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Sommerfrische#

Sommerfrische in Drosendorf, NÖ, 1937. Foto: Alfred Wolf

Adelige hatten seit jeher ihre Sommerresidenzen, Stadt- und Gartenpalais, die sie der Jahreszeit gemäß bewohnten. Bürgerliche Schichten entdeckten im Biedermeier die Reize der Natur. Den Bauern brachte die "Eroberung der Landschaft" durch die Touristen viele Neuerungen - und den Verzicht auf ihre eigenen Betten.

Die Sommerfrische entstand in Niederösterreich im Rax-Semmering-Gebiet. 1758, ein halbes Jahrhundert vor der ersten touristischen Modewelle, kaufte ein Wiener Neustädter Bürger ein Landhaus mit Garten in Payerbach. Der Grund dafür klang damals höchst eigenartig: Jacob Anton Perthold erwarb das, malerisch auf einem Felsen an der Schwarza gelegene, Anwesen, um sich und den Seinigen "dann und wannige Luftveränderung" zu verschaffen.

Der Zeitgeist der Romantik und des Biedermeier trieb (Fuß-)Reisende in die"Gebirgsgegenden um den Schneeberg". Bald erleichterten gedruckte Reiseführer den Weg "zurück zur Natur". So schrieb der Beamte und Wissenschaftsjournalist Adolf Anton Schmidl über Reichenau, dieses sei Reisenden "welche einen größeren Aufwand von Zeit und Auslagen nicht scheuen" als Stützpunkt zur Besteigung des Schneebergs zu empfehlen, da man hier "treffliche Unterkunft" fände. Schmidls Hauptwerk, der dreibändige Führer "Wiens Umgebungen auf 20 Stunden im Umkreis" erfuhr mehrere Auflagen und Übersetzungen.

Bald nach dessen Erscheinen (1835-1839) bahnte sich eine ganz neue Form der Landschaftsentdeckung an. Mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Wien - Gloggnitz, 1842, kamen die Wiener nun scharenweise mit dem Zug in die "Gebirgsgegenden". Allein am Pfingstsonntag 1850 zählte man 10.000 Passagiere. Der Wochenendtourismus war geboren - und damit Bedarf an Fuhrwerken, Verpflegung und Unterkünften. Gasthöfe, wie der später u.a. durch Arthur Schnitzler berühmte "Thalhof" bauten aus. Reichenau wurde zur Nobelsommerfrische der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Doch auch andere Gegenden profitierten vom entstehenden Fremdenverkehr. 1815 erwanderte der Schauspieler Friedrich Reil einen Monat lang das Waldviertel. Der Druck seines Reisetagebuchs machte es als Ausflugsziel bekannt. Wie Richtung Süden, weckte auch nordwärts die Bahn eine Region aus ihrem Dornröschenschlaf. Seit 1870 fuhr die Franz-Josefs-Bahn zwischen Wien und Prag. Sie verdankte ihren Bau wirtschaftlichen Interessen - sie sollte Steinkohle aus dem Pilsener Becken in die Haupt- und Residenzstadt transportieren - brachte aber bald auch Kurgäste nach Karlsbad und Marienbad. Vom Waldviertel aus sollte eine "Flügelbahn" über Zwettl zum Donautal führen und der Holzwirtschaft wie auch dem Fremdenverkehr Vorteile bringen. Die spätere Weltkulturerbe-Region Wachau erhielt am linken Donauufer eine bei Ausflüglern beliebte Bahnstrecke, deren Stationen bis heute bekannte Sommerfrischenorte sind. Die romantische Stromlandschaft wurde von den Lokalschiffen der DDSG befahren, und mancher Passagier kam als Urlauber wieder.

Das Kamptal profitierte besonders vom frühen Tourismus. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts durch eine eigene Bahnstrecke erschlossen, wurde es zur "gutbürgerlichen Sommerfrische". Die Orte am Kamp erreichte man in drei Stunden, um 1890 fuhren in jede Richtung täglich mindestens drei Züge. Die neue Infrastruktur und ihre Folgen änderten das Leben der ansässigen Bevölkerung. Wenn die "Fremden" kamen, überließen viele Einheimische ihre Wohnungen für eine Saison den zahlenden Gästen, während sie selbst in einer Dachkammer hausten. Gaststätten mit Fremdenzimmern und Hotels entstanden. Die Sommerfrischler kamen im Juni oder Juli mit großem Gepäck, samt ihren Dienstboten und Haustieren. Für Mütter und Kinder war es eine Übersiedlung auf Zeit. Die Väter, die in Wien arbeiteten, kamen am Wochenende zu Besuch. Es gab sogar einen einen eigenen "Busserlzug", so genannt nach der Begrüßung bzw. dem Abschied der männlichen Passagiere. Der Zug fuhr am Samstag um 15.15 Uhr von Wien ab, hielt in allen Stationen und war gegen 18 Uhr in Horn. Retour ging es am Sonntag um 19.55 und vor 23 Uhr erreichten die Familienoberhäupter wieder Wien.

Das Kamptal hatte landschaftliche Reize, romantische Burgen und seinen vor dem Bau der Stauseen relativ warmen, als heilkräftig erachteten Fluss. Vor allem aber war es billig. Nach 1900 wollten die Gemeinden mehr bieten. Verschönerungsvereine errichteten Badehäuser, die bis heute als Wahrzeichen des unteren Kamptals gelten. Es entstanden Café- und Erfrischungspavillons sowie sportliche Einrichtungen wie Bootsvermietungen und Tennisplätze. Den langen Aufenthalt vertrieb man sich mit Ausflügen, Platzkonzerten, Wiesenfesten, Kino- und Theaterbesuchen. Paul Löwinger und seine Familie veranstalteten ab 1908 in einem Garser Gasthof ein Saison-Theater, bevor sie ihre Bühne in Wien etablierten.

Eine andere Rolle als daheim spielten auch die Sommerfrischler, äußerlich erkennbar am "Kostüm". Die Damen trugen Dirndl mit Strohhut, die Herren Lederhosen. Auch die Kinder waren entsprechend eingekleidet, doch wie man hört, wurden sie nicht zu echten Spielkameraden der bäuerlichen Altersgenossen. Nicht zuletzt, weil diese daheim nach Kräften mitarbeiten mussten.

Sowohl im Kamptal als auch in Gegend von Rax und Semmering entstand eine spezifische Villenarchitektur für wohlhabende Zweitwohnungsbesitzer. Für die unter Verwendung von Holzzierat, Türmchen und Veranda an die Cottage-Siedlungen erinnernden Bauten wurden die Begriffe Heimatstil oder Schweizer Stil geprägt. Je gesellschaftlich hochstehender der Bauherr, umso prächtiger geriet der Landsitz. In Reichenau entstand in der Gründerzeit die Villa Wartholz für Erzherzog Carl Ludwig. Dem Bruder Kaiser Franz Josephs "that die alpenfrische, tannenduftende Luft des Höllenthales überaus wohl". Er und seine Familie bewohnten die Villa den Sommer über bis zum Herbst, manchmal auch im Winter. "Er und alle Familienmitglieder bewegten sich hier fast wie Einheimische und hatten mit diesen auch relativ engen Kontakt, soweit es die Hofetikette zuließ."

Das zweite überaus repräsentative Gebäude war Schloss Hinterleiten, das sich Nathaniel Baron Rothschild in den 1880-er Jahren nach dem Vorbild der Loire-Schlösser errichten ließ. Als Präsident des Verschönerungsvereins gewählt, wollte der Baron aus Reichenau einen Kurort mit Trabrennbahn und anderen Attraktionen machen. Er scheiterte jedoch an den Interessen der Einheimischen und der Sommergäste, die um ihre Ruhe fürchteten. Rothschild ließ den Bau seineds Schlosses einstellen und schenkte es einer Stiftung.

Nobelgäste mieteten sich auf dem Semmering ein. 1882 war das Südbahnhotel fertiggestellt. Neben dem Hotel mit 60 Zimmern zählten dazu ein Restaurant - "dort dinieren Grafen und Fürsten und wer sonst mag, so gut wie bei Sacher" -, ein eigenes Post- und Telegrafenbüro, drei Villen als Dependence, Touristenhäuser mit 90 Zimmern und eine Veranstaltungshalle. 1888 entstand das Hotel Panhans, das sich zum größten des Alpenraumes entwickelte, und zu dem ebenfalls einige Villen gehörten, die der High Society standesgemäßen Aufenthalt ermöglichten.

Im Schatten des Semmerings entfalteten sich Sommerfrischenorte wie Gloggnitz, Schottwien oder Maria Schutz, wo sich auch viele Wallfahrer einfanden. Die Gäste der Jahrhundertwende frönten den üblichen Ferienvergnügungen wie Wandern, Bergsteigen oder Klettern, doch versuchte man schon frühzeitig, für sie Feste zu inszenieren. 1849 fand in Reichenau ein Fest der Berg- und Hüttenleute statt, 1883 das erste der legendären Sommerfeste, die sich Jahr für Jahr wiederholten. In Gars organisierte der Verschönerungsverein 1908 ein großes Jubiläums- und Kaiserfest. In Plank am Kamp gab es regelmäßig Strandfeste und "Künstlerrummel". Zur Freude der Toruristen wurden sie häufig von Gästen und Ortsansässigen gemeinsam veranstaltet.


Quellen:
Susanne Hawlik: Sommerfrische im Kamptal. Der Zauber einer Flusslandschaft. Wien 1995
Wolfgang Kos (Hg.): Die Eroberung der Landschaft. Katalog zur NÖ Landesausstellung 1992
Robert Pap: Wiedergefundenes Paradies. Sommerfrischen zwischen Reichenau und Semmering. St. Pölten 1996
Eva Pusch, Mario Schwarz: Architektur der Sommerfrische. St. Pölten 1995
Alfred Wolf: Die Franz-Josefs-Bahn und ihre Nebenlinien. Erfurt 2008