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Friedhof#

Friedhof

Das Wort Friedhof leitet sich vom althochdeutschen "frithof", der Bezeichnung für den eingefriedeten Vorhof einer Kirche ab, die Vorstellung vom Ort des Friedens ist jüngeren Datums. Friedhöfe erfüllen in jeder Kultur individuelle und kollektive Funktionen. Sie sind Orte des Totengedenkens und der religiösen Praxis. Mit zunehmender Säkularisierung geht das Interesse an anonymen Begräbnissen, Kremation oder alternativen Formen, wie der Beisetzung der Urne unter einem Baum im Waldfriedhof oder Trauergarten, Hand in Hand. 

Grabstätten sind die ältesten Zeugnisse menschlicher Zivilisation. Hochkulturen, wie in Ägypten, entwickelten komplizierte Totenkulte, bauten verstorbenen Herrschern Pyramiden und Nekropolen. Im antiken Griechenland lagen die Totenstädte außerhalb der Siedlungen. Reiche Römer ließen sich entlang der Ausfallstraßen begraben und Monumente setzen. In den Katakomben, einer ausgedehnten, unterirdischen Totenstadt, wurden die Leichen in Nischen (Columbarien) eingemauert. 

Das Christentum legte Begräbnisstätten in und um Kirchen an, da man sich von der sakralen Umgebung die beste Ruhe für die Verstorbenen versprach. Sowohl der Ort wurde von einem Priester geweiht, als auch das Begräbniszeremoniell von einem Geistlichen geleitet. Wer nicht den gesellschaftlichen Konventionen entsprochen hatte, wie Angehörige unehrlicher Gewerbe, Exkommunizierte oder Selbstmörder, wurde außerhalb oder am Rand des Friedhofs beerdigt. Für ungetaufte Kinder gab es eigene Abteilungen. 

In Wien befand sich ein Friedhof rund um Sankt Stephan, in den Katakomben unter dem Dom ruhen 40.000 Tote. Die Josefinischen Reformen beendeten die Bestattungen in Kirchengrüften. Die Friedhöfe in den Vorstädten wurden 1784 aufgelassen, mit Ausnahme des Judenfriedhofs in der Rossau (Wien 9), da jüdische Grabstätten für ewige Zeiten bestehen sollen. Die Friedhöfe wurden in die Vororte verlegt, einerseits aus hygienischen Überlegungen - man sah das Grundwasser dadurch gefährdet - andererseits aus Platzmangel. Die aufgelassenen Vorstadtfriedhöfe widmete die Gemeinde Wien als Parkanlagen um. Der einzige Biedermeierfriedhof in St. Marx steht als ganzer unter Denkmalschutz. Auf den 46 Wiener Friedhöfen bestehen mehr als 550.000 Gräber. 14.000 Erd- und Feuerbestattungen werden alljährlich durchgeführt.

1874 eröffnet, ist der Wiener Zentralfriedhof der zweitgrößte Europas, die Gesamtfläche beträgt 2,5 Millionen Quadratmeter. Er beherbergt rund 330.000 Grabstätten, darunter rund 1.000 Ehrengräber deren erste Persönlichkeiten wie Ludwig van Beethoven oder Franz Schubert gewidmet waren. Diese wurden von den Ortsfriedhöfen enterdigt und, mit entsprechenden Monumenten, im neuen Ehrenhain beigesetzt. Drei Millionen Menschen aller Konfessionen sind auf dem Zentralfriedhof bestattet. Seit kurzem trägt man auch hier dem Trend der naturnahen Bestattung Rechnung. Im 10.000 m2 großen "Waldfriedhof", wenige hundert Meter vom 2. und 3. Tor entfernt, werden die Urnen - auf Wunsch ökologisch abbaubare. Ebenfalls 2009 wurde der "Erinnerungsort an Verstorbene, die ihren Körper der Forschung überlassen haben", eröffnet. Dies waren seit 1975 rund 19.000 Personen, deren Asche in Sammelurnen beigesetzt wird. In ähnlicher Weise verfährt man am Zentralfriedhof mit - frühestens nach zehn Jahren - heimgefallenen Gräbern. Die sterblichen Überreste werden kremiert und finden an einem bestimmten Platz ihre letzte Ruhestätte.

Den Friedhof, der als heiliger Ort gilt, betreffen zahlreiche Tabus, moralische Pflichten und Gesetze, die seine Entweihung - Störung der Totenruhe, Grabschändung, Grabraub, satanische Riten - unter Strafe stellen. Vielfältig sind auch abergläubische Vorstellungen. So sollte man den unheimlichen Ort nachts meiden und nichts wegnehmen, da sich die Toten rächen würden. "Vorzeitig Verstorbene" (Wöchnerinnen, ledige junge Menschen) oder gewaltsam Getötete galten als gefährlich. Besonders bei diesen fürchtete man, dass sie als "Wiedergänger" die Lebenden stören könnten. Kirchlich gebilligte Segensformeln ("R.I.P." - Ruhe in Frieden als Grabsteinaufschrift) oder das Besprengen mit Weihwasser sollten die Wiederkehr als Geist verhindern.

In Österreich öffnete das erste Krematorium 1922 in Wien (Zentralfriedhof). Der Verein "Die Flamme" organisierte für ihre meist sozialdemokratischen Mitglieder die Feuerbestattung, die kirchlich nicht erlaubt war. Erst nach 1964, als die katholische Kirche erstmals die Einäscherung akzeptierte, setzte sie sich österreichweit durch. Seit 2015 erlaubt eine Änderung des Bestattungsgesetzes in Niederösterreich, dass Verstorbene in Wäldern und auf Wiesen, die als Naturbestattungsanlagen ausgewiesen sind, beerdigt werden. Nach einer Feuerbestattung können die Urnen auf Friedwäldern oder im eigenen Garten beigesetzt werden. Nur Gemeinden und gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften dürfen Naturfriedhöfe betreiben.

Da die Sterberate bei 1 - 1,5 % der Bevölkerung liegt, werden in Österreich jährlich rund 72.000 Tote bestattet. 650 konzessionierte Bestattungsunternehmen sind Mitglieder der "Innung der Rauchfangkehrer und der Bestatter" (seit 2010) und des Bundesverbandes der Bestatter.


Quellen: 
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin 1927/1987. Bd. 3/Sp. 86 f.
Der Weg in die Stille. Wien 1967
Wikipedia (29.3.2011)
Wien Tourismus Guide
Waldfriedhof
Raubüberfälle
Kremation
Kurier, 22.4.2011
Bestatter
Friedhofsumfrage 2016

Bild: "Allerseelen", kolorierte Postkarte, 19. Jahrhundert. Gemeinfrei


Siehe auch:
--> Grabschmuck
--> Bestattung
--> Friedhof der Namenlosen