unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

(Kein) Schnee in der Manege #

Der Klimawandel wirkt sich nicht nur auf die Natur und den Tourismus aus. Auch der Skizirkus ist vom Schneemangel und unbeständigen Wetter unmittelbar betroffen. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 9. Februar 2017)

Von

Wolfgang Machreich


Karl Schranz vor dem Berg Mönch
Karl Schranz vor dem Berg Mönch. Bis in die 80er-Jahre fanden Skirennläufer von Oktober bis März problemlos ihre Unterlage. Dass es nun damit vorbei ist, scheint die Umsätze der Veranstalter nicht zu schmälern.
Foto: k. A. Aus: Wikicommons

Wenn der FIS-Schneekontrollor „Grünes Licht“ für die Durchführung eines Weltcup-Rennens gibt, ist das zwar ein etwas schräges Sprachbild, für die Rennveranstalter – egal ob in Kitzbühel, Gröden, Val d‘Isere oder Beaver Creek – hängt der Haussegen aber wieder gerade und die Jagd auf Skiern um die entscheidende Hundertstelsekunde Vorsprung darf gestartet werden.

Der Ski-Weltcup ist gerade 50 geworden: Am 5. Jänner 1967 gab der Zirkus rund um die zwei Bretteln im g‘führigen Schnee mit einem Slalom in Berchtesgaden seine erste Vorstellung. Gewonnen hat die Premiere ein Österreicher. Heini Messner führt seither die lange Liste der Weltcup-Sieger an. Die Slalompiste über die Steilhänge des Jenners hinunter war damals schon sehr anspruchsvoll, sehr hart, sehr eisig. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Die äußeren Bedingungen gehören neben den Athleten und dem Material zu den Erfolgskriterien für dieses Freiluftspektakel.

Be(un)ruhigende Diagnosen #

Dabei lesen sich die Statements der Rennveranstalter über den Zustand der Pisten wie Diagnosen zum Gesundheitszustand von Patienten: „Das ist die Rettung“, sagte da einer und meinte die Lieferung von tausenden Kubikmetern Schnee per LKWs und Hubschraubern vom Großglockner zum Hahnenkamm. „So nervös wie in den letzten Tagen war ich in den letzten zwanzig Jahren nicht“, bekennt ein anderer und beschreibt damit das Warten auf eine Kältewelle nach einem Tauwettereinbruch. „Es ist am Limit, die Vorhersagen für die kommenden Tage sind aber günstig“, beunruhigte und beruhigte zugleich ein Dritter aus dem „Notärzte- Team“ des „von der Witterung gebeutelten Skiweltverband FIS“. Zu guter Letzt folgt dann meistens ein „Aufatmen“ und das Lob für die Pisten-Sherpas: „Die viele Arbeit der letzten Tage hat sich bezahlt gemacht.“

Und das darf man sehr wörtlich nehmen: Der Ski-Zirkus ist ein weit verzweigtes Millionen-Unternehmen. Dabei sind die Preisgelder für die Siegläufer nur die Spitze der Pyramide. Aufgebaut ist dieses Wirtschaftsimperium mit Werbeverträgen, Sponsorengeldern sowie Finanzierungen aus der Sportartikel- und Tourismusindustrie. Nicht zu vergessen die Übertragungsrechte für Fernseh- Stationen. Das macht den Weltcup aber auch abhängig und unflexibel. Ein Renn-Klassiker kann nicht wegen schlechter Witterung vom Samstag auf den Montag verschoben werden. Da steigen die TV-Sender aus und die Sponsoren spielen nicht mehr mit. „Mehr als bemühen können wir uns nicht, und das Wetter können wir auch nicht verändern“, sagte dazu FIS-Renndirektor Markus Waldner nach der Absage der Herren- Abfahrt in Wengen Mitte Jänner dieses Jahres. Und generell hielt der Ober-Rennchef mit seiner realistischen Einschätzung nicht hinter dem (leider oft schneearmen) Berg: „Es ist eine schwierige Situation mit der Natur heuer, das müssen wir akzeptieren. Wir müssen langsam verstehen, dass die Natur sich zur Zeit wandelt. Und wenn wir das nicht akzeptieren, sind wir im falschen Geschäft.“

Falsches Geschäft zur falschen Zeit? Oder doch immer noch ein richtiges Geschäft trotz falscher Zeit? Denn so wie die Formel 1 der Boliden das Testlabor für Automotoren und das ganze Drumherum ist, so ist die Schnee-Formel-1 die Versuchsanordnung für Ski-Industrie und Wintertourismus: vom Sportartikel-Testlauf bis zu Pistenpräparierung und Schneemanagement. Letzeres spielt eine immer wichtigere Rolle. Zum Beispiel auch beim „Seidlalmsprung“ des Abfahrts-Klassikers Hahnenkamm-Rennen. Hier werden jedes Jahr Schneedepots angelegt, um für (fast) alle Eventualitäten gerüstet zu sein.

Gleich und doch anders #

Neben der Piste, auf der namensgebenden Seidlalm, sagt die Legende, haben sich Frankreichs Ski-Napoleon Honoré Bonnet, der US-Cheftrainer Bob Beattie und der Reporter der Sport-Bibel L‘Équipe im Jänner 1966 den Ski-Weltcup ausgedacht – bei Gulaschsuppe und Frankfurter Würsteln. Zum Jubiläum von der Austria Presse Agentur (APA) gefragt, was den Ski-Zirkus bedrohe, antwortete Patrick Lang, der Sohn eines Weltcup-Erfinders: „Das Hauptproblem kann vom Schneemangel in den tiefen Orten wie Kitzbühel oder Adelboden kommen. Aber irgendwann wird jemand sicher Plastik-Kunstschnee erfunden haben.“

Und seine Vision für den Weltcup in 50 Jahren ist eher lapidar: „Vieles hat sich seit diesen Jahren geändert – sogar der Schnee, der zwar immer noch zwischen den blauen Linien weiß, aber jetzt meistens vereist ist. Die Fahrer, die jetzt einen Helm tragen müssen, rasen aber weiterhin die Pisten auf zwei Bretteln herunter, und im Ziel stellen ihnen die Journalisten weiterhin dieselben und oft nicht sehr originellen Fragen.“

DIE FURCHE, Donnerstag, 9. Februar 2017