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Die Erde ist sauer!#

Ob Katastrophenfilm oder Umweltschutzverein: Beide erzählen gern die Geschichte von einer vermessenen Menschheit und einer Rache der Natur - eine Darstellung, die weniger mit der Wissenschaft als mit dem Erbe des Christentums zu tun hat.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 29. August 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christoph Irrgeher


Zerstört wie Sodom: Die Natur vernichtet Los Angeles in Roland Emmerichs Blockbuster 'The Day After Tomorrow'., Foto: © Imago/EntertainmentPictures
Zerstört wie Sodom: Die Natur vernichtet Los Angeles in Roland Emmerichs Blockbuster "The Day After Tomorrow".
Foto: © Imago/EntertainmentPictures

Lauft, ihr Menschen, lauft! Der Riesenbärenklau greift uns an, und gegen diese Monsterpflanze ist kein Kraut gewachsen. Ihr schwerer Duft infiltriert unsere Städte, ihre Ranken wuchern an den Flüssen - und ihr Gift rächt sich für unseren Frevel. Ach, könnten wir ihn doch ungeschehen machen! Lang ist es her, da hat ein viktorianischer Forscher den Riesenbärenklau in Russland entdeckt und nach London mitgeschleppt. Bald schon schmückten die modischen Gentlemen vom Land ihre Wildgärten mit dem Exoten. Doch die botanische Kreatur rührte sich, sie sann auf Rache . . .

Natürlich - diese Geschichte ist erfunden. Zwar gibt es den Riesenbärenklau wirklich: Er ist tatsächlich ein giftiger Import aus der Kaukasusregion und heute ein Problem in den Wäldern Europas. Seine Attacke auf die Menschheit ist aber Fiktion, erdacht von der englischen Rockgruppe Genesis. Die brachte 1972, noch mit Peter Gabriel am Mikrofon, das achtminütige Lied "The Return of The Giant Hogweed" heraus. Wie so vieles, was die Band damals schuf, war der Song skurril und episch zugleich und wohl eine Parodie auf gewisse Horrorfilme, die immer nach der gleichen Masche ablaufen: Hochmütig überschreitet der Mensch seine Grenzen und verstößt gegen die Gesetze der Natur. Mutter Erde wird verletzt, gerät in Aufruhr - und schlägt unerbittlich zurück.

Einst rächte Gott, nun die Natur#

Das Seltsame ist nur: Man findet diese Klischees nicht bloß in Filmen. Viele Menschen halten sie für die Wahrheit. Mögen Wissenschafter auch anmerken, die Natur könne nicht in Rage geraten, da sie keine menschlichen Gefühle besitze, sondern ein Ökosystem sei - der Glaube an eine zürnende Natur ist nicht auszurotten. Und er wird auch von vermeintlich seriösen Quellen gestützt. Das Mühen um einen möglichst zugkräftigen Slogan zeitigt dann etwa das Greenpeace-Plakat mit dem Satz: "Das Wetter schlägt zurück." Gewiss - es liegt nahe, dass das Handeln des Menschen nicht folgenlos für das Klima des Planeten bleibt. Wer diese Hypothese aber in einen Racheakt verklärt, sitzt einem Aberglauben auf.

Warum hält sich dieser so zäh? Vermutlich, weil er auf eine uralte Vorstellung zurückgeht - auf die von einem zürnenden Gott. Ein Allmächtiger, wie er im Alten Testament steht und der strafend zur Stelle ist, wenn der Mensch Gott spielt oder zumindest in die Nähe des Himmelsvaters klettern will. Wie beim Turmbau zu Babel: ein antikes High-Tech-Projekt, laut Überlieferung vom Allerhöchsten zu Fall gebracht.

Jahrtausende später gibt es diesen Rachegott in der Vorstellung der westlichen Welt immer noch. Dort trägt er jetzt zwar einen anderen Namen, nämlich "Natur". In Katastrophen- und Gruselfilmen geißelt er Fälle menschlicher Hybris aber immer noch mit alttestamentarischem Zorn.

Den Anlass dafür bilden, wie im Fall von Babel, weiterhin Technologien - Errungenschaften, mit denen sich der Mensch (im doppelten Sinn) überheben könnte. Etliche Schuld-und-Sühne-Filme haben sich im Laufe der Jahrzehnte daran entzündet. Wobei der unterschwellig religiöse Ernst nicht selten im Kontrast zur unfreiwillig komischen Handlung steht.

Seinen Anfang nahm dieses Filmgenre wohl bei der Kernkraft: Die geheimnisumwitterte Energie ließ im Kino etliche strafende Monster entstehen. Etwa die Mega-Ameisen aus dem Streifen "Formicula" (1955). Unter Ausschüttung von tonnenweise Ameisensäure zertrampelten sie ganze Landstriche und deren Einwohner - wie eine biblische Plage.

Dass der Mensch die Finger von der Genetik lassen sollte, unterstreicht wiederum der Film "Piranhas" (1978): Wissenschafter erhöhen den Blutdurst des titelgebenden Tieres bewusst, um ihn in Vietnam einzusetzen. Die beißlustigen Biowaffen fressen dann aber leider einen Narren an amerikanischen Badegästen.

In ähnlichen Themengewässern fischt Steven Spielbergs "Jurassic Park" (1993). Darf der Mensch Gottes Evolutionsfahrplan ändern? Der Film stellt diese Frage, und er suggeriert bald ein Nein. Dabei darf es schon fast als ein Betteln um höhere Strafgewalt gelten (die sich auch prompt einstellt), dass sich der Schöpfer der wiederauferstandenen Dinosaurier in göttliches Weiß hüllt.

Auch das Thema Umweltverschmutzung ist durch die Schuld-und-Sühne-Mangel gedreht worden. Der Film "Frogs" (1972) hat dabei eine besonders groteske Rachefantasie ersonnen. Die animalischen Sumpf-Anrainer fallen, zur Tiermörderbande vereint, über die Menschen her - wobei auch Frösche einen frappanten Fleischhunger entwickeln.

Das größte Spektakel entfesselt aber wohl ein Blockbuster von Roland Emmerich. Sein "The Day After Tomorrow" (2004) bricht als Strafe für die Klimasünden an und entfesselt ein Pandämonium der Sintfluten und nicht zuletzt Tornados, die Los Angeles vernichten wie der Schöpfer einst Sodom.

Emmerich hat übrigens in Abrede gestellt, nur Katastrophenblickfutter liefern zu wollen: Sein Film solle "zum Nachdenken" über den Umweltschutz anregen. Kann man glauben, oder auch nicht - der Appell ist jedenfalls nicht verkehrt. Ob diese drängende Debatte aber wirklich einen religiösen Ballast aus grauen Vorzeiten braucht oder nicht doch eine nüchterne Denkungsart, ist eine andere Frage.

Wiener Zeitung, Dienstag, 29. August 2017

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