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Die Geheimnisse unserer Liesl#

Viele glauben den berühmten Glockenturm am Grazer Schloßberg gut zu kennen, wissen aber nicht einmal, dass er gar nicht „Liesl“ heißt.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Der Glockenturm wurde 1588 im Auftrag Erzherzog Karls erbaut
Der Glockenturm wurde 1588 im Auftrag Erzherzog Karls erbaut
Foto: ENGELE

Die 4633 Kilo schwere Glocke 'Liesl' wurde bereits ein Jahr zuvor gegossen
Die 4633 Kilo schwere Glocke "Liesl" wurde bereits ein Jahr zuvor gegossen
Foto: Uoaei1. Aus: Wikicommons, unter CC BY-SA 3.0

Seit dem Jahr 1588 ragt der Glockenturm auf dem Grazer Schloßberg 34 Meter prachtvoll in die Höhe und wird von den Grazern gerne - aber fälschlich - „Liesl“ genannt. Denn dieser Name gilt ausschließlich der Glocke, die im obersten Stock des Turmes hängt - und nicht dem Gebäude. Der Turm wurde einst im Auftrag von Erzherzog Karl II. als achteckiger „Kampanile“ für die uralte Thomaskapelle erbaut, die bis 1810 neben dem Glockenturm stand und dem Apostel Thomas geweiht war. Dabei handelte es sich um einen romanischen Rundbau, der vermutlich im 12. Jahrhundert auf älteren Fundamenten errichtet worden war. 1809 hatten die französischen Truppen Napoleons bei der Sprengung der Festungsanlagen auf dem Schloßberg das Bauwerk verschont, weil sie dachten, es wäre ein römischer Tempel. Aber das wertvolle Kupferdach trugen sie dennoch ab und nahmen es mit. Durch starke Witterungseinflüsse verfiel die Kapelle in der Folge und wurde schließlich großteils abgetragen.

„Das Glockengeschoß weist die von dell‘Allio eingeführten charakteristischen Doppelfenster der alpenländischen Renaissance auf“, berichtet Schloßbergkenner Peter Laukhardt in seinem Buch „Der Grazer Schloßberg“ über den Turm. Die vier darunter liegenden Stockwerke dienten zeitweise als Gefängnis für vornehme Häftlinge und verfügten sogar über eine Küche. Unter den Gefangenen befanden sich auch bekannte Persönlichkeiten wie Hans Erasmus Graf von Tattenbach, der hier auf seine Enthauptung wartete, oder Bischof Graf Nádasdy, der hier vierzig Jahre gefangen gehalten wurde, und laut Legende nach seiner Entlassung 1796 nach wenigen Schritten tot zusammenbrach. Heute erinnert daran noch der verwitterte Bischofsstuhl aus Stein nahe der Kanonenbastei.

Der Keller des Glockenturmes aber diente lange Zeit als Gefängnis für Schwerverbrecher, später nur noch als Krautkeller und hatte eine runde Öffnung, das sogenannte „Angstloch“ in der Decke, das nun wieder freigelegt ist. Im Volksmund hieß dieses Verlies wegen seines Grundrisses „Bassgeige“. Der Grund dafür ist einfach, denn er hängt mit der Montage der großen und schweren Glocke zusammen, die schon vor dem Turmbau gegossen war. Daher musste sich der Bau an die Glockengröße anpassen und so entspricht der Abstand der Steinpfeiler exakt der lichten Weite der „Liesl“. Im Bau wurde die Glocke jeweils einen Stock höher gehoben, dann erst konnte weitergebaut werden. Diese drittgrößte historische Glocke der Steiermark (nach Mariazell und Schloss Seggau) wurde 1587 in Graz vom sächsischen Meistergießer Martin „Mert“ Hilger (1538-1601) gegossen, hat einen Durchmesser von 197 cm und wiegt 4633 Kilo.

Die Glocke wird heute noch täglich um 7, 12 und 19 Uhr mit 101 Schlägen geläutet, weil sie laut Legende aus 101 Kanonenkugeln der Türken gegossen worden sein soll, was aber nicht stimmen kann, da sie wie die meisten Glocken aus Bronze ist, Kanonenkugeln aber nicht. Innerhalb des inneren Paulustores befand sich seit 1527 eine Gießhütte, in der viele Glocken und Kanonen produziert wurden und in der auch Mert Hilger zehn Jahre lang 187 Geschütze und sieben Glocken goss, deren letzte die „Liesl“ war. In einer Reliefdarstellung heißt es auf ihr in lateinischer Sprache, hier in moderndes Deutsch übertragen: „Man nennt mich Glocke, niemals verkünde ich Unbedeutendes. Ich läute Feste ein und den Tod der sterblichen Menschen, wie den kommenden Sturm. Andere rufe ich zur Kirche, ich selbst bleibe aber immer hier.“ Aber als die Glocke endlich an der Turmspitze fixiert wurde, konnte sie nicht bewegt werden. Zwar passte der vom Leobener Bürger Sigmund Leuzendorfer für 46 Gulden gefertigte Klöppel, die Glocke selbst konnte aber kaum bewegt werden, berichtet Leopold Toifl in der Zeitschrift des historischen Vereins für Steiermark. Erst dem Zeugschmied Kaspar Reisich und dem Büchsenmeister Marx Wening gelang es in mühevoller Arbeit einen geeigneten Mechanismus zu entwickeln, der die Glocke zum Läuten brachte.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele