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Sternsingen#

Bild 'Dreikönig 2018'

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts gingen Schüler und Lehrer am Dreikönigstag mit dem Stern um. Dabei standen sie in Konkurrenz zu den Neujahrsansingern, die ebenfalls auf Heischegang waren und Glück wünschten. Manche Gruppen trugen einen geschnitzten, drehbaren Stern, in dessen Mitte sich das segnende Christkind befand. Walter Hartinger schreibt in seinem Buch Religion und Brauch: "Der bislang bekannt gewordene älteste Beleg für das Sternsingen stammt aus Wien, wo 1460 den Schülern der Kantorei bei St. Stephan geboten wird... " Ein Innsbrucker Ratsprotokoll gebot 1552: „Das Sternsingen soll man nicht gestatten, dieweil es ein Schmarotzerey.“ Um 1600 war der Brauch im Rheinland bekannt, seit dem frühen 17. Jahrhundert auch in den Niederlanden. Erfahrungsgemäß gerieten rivalisierende Gruppen einander in die Haare. Generelle Verbote kamen erst im Zuge der Aufklärung. Mit der Einführung der allgemeinen Volksschule hatten Schüler und Lehrer den Heischegang nicht mehr nötig, andere Sozialgruppen traten an ihre Stelle. Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) widmete den Dreikönigssingern ein heiteres Epiphaniasgedicht: “Die heil'gen drei Könige mit ihrem Stern, die essen und trinken, und zahlen nicht gern ...” Im 19. Jahrhundert waren Bettelgänge weit verbreitet. Wohlhabende Gegenden kannten das Sternsingen nicht. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Revitalisierung. In den dreißiger Jahren des 20.Jahrhunderts berichtete der geistliche Volksbildner Leopold Teufelsbauer (1886-1946), in Niederösterreich bemühten sich "heimatsinnige Priester und Lehrer, diese Sitte wieder aufleben zu lassen." Durchschlagenden Erfolg hatte ein Jahrzehnt später eine städtische Privatinitiative. 1947 ging der Wiener Beamte Franz Pollheimer (1900-1986) mit seinen Kindern für den Wiederaufbau des Stephansdoms und die Renovierung der Piaristenkirche sternsingen. Franz Pollheimer verfügte nicht nur über gute Medienkontakte, er dokumentierte "seinen" Brauch auch gewissenhaft: Begann die Familie in der Nachbarschaft und spendete den Erlös ihrer Pfarre Maria Treu, so zog sie bereits im nächsten Jahr durch die Kärntner Straße und wurden von Kardinal Theodor Innitzer (1875-1955)empfangen. Nach einjähriger Pause nahm die Popularisierung weiteren Aufschwung, umso mehr, als der Heischebrauch 1950, 1952 und 1954 dem Wiederaufbau des Stephansdoms zu Gute kam. In diesem Jahr berichteten Radiosender, Zeitungen und die Filmwochenschau vom Umzug der Sternsinger, den 6000 - 7000 Zuschauer begleiteten. Ab 1955 scheint die Missionsverkehrs-Arbeitsgemeinschaft (MIVA) als Spendenempfängerin auf. Inzwischen hatten sich Nachahmer gefunden, 1955 die Pfadfinder, 1956 die Katholische Jungschar. "Wir haben Heimweh nach dem Sternsingen" schrieb Pollheimer in sein Tagebuch. Einen letzten Höhepunkt erlebte seine Initiative 1960, als Bundespräsident Adolf Schärf die "Maria Treuer Sternsinger" in seine Wohnung einlud.

Die Jungschar übernahm den Brauch in großem Stil und managt ihn perfekt. Vom Braucherfinder erfährt man dabei nichts. 2019 nimmt die "Dreikönigsaktion" den 5. Platz in der Liste der Non-profit-Organisationen Österreichs ein. 85.000 Kinder (davon zwei Drittel Mädchen) sowie 30.000 Jugendliche und Erwachsene aus 3000 Pfarren machten mit. Mit den Spenden wurden Projekte in 19 Ländern unterstützt. Zum Brauch gehören Besuche bei Prominenten, wie Bundespräsident, Minister und Kardinal. Auch der Papst empfängt eine österreichische Sternsinger-Delegation. Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn begleitet am Dreikönigstag 2019 eine Sternsingergruppe durch eine Stadtpfarre. Inzwischen ist der neue Heischebrauch in vielen Ländern etabliert, 500.000 Freiwillige sind in Europa unterwegs, wie in Deutschland oder Südtirol. Seit 1995 organisiert ihn die zweitgrößte Kinderorganisation in der Slowakei. In der Schweiz und in Liechtenstein führt das Kinder- und Jugendmissionswerk von Missio Schweiz-Liechtenstein das Dreikönigssingen durch. In Tschechien gehen seit dem Jahr 2000 Kinder sternsingen. Sternsinger/innen gibt es auch in vielen anderen Ländern, unter anderem in Belgien, Frankreich, Slowenien, Ungarn und Polen.

Einige ältere Formen haben Eingang in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes gefunden:

In Heiligenblut am Großglockner (Kärnten) üben Männergruppen den Brauch aus. Jede "Rotte" besteht aus einem Sternträger, fünf Musikanten und neun Sängern. Am Nachmittag des 5. Jänner findet ihre "Aussegnung" in der Pfarrkirche St. Vinzenz statt. Danach besuchen sie bis in die frühen Morgenstunden des 6. Jänner alle Häuser des Ortes. Sie bieten das "Sternlied" dar und schreiben den Segensspruch "CMB" (Christus Mansionem Benedicat) (CMB) über die Haustüre.

Beim Metnitzer Kinisingen (Kärnten) geht zwischen Neujahr und 6. Jänner (Dreikönigstag) eine Sängerschar (Rotte) gemeinsam mit den drei Königen und dem Sternträger von Hof zu Hof und singt das 17-strophige „Kinilied“. Der Text wurde erstmals 1724 schriftlich erwähnt. Die in schlichte, weiße Gewänder gekleideten Könige führen ein Schauspiel auf, bei dem sie sich stumm bewegen. Bis 1937 und 1945 bis 1953 wurde der Brauch in den Talschaften der Gemeinde Metnitz geübt, wobei die neun Sänger ursprünglich aus den neun Gräben der Gemeinde kamen. Danach galten Text und Requisiten - Leinenbespannte, mit Kerzen beleuchtete Holzkronen und der Stern - als verschollen, bis man sie 1990 entdeckte. Seither besucht die Gruppe die Ort Metnitz, Grades, Oberhof, Feistritz und Lassnitz. Die Reihenfolge ist dabei stets Begrüßung, Verneigung, Beratung, Sternsuchen, Achtergehen, Opfergaben.

Das Stersingen im Villgratental (Tirol) findet alljährlich zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag statt. Zwei Tage lang gehen zwei Gruppen in eigens dafür angefertigten Kostümen von Haus zu Haus und singen überlieferte Neujahrslieder. Organisiert wird das Sternsingen vom Männergesangsverein Außervillgraten und dem Kirchenchor Innervillgraten. Daher legen sie Wert auf die Qualität des Vortrags. Einige Lieder werden seit Jahrzehnten gesungen, jedes Mal kommt höchstens ein neues dazu. Auf dem Rücken tragen die Sternsinger den „Stibich“, ein Gefäß für gedroschenes Korn. Darin sammeln sie Lebensmittel und Getränke, die sie nach dem Sternsingen beim „Stibichtreffen“ gemeinsam verzehren. Viele Familien laden die Sänger auf ein Getränk und zum Mittagessen („Marende“) ein.


Quellen: 
Walter Hartinger: Religion und Brauch. Darmstaddt 1992. S. 204
Alois Döring: Rheinische Bräuche durch das Jahr. Köln 2006. S. 60 f.
Leopold Schmidt: Volkskunde von Niederösterreich,. Horn 1981. Bd 2 / S. 179.
Leopold Teufelsbauer: Jahresbrauchtum in Österreich. Wien 1935. S.32
Kinder in der Josefstadt. Wien 2011. S. 57 f.
Helga Maria Wolf: Weihnachten. Kultur & Geschichte. Wien 2005. S. 279 f.
Epiphanias
Dreikönigsaktion Pressemappe Sternsingeraktion 2018
NGO
Helmut Eberhart in: Eggmann, Sabine, Birgit Johler, Konrad J. Kuhn, Magdalena Puchberger (Hg.): Orientieren und Positionieren. Anknüpfen und Weitermachen
2019, publiziert 4.1.2019
UNESCO-Liste

Bild:
Sternsinger der Pfarre Döbling-St. Paul, Wien 19. Foto: Doris Wolf, 4.1.2018


Siehe auch: