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Mit Atomkraft das Klima retten#

In Finnland sind Kernkraftwerke beliebt, sogar bei den Grünen. Nicht zuletzt des Klimas wegen.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 11. Oktober 2019

Von

Christian Ortner


Christian Ortner
Christian Ortner

In Finnland entsteht derzeit, einen halben Kilometer unter der Erdoberfläche, das weltweit erste Endlager für hochradioaktive Brennstäbe von Atomkraftwerken. Gleichzeitig baut das nordische Land an einem weiteren Kernkraftwerk, das zu den leistungsstärksten dieses Planeten gehören wird. Das Argument der Finnen für dieses Projekt: Ohne Nutzung der Atomenergie ist das Ziel des Klimaschutzes nicht erreichbar, und außerdem will das Land in seiner Energieproduktion autark werden, anstatt von Lieferungen aus dem Ausland abhängig zu sein.

Interessant daran ist, dass die finnische Bevölkerung diese Politik quer über die Parteigrenzen hinweg befürwortet; rund zwei Drittel der Bevölkerung sind pro Atomkraft. Und, weltweit vermutlich einmalig: Sogar die finnischen Grünen sind - mittlerweile, das war nicht immer so - für die Nutzung der Atomkraft, wie kürzlich eine Reportage des österreichischen Medienprojekts "addendum" zeigte. Nicht zuletzt eben aus klimapolitischen Gründen.

Eine in Österreich - einem in vieler Hinsicht mit Finnland vergleichbaren Land - völlig unvorstellbare Situation. Hierzulande ist man sich in der Ablehnung der Atomkraft so einig wie in Finnland in der Befürwortung dieser Energiequelle.

Da stellt sich natürlich die Frage: Wer hat da eigentlich recht, die Österreicher in ihrer Skepsis oder die Finnen in ihrer Zustimmung? Es ist eine bisher zugegeben eher akademische Frage, die sich in der Praxis so nicht stellt (was sie nicht weniger interessant macht).

Je mehr freilich die Klimapolitik, ob zu Recht oder zu Unrecht, in die Mitte des politischen Diskurses rückt - indem etwa der Herr Bundespräsident dem mit der Regierungsbildung beauftragten ÖVP-Chef Sebastian Kurz dies ausdrücklich in die Agenda schreibt -, umso notwendiger erscheint es, die Frage der Nutzung der Kernenergie einer Neubewertung zu unterziehen. Nicht unbedingt und primär in Österreich (das Atomstrom etwas halbseiden einfach importiert, und das nicht zu knapp), sondern auf der europäischen Ebene.

Dabei geht es weniger um Gesetze und Regulierungen als darum, die europäische Öffentlichkeit einmal auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen, zumal neue Generationen von Kernkraftwerken, die etwa in Russland oder China entstehen, wesentlich sicherer sind als traditionelle Konzepte. Und weil die Finnen gerade vorzeigen, dass die Endlagerung technisch durchaus machbar ist. Wer den Klimaschutz für ein prioritäres Anliegen hält, wird daher früher oder später nicht um die Frage herumkommen, ob Kernenergie nicht doch in Ergänzung zu erneuerbaren Energieträgern auch in Zukunft Teil eines europäischen Energiemixes sein sollte, der den CO2-Ausstoß minimiert.

Man kann daraus natürlich, wie in Deutschland und Österreich üblich, eine Glaubensfrage machen, an der zu kratzen den Tatbestand der Ketzerei darstellt. Man könnte aber auch alle Fakten auf den Tisch legen, Risiken und Vorzüge unterschiedlicher Arten der Energieproduktion neu gewichten und dann eine faktenbasierte politische Entscheidung treffen.

Wiener Zeitung, 11. Oktober 2019