sach- und Geldspenden für die Kirche, wie Kerzen, Mess-Stipendien oder Ablässe. "Seelgeher" forderten von den Hofbesitzern Brot, Seelenkuchen oder Allerheiligenstriezel. Heischen zu bestimmten Terminen war das Recht der Unbemittelten und trug zu ihrer Existenzsicherung bei. Heischebräuche folgen dem Prinzip "do ut des" (Ich gebe, damit du gibst). In diesem Fall bestand die Gegengabe im Gebet für die Armen Seelen. Geizige wurden - wie auch bei anderen Heischebräuchen - mit Verwünschungen bedroht.

Die Allerheiligenstriezel aus Stroh, wie sie die Burschen im Weinviertel verteilten, waren hingegen ein Rügebrauch. Wer den Vorstellungen der Dorf"gemeinschaft" nicht entsprach, wurde in dieser prominenten Unruhnacht Opfer von Spott und Schaden. Spröde oder freizügige junge Frauen fanden aus Stroh geflochtene Zöpfe auf dem Hausdach, unbeliebte Bauern mussten ihre Arbeitsgeräte von dort herunterholen. Auch Elemente von Ernteschlussbräuchen lassen sich bei Halloween finden: In der Steiermark stellten Landwirte am Ende der Kürbisernte auf den Feldern und bei den Häusern beleuchtete "Plutzer" auf. Licht spielt in der dunklen Jahreszeit eine besondere Rolle, zu Allerheiligen/Allerseelen auf den Friedhöfen ebenso wie beim Martiniumzug im Kindergarten. Schließlich sind die bei allen Bräuchen wichtigen Elemente Essen, Trinken und Geselligkeit sowie der Spaßfaktor nicht zu unterschätzen. Ähnliche Formen finden sich in Österreich ebenso wie in England und Irland.

In den 1840er Jahren setzte eine große irische Einwanderungswelle in die USA ein. Die katholischen Migranten brachten ihre Bräuche mit, so auch die Howlers, die Streiche in der Halloween-Nacht. In Amerika beklagte man sich schon bald darüber, Halloween wurde zur gefürchteten Bettlernacht. Weil Verbote nichts nützten, organisierten die Behörden Partys, um Kontrolle über das ausgelassene Treiben zu erlangen. Eine Parallele findet sich um 1900 in deutschen Städten in der Martininacht (11.11.), in der Kinder und Jugendliche wild umherzogen. In Düsseldorf organisierten die Bürger geordnete Laternen-Umzüge mit dem Reiter St. Martin an der Spitze, dem Martinslied und einem Brauchgebäck. Martini war eine Art Herbstfasching, nur ohne Verkleidung. Zur typischen Halloween-Maskerade gehören schwarze Trikotanzüge mit aufgedrucktem weißem Gerippe, Fledermauskostüme und schwarz gekleidete Hexen mit Spitzhüten, wie sie Walt Disney kreierte. Dekorationen sind in schwarz, weiß und orange gehalten, die Speisen sehen ekelig aus.

Nachdem Halloween Amerika erobert und sich dort weiter entwickelt hatte, kehrte der Brauchtermin Ende des 20. Jahrhunderts nach Europa zurück und findet sich als Innovation auch dort, wo er früher unbekannt war. Schon 1957 hatte die Programmzeitschrift "Radio Österreich" eine Bastelsendung mit Kürbisköpfen zu Halloween angekündigt, doch ließ das große Echo noch auf sich warten. Zwei Jahrzehnte später sorgten eine irische Brauerei und die Filmindustrie ("Halloween - Nacht des Grauens" von John Carpenter, 1978 mit sieben Fortsetzungen bis 1998, für 2018 ist die letzte Folge geplant.) für die rasche Ausbreitung. 1975 organisierte ein amerikanischer Offizier auf der südhessischen Burg Frankenstein die erste Halloweenparty in Deutschland, heute Europas größte derartige Veranstaltung. In Wien sind solche Events seit 1992 in der International School, seit 1994 in den Lokalen des Bermudadreiecks bekannt. Die kommerziellen Motive des Brauch-Imports zeigte 1997 ein Flugblatt für Döblinger Kaufleute: “Hallo Wien – Halloween, Wien beleben in toter Zeit”. Die Geschäftsleute wurden eingeladen, sich an einer Aktion zu beteiligen, “die Aufmerksamkeit, Aktivität und Kauflust der Kunden anregen wird.” Dies gelang innerhalb weniger Jahre. Von 14 Mio. € im Jahr 2002 steigerte sich der Umsatz österreichweit bis 2016 auf 42 Mio. € und schlägt damit bereits die Ausgaben für den Fasching.

Erschienen in der Kulturzeitschrift "morgen", November 2017