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Die Todesmärsche im April 1945#

Tausende ungarische Juden wurden in den letzten Kriegstagen quer durch die Steiermark Richtung Mauthausen getrieben. Wer halbverhungert nicht mehr weiter konnte, wurde sofort erschossen.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Gedenktafel auf dem Präbichl für die ermordeten Opfer des Todesmarschs
Gedenktafel auf dem Präbichl für die ermordeten Opfer des Todesmarschs (KK)
Todesmarsch durch Hieflau am 8./9. April 1945
Todesmarsch durch Hieflau am 8./9. April 1945, unter Lebensgefahr aufgenommen von Chrysanth Grossmann (KK)
Ende 1944 wurden Juden und Jüdinnen, die in der ungarischen Armee Arbeitsdienst verrichten mussten, dem Deutschen Reich als „Arbeitssklaven“ übergeben. Sie wurden gezwungen, an der österreichisch-ungarischen Grenze am Bau des „Südostwalls“ mitzuarbeiten. Das war ein Stellungs- und Befestigungssystem, das die bereits vorrückende Rote Armee aufhalten sollte. Gegen Kriegsende deportierte man diese ungarischen Juden ins KZ Mauthausen, denn kein Häftling sollte in die Hände des Feindes fallen. Zwischen 1. und 17. April 1945 trieben Abordnungen der SS, Gestapo und des Volkssturms rund 7000 Juden vom berüchtigten Lager Liebenau in Graz in zwei Transportrouten über den Präbichl und das Gaberl in Richtung Mauthausen. Dabei umging man die Ortschaften und marschierte auf Nebenstraßen, um möglichst wenig Kontakt zur Bevölkerung zu haben. Wer zu erschöpft war und nicht mehr weitergehen konnte, wurde sofort erschossen und notdürftig im Straßengraben verscharrt oder einfach liegen gelassen. In diesen 17 Tagen gab man nur viermal Essen aus, berichtet Alois Leitner, Historiker aus Hohentauern, der die Quellen dieses schrecklichen Todesmarsches erforscht und in seiner Zeitschrift „Der Tauern“ veröffentlicht hat. Zeitzeugen erzählten ihm, dass die jüdischen Arbeiter oft barfuß gingen und in Lumpen gehüllt waren.Viele bettelten um Essen, was aber vom Wachpersonal sofort unterbunden wurde, so mussten die halbverhungerten Menschen Würmer und Gras essen. Das beobachteten einige Mutige, denn die „Judentransporte“ waren angekündigt worden, man hatte aber die Fenster zu verhängen und durfte bei Strafe nicht herausschauen.

In mehreren Gruppen wurden die Zwangsarbeiter durch das Murtal zur Eisenstraße getrieben. Am 5. April erfolgte der größte Transport, der aus etwa 4000 bis 5000 Menschen bestand. „Dieser Zug lagerte auch in Bruck: Zeitzeugen berichteten darüber, dass die völlig entkräfteten Menschen vor Hunger dazu getrieben wurden Gras zu essen“, wird auf aktuellen Schautafeln im Brucker Stadtmuseum berichtet. In Niklasdorf kam es zur Ermordung von 15 Juden, in Zlatten fand man ein Grab mit sieben Ermordeten, bei Kirchdorf wurden zwei begraben, bei Traföss drei. Die völlig Entkräfteten und Unterernährten konnten nicht mehr weiter und wurden mit Kopfschuss hingerichtet. Der grauenvollste Exzess fand aber am 7. April am Präbichl statt, als mordlustige Eisenerzer SA-Männer und Mitglieder des Volkssturms eine dreiviertel Stunde lang wahllos in die Menge der Gefangenen feuerte und rund 250 von ihnen tötete. 1946 wurde den Anführern dieser Truppe von den Engländern der Prozess gemacht, von den 18 Angeklagten wurden zehn zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Trotz all dieser Schreckensbilder und Todesfälle hieß es bis vor kurzem, dass niemand in der Bevölkerung etwas von diesen Schreckenstaten bemerkt hätte. Nur vereinzelt fanden sich Zeitzeugen, die den Mut und die Kraft hatten, über das Gesehene zu sprechen.

Zeitzeugengespräch - Ein stiller Held aus Bruck#

Emmerich Trummer war Bestatter in Bruck und ermöglichte den dort Ermordeten ein Begräbnis#

Emmerich Trummer
Ein stiller Held aus Bruck - Emmerich Trummer bei seiner Tätigkeit als Bestatter
Foto: PRIVAT

„Mein Vater hat diese Toten eingesammelt und sie würdig bestattet“, erinnert sich sein Sohn Johann Trummer, Universitätsprofessor, Obmann des Katholischen Medienvereins und selbst gebürtiger Brucker, im Rahmen eines Zeitzeugengesprächs mit Ute Sonnleitner im überfüllten Brucker Stadtmuseum. „Er hat's einfach getan, und man hat ihn Gott sei Dank in Ruhe gelassen.“ Was nicht selbstverständlich war, denn damals war Bruck eine Hochburg des Nationalsozialismus, weiß er.

„Ich selbst habe es noch sehr in Erinnerung, wie diese ausgehungerten Gestalten durch die Bismarckstraße getrieben wurden. Einer hat einen alten Kinderwagen wie einen Rollator vor sich hergeschoben. Die Leute, die nicht mehr weiter konnten, wurden einfach in den Graben hinein geschossen.“

„Emmerich Trummer hat Haltung bewahrt und Menschlichkeit gezeigt“, betont auch Brucks neuer Bürgermeister Peter Koch in seinen Begrüßungsworten. „Ein Gerechter aus Bruck an der Mur, ein stiller Held“, sagt er – und zitiert zum Thema „Todesmarsch“ die „Todesfuge“ von Paul Celan.

„Die Eltern waren sehr arm, haben aber alles daran gesetzt, dass wir fünf Kinder ins Gymnasium gehen und studieren konnten. Sie waren von ungeheurer Direktheit und haben gewusst, was den Menschen passiert, die abgeholt wurden.“ Sie haben verbotenerweise den Feindsender gehört, ja die Mutter hatte sogar den Mut, das „Mutterkreuz“ für fünf Kinder abzulehnen, und einmal hat sie sogar einen Parteibonzen abgewatscht, so Trummer. „Viele Menschen haben sich damals durch einen 'starken Mann' verführen lassen. Die Erinnerung an diese Zeit ist Teil unserer Arbeit für die Demokratie – gerade heute wieder“, wenn wieder 'starke Männer' in der Politik auftreten und an die Macht streben. „Und wenn wir aus der Geschichte etwas lernen können, dann ist es eine einfache Formel: Respekt vor Menschen, das ist der Inbegriff von Kultur. Niemals mittun bei Fremdenhass – das ist Kultur.“



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele