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Totale Nachhaltigkeit ist eine Illusion#

Wir können trotzdem einiges tun, um uns gegen künftige Krisen – auch gegen den Klimawandel – zu wappnen.#


Von der Wiener Zeitung (30. Mai 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

von

Kurt Ruppi


Kurt Ruppi
Kurt Ruppi war bis zu seiner Pensionierung als Bautechniker tätig.
Foto: privat

Es scheint, als hätten einige Länder die Coronavirus-Pandemie ganz gut gebändigt. Sicher ist das nicht, aus bekannten Gründen. Darüber hinaus gibt es noch andere latente Bedrohungen für unsere Gesundheit: Von Giften bis zu sogenannten Umwelthormonen, Kunststoffen jeder Art und Zerfallprodukten aller Konsumgüter – hunderttausende Stoffe und Stoffkombinationen, die es bisher in der Natur nicht gab, umgeben uns wie eine Wolke. Wir essen sie, trinken sie, atmen sie ein. Niemand weiß, was davon uns schaden könnte; doch das Robert- Koch-Institut sieht sicher auch hier ein Risiko weltweiter Erkrankungen.

Nun gibt es seit fünf Jahren das deutsche Hemholtz-Zentrum für Umweltschutz in Leipzig, wo 1100 wissenschaftliche Mitarbeiter am sogenannten Exposom forschen, der Summe aller Belastungen (auch der menschengemachten), die unsere Gesundheit bedrohen könnten. Exposome-Forschung gibt es natürlich auch in den USA und sonst wo, nur bei uns hört man wenig davon. Dabei müsste das doch auch in Österreichs Interesse sein.

Seit kurzem steht das Wiederhochfahren von Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft im Vordergrund der öffentlichen Diskussionen, und auch das jetzt unterbrochene Vorgehen gegen die Klimakrise wird wieder Thema: ob noch Geld dafür da sein wird, ob ein Wettmachen der Krisenverluste möglich ist, welcher Standard erreicht werden müsste; auch, ob wir aus der Krise gelernt haben und uns besser auf zukünftige Krisen jeder Art vorbereiten könnten.

Gegen eine „Supergrippe“ wie Covid-19 kann man sich wappnen, das wissen wir jetzt; es kostet Geld, und sie fordert trotzdem Tote – das Virus mit seinen Verwandten ist sehr gefährlich, aber man kann sich einigermaßen darauf einstellen, wenn man es wirklich will. Gewarnt wird vor drohenden weltweiten Seuchen, die jederzeit auftreten könnten, schon lange genug. Es gibt aber eben auch noch andere Risiken.

Unsere Wirtschaftsmethode ist als System fragwürdig#

Sich auf die nächste(n) Wanderungswelle(n) von Flüchtlingen einzustellen, ist da schon schwieriger. 2015 war Europa davon einigermaßen überrascht; heute sind wir in Mitteleuropa einigermaßen abgeschottet und mit allen damit verbundenen Grausamkeiten darauf vorbereitet, den nächsten Ansturm abzuwehren – und es wird vom Zeithorizont, von den kriegerischen Konflikten und auch von den durch das Klimaproblem abhängenden Ursachen bestimmt, wer wann in welcher Zahl kommen wird. Jedenfalls wird dieses Problem wieder auftreten – in welcher Intensität und zu welchem Zeitpunkt, ist zunächst nicht vorhersehbar. Wenn möglich, sollten wir uns besser nicht mehr überraschen lassen, doch wirkliche Resilienz scheint hier nicht möglich.

Was die Wirtschaft betrifft, so stecken wir schon länger in einer Krise, Corona hätte es da eigentlich gar nicht bedurft, denn wir wussten schon, dass unsere westliche Wirtschaftsmethode gefährlich heißgelaufen und als System ohnehin äußerst fragwürdig ist. Eigentlich müssten wir froh sein, dass uns ein Virus aus China geweckt hat, denn jetzt haben wir Stillstand und damit eine bessere Chance zur Veränderung, die ohnedies nötig ist.

Immer wieder ist auch die Rede von „Nachhaltigkeit“. Aber was ist das eigentlich? Eine Idee, ein Phantom, mehr nicht. Es gibt in der belebten Welt der Erde und selbst im unbelebten Kosmos keine Nachhaltigkeit, das Leben ist ohne Pause in permanenter Umgestaltung, Werden und Vergehen – als Organismus, als Spezies, oder als Biotop, meist alles gleichzeitig und überall. Wir können uns dem Vorbild der natürlichen Kreisläufe bestenfalls annähern, doch der unablässigen Veränderung ist nicht zu entgehen.

Was können wir künftig besser machen? Die im Folgenden genannten Veränderungen sind alle mehr oder weniger blauäugig, das ist klar. Aber hier sind auch Experten und Politiker gefragt. Es geht in erster Linie darum aufzuzeigen, dass andere Prinzipien bei Industrie und Gewerbe unter Umständen auch gegen den Klimawandel nützlich wären:

Wir können recyceln, je mehr, desto besser; das ergibt mehr Verwendungszyklen, eine Annäherung an Nachhaltigkeit.

Wir können unsere Produkte in besserer Qualität herstellen und auf geplante Kurzlebigkeit (Obsoleszenz) verzichten, das hatten wir schon (der Stahl, aus dem einst das Steyr-Waffenrad gebaut wurde, wird in dieser Qualität heute vermutlich nur noch beim Militär eingesetzt). Wir könnten sie wieder reparierbar machen, auch Langlebigkeit ist eine Annäherung an Nachhaltigkeit.

Wir können das System „just in time“ aufgeben und wieder Lager anlegen, auch auf Leerflächen; Ersatzteile aus dem Nachbardorf statt aus China zu holen, ist letztlich billiger und schont Ressourcen und die Umwelt.

Wir können auch künftig weiter daheim arbeiten, wo es möglich ist; auch das spart Verkehr ein.

Vor allem müssen wir Jobs für Menschen schaffen, damit sie Geld zum Leben und Konsumieren haben; nicht für Automaten und Großgeräte, die heute im Einsatz sind. Die finanziellen Ausfälle durch Corona allein bedeuten sicher eine Verminderung unseres Konsumstandards, die noch verstärkt wird, wenn gleichzeitig eine massive Umstrukturierung im Bereich Industrie, Gewerbe und Verkehr stattfindet. Doch bedeutet umgekehrt die Investition in neue Strukturen ebenfalls Jobs.

Vor-Corona-Standard sollte nicht das Ziel sein#

Die Rückzahlung der derzeit aufgenommenen Staatsschulden, mögliche Moratorien oder Abschreibungen sind auch so ein ungelöstes und seit langem aufgestautes Problembündel, das besser nicht auf Kosten der Steuerzahler gelöst werden sollte – besonders in der Zeit der zu erwartenden Rezession.

Komplex und kompliziert; und relativ „schnell und überlegt“ muss es gehen, sagt Ministerin Leonore Gewessler. Die Regierungen werden viel Härte, Verhandlungsgeschick und Glück brauchen, um die Wirtschaft von der Vorstellung abzubringen, dass möglichst rasch der Vor-Corona-Standard erreicht und übertroffen werden müsste – denn eines ist jetzt eindeutig klar: Permanentes Wachstum ist genauso eine Illusion wie totale Nachhaltigkeit.

Wiener Zeitung, 2. Juni 2020