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"Dieselmotor wird zu Unrecht verteufelt"#

Hersteller wehren sich gegen schlechtes Image, Umweltschützer warnen vor Sorglosigkeit.#


Von der Wiener Zeitung (Montag, 15. Mai 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Thomas Pressberger


Dieselmotor
Dieselmotoren sind moderner geworden und Ottomotoren in einigen Bereichen überlegen. Unbedenklich sind sie aber nicht.
Foto: © Fotolia/VanderWolf

Wien. Der Dieselmotor ist in Verruf geraten - aus Sicht der Autoindustrie zu Unrecht. Die jüngsten Überlegungen deutscher Städte, die in Folge des VW-Abgasskandals ein Diesel-Fahrverbot einführen wollen, lassen bei den Herstellern die Alarmglocken läuten. "Wir halten gewisse Aussagen gegen Dieselmotoren für fahrlässig", sagt Christian Pesau, Geschäftsführer des Arbeitskreises der Automobilimporteure in der Industriellenvereinigung (IV). Moderne Dieselmotoren seien effizient und sauber. Ohne Diesel seien die Klimaziele nicht erreichbar. Dieselmotoren hätten einen geringeren CO2-Ausstoß als Ottomotoren und einen geringeren Verbrauch. Nicht zuletzt sei der Dieselmotor für Österreichs Volkswirtschaft ein entscheidender Faktor.

Debatte führt zu Unsicherheit#

Laut IV-Chefökonom Christian Helmenstein gehen 17,2 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung auf den Dieselantrieb zurück. Die Wertschöpfung liege damit in der Größenordnung des Tourismussektors. 125.000 Menschen seien bei Unternehmen der Automobilwirtschaft beschäftigt, indirekt seien sogar 230.000 Arbeitsplätze davon abhängig. Noch dazu gebe es in Österreich viele innovative Unternehmen, die laufend Patente anmelden würden. Über Steuern und Abgaben lukriere der Staat jährlich vier Milliarden Euro.

Die Debatte um den Dieselmotor erzeuge bei den Konsumenten Unsicherheit und führe damit zu einem Wertverlust, sagt Klaus Edelsbrunner, Bundesgremialobmann des Fahrzeughandels in der Wirtschaftskammer. Durch Fahrverbote würden ältere Dieselautos nahezu unverkäuflich und damit wertlos, vor allem Menschen mit geringerem Einkommen seien betroffen.

Martin Novak, Geschäftsführer des Informationsdienstleisters Eurotax Österreich, stellt eine Rechnung an: Würde es in den zehn größten Städten Österreichs an 50 Tagen ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge geben, würde das bei zwei bis zehn Jahren alten Autos einen Wertverlust von 25 bis 40 Prozent bedeuten. Insgesamt würden die dieselbetriebenen Autos in Österreich 5,63 Milliarden Euro an Wert verlieren, im Durchschnitt wären dies pro Besitzer 2700 Euro. Gerhard Wölfel, Geschäftsführer von BMW Motoren in Steyr, stellt das Fahrverbot an sich infrage. Moderne Dieselmotoren würden nicht nur 15 Prozent weniger CO2 emittieren, sondern wegen ihrer Partikelfilter nicht zum Feinstaubproblem beitragen. Dieser komme aus der Industrie, der Landwirtschaft und von Kleinverbrauchern.

Alte Wagen ausrangieren#

"Man muss alte Diesel von der Straße bekommen und die Leute zum Umsteigen bringen", sagt Arbö-Sprecher Sebastian Obrecht. Dieselfahrzeuge würden derzeit zu Unrecht verteufelt. "Sie sind nicht so schmutzig, wie sie manche darstellen. Der Diesel ist keine Dreckschleuder", so Obrecht. Gerade in der alpinen österreichischen Topografie sei der Einsatz von Dieselfahrzeugen sinnvoll.

Umweltminister Andrä Rupprechter, der im März mit der Aussage, bei Dieselfahrzeugen könnte es in den kommenden Jahren zu Änderungen kommen, für Aufregung sorgte, wollte sich trotz mehrfachen Nachfragens nicht zu dem Thema äußern. Obrecht findet das schade: "Es wäre wünschenswert, wenn man eine faire und ehrliche Diskussion über den CO2-Ausstoß führt."

Klarere Worte zum Diesel findet dafür Greenpeace-Klima- und Energiesprecher Adam Pawloff. "Der Diesel hat gegenüber dem Benziner Vorteile, aber auch große Nachteile." Bei der Verbrennung würden Stickoxide entstehen, die vor allem bei Kindern und Jugendlichen zu bleibenden Lungenschäden führen könnten.

Ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung vom "International Council of Clean Transportation" in Washington DC berechnete, dass Dieselabgase jährlich weltweit rund 108.000 vorzeitige Todesfälle verursachen. Mehr als ein Drittel rührt daher, dass die Werte aus den Labormessungen auf der Straße deutlich überschritten werden. Der VW-Abgasskandal dürfte nur die Spitze des Eisberges sein, meint Pawloff. Die Emissionswerte mancher Fabrikate würden in Wahrheit die Laborwerte um das Zwei- bis Fünfzehnfache überschreiten. Es gebe also berechtigte Gründe, sich Sorgen wegen Dieselfahrzeugen zu machen. "Moderne Motoren sind effizienter und sauberer und machen das Problem weniger schlimm, beseitigen es jedoch nicht." Besser wäre es, den öffentlichen Verkehr auszubauen, Radfahren und Fußgehen attraktiver zu machen sowie Carsharing und E-Mobilität zu forcieren.

Wiener Zeitung, Montag, 15. Mai 2017