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Kerzen brannten schon vor 2000 Jahren. Ihren Namen verdanken sie dem lateinischen „Charta", dem Blatt der Papyrusstaude, das als Docht Verwendung fand. Griechen und Römer waren Meister der Bienenzucht. Im ersten nachchristlichen Jahrtausend widmeten sich vor allem die Klöster der Imkerei und Wachsverarbeitung. Seit dem 11. Jahrhundert besteht das bürgerliche Kerzenmachergewerbe. Um 1400 zählte die Wiener Zunft der Wachskerzenhersteller 16 Mitglieder. Dabei waren bis ins 15. Jahrhundert Bienenwachskerzen in privaten Haushalten eine Seltenheit. Um 1600 kostete ein Kilogramm Bienenwachs zehnmal so viel wie ein Kilogramm Fleisch. Man fertigte selbst Unschlittkerzen aus Talg und füllte Lampen mit Rüböl. In waldreichen Gegenden diente der Kienspan als Beleuchtungsmittel. 

Kerzen

Die Verwendung von Wachskerzen in der christlichen Liturgie ist erstmals im Jahr 258 im Zusammenhang mit einer Lichtdanksagung belegt: Es sei eine alte Sitte, dass ein Messdiener den Leuchter mit dem Wachs entgegennimmt. Die Pilgerin Egeria berichtete um das Jahr 400 von einer feierlichen Kerzenprozession, mit der man in Jerusalem das Evangelium ehrte. Seit dem 14. Jahrhundert stehen Kerzen auf dem Altar. Jahrhundertelang spielten Wachsvotive und Kerzenspenden eine große Rolle. Kaiser Joseph II. (1741-1790) wollte dem übermäßigen Wachsverbrauch ein Ende setzen. Vom 12. Dezember 1787 datiert das Verbot der Beleuchtung der Seitenaltäre, der großen, eisernen Kerzenständer und des Verkaufs von Kerzen und Rauchwerk vor den Kirchen. Die aktuelle Einführung in das Messbuch bestimmt, dass beim Gottesdienst zwei, vier oder sechs Kerzen aufgestellt werden. Wenn der Ortsbischof die Messe feiert, sollen es sieben sein. Die Sakramentenspendung (Taufe , Erstkommunion, Krankensalbung) ist von persönlichen Kerzen begleitet. Sie leuchten auf der Geburtstagstorte ebenso wie auf dem Friedhof.

Die Erfindung von Stearin (1818) und Paraffin (1837) und deren industrielle Produktion seit den dreißiger bzw. vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts machten Kerzen für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich. Außerdem brannten die neuen Kerzen geruchs- und tropffrei. Fabriken entstanden 1833 in Paris und 1837 in Wien. Seit 1839 stellte die Seifensiedergesellschaft im 7. Bezirk die bekannten "Apollokerzen" her. 1876 brannte der Betrieb ab. Er befand sich zufällig genau dort, wo im Biedermeier der Apollosaal für seine zauberhafte Beleuchtung berühmt gewesen war. 5000 Wachskerzen beleuchteten den "Feenpalast vom Brillantengrund", der 8000 Personen Platz bot.

Kerzen bei der Pestsäule

In den 1990er- Jahren waren Duftlampen mit Teelichtern ein Leitobjekt der Alltagskultur. Ein neuer Brauch ist es, viele Kerzen in Art eines Lichtermeeres als Zeichen der Trauer - z. B. nach einem Unfall - oder des Protestes an öffentlichen Plätzen zu entzünden. Als im März 2020 in Österreich die Covid-19-Pandemie begann, stellten Gläubige bei der barocken Pestsäule am Wiener Graben Grablichter auf.


Quellen:
Dinge des Alltags. Objekte zur Kultur und Lebensweise in Österreich seit 1945. Weitra 2004
Alois Döring (Hg.): Dem Licht entgegen. Winterbräuche zwischen Erntedank und Maria Lichtmess. Köln 2010
Hannelore Fielhauer: Die Kerze. Ein Lichtblick der Kulturgeschichte. Wien 1987
Herbert Rauchenecker: Licht- und Feuerbräuche. München 2003
"Kurier", 26.3.2020
"Österreich", 6.4.2020

Bilder:
Votivkerzen, Maria Kirchental (Salzburg). Foto: Alfred Wolf, 2005
andere Fotos: Doris Wolf 2012/13, 2020


Siehe auch:
-->Kerzenverteilung

Kerze in: Verschwundene BräucheDas Buch der untergegangenen RitualeHelga Maria WolfBrandstätter VerlagWien2015jetzt im Buch blättern