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Die versenkten Treibhausgase#

Ohne die CCS-Technologie, bei der CO2 im Meeresboden gespeichert wird, lassen sich die Klimaziele kaum erreichen.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 18. Dezember 2018

Von

Ronald Schönhuber


Als Speicherort für das bei Fabriken und Kraftwerken eingesammelte CO2 sollen vor allem erschöpfte Öllagerstätten dienen
Als Speicherort für das bei Fabriken und Kraftwerken eingesammelte CO2 sollen vor allem erschöpfte Öllagerstätten dienen.
Foto: © afp

Oslo/Wien. Was die Lösung ist, war für Stephen Bull bereits klar, bevor noch ein einziger Delegierter beim großen UN-Klimagipfel im polnischen Kattowitz im Konferenzsaal Platz genommen hatte. "CCS ist der einzig gangbare Weg", sagt der Vizepräsident des staatlich kontrollierten norwegischen Ölkonzerns Equinor. Ohne den Einsatz dieser Technologie werde es für die Staaten nur sehr schwer möglich sein, die vor drei Jahren im Rahmen des Pariser Klimaabkommens gemachten Versprechen einzuhalten, mit denen die globale Erwärmung auf maximal 2 Grad begrenzt werden soll.

Hinter dem Kürzel CCS, das für den englischen Begriff Carbon Capture and Storage steht, steckt der Versuch, Kohlendioxid (CO2) im großen Stil einzufangen und dauerhaft zu speichern. Auf diese Weise soll erreicht werden, dass die klimaschädlichen Treibhausgase - wenn deren Entstehung wie etwa bei der Stahl- oder Zementproduktion schon nicht verhindert werden kann - zumindest nicht in die Atmosphäre gelangen. Equinor gehört dabei zu den Vorreiter der CO2-Speicherung. Gemeinsam mit Partnern wie Shell und Total wird derzeit an einem Demonstrations- und Versuchsprojekt gearbeitet, das spätestens im Jahr 2023 fertig werden soll. Sobald die Northern Lights getaufte Anlage in Betrieb ist, sollen mit ihrer Hilfe zunächst einmal die CO2-Emissionen eines Zementwerks, einer Ammoniakfabrik und einer Müllverbrennungsanlage in Südnorwegen aufgefangen werden. Anschließend sollen die auf diese Weise gesammelten Treibhausgase per Schiff 600 Kilometer weit zu einer bereits komplett ausgebeuteten Öllagerstätte vor der Küste gebracht werden, wo sie schließlich dauerhaft tief unter dem Meeresgrund gespeichert werden.

Die Einlagerung der Emissionen aus den Fabriken und Müllanlagen in Norwegen soll dabei aber nur der Anfang sein. Geht es nach den Betreibern des 1,6 Milliarden Euro teuren Projekts, sollen zumindest mittelfristig auch Treibhausgase aus anderen europäischen Ländern im norwegischen Meeresboden versenkt werden. Insgesamt soll die Kapazität des Northern-Lights-Projekts für 5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr reichen.

CCS wird für die EU zum Flop#

Doch die hochfliegenden Pläne der Norweger sind alles andere als ein Selbstläufer. So ist etwa die EU, die die CCS-Technologie in ihrer jüngsten Klimastrategie als unverzichtbar für das Erreichen ihres Null-Emissionziels im Jahr 2050 ansieht, bei ihren bisherigen Anläufen katastrophal gescheitert. Ein 2012 gestartetes EU-Projekt, das unter anderem Demonstrationsanlagen auf den Weg bringen sollte, konnte trotz eines Budgets von 3,7 Milliarden Euro kein einziges CO2-Speicherprojekt umsetzen. Laut dem EU-Rechnungshof waren neben komplexen Verfahren vor allem die unsicheren Rahmenbedingungen und der niedrige Preis für Kohlendioxid für den Misserfolg verantwortlich.

Mit ähnlichen Problemen kämpft man auch in Norwegen. "Es ist nicht einfach, kurz- beziehungsweise mittelfristig ein gutes Geschäftsmodell zu entwickeln", sagt Trude Sundset, die Vorstandsvorsitzende des staatlichen norwegischen CCS-Unternehmens Gasnova. Strittig ist vor allem, wer für das Einfangen der CO2-Emissionen bezahlen soll, für das in vielen Bereichen eine eigene, komplett neue Infrastruktur errichtet werden müsste. Viele energieintensive Industriebetriebe in Europa beklagen sich jetzt schon, dass sie auf Grund von teueren Umweltauflagen und hohen Personalkosten im Vergleich zum Ausland kaum noch konkurrenzfähig sind. "Es ist allerdings auch naiv zu glauben, dass der Staat alles bezahlen wird", meint Sundset. "Es muss eine Zusammenarbeit zwischen den Regierungen und den Industrieunternehmen geben."

Die Bürger sind skeptisch#

Die CCS-Branche kämpft allerdings nicht nur mit hohen Einstiegskosten, sondern auch mit einem Imageproblem. So fürchten Umweltschutzorganisationen, dass die Technologie dafür missbraucht werden könnte, den Umstieg auf erneuerbare Energie weiter hinauszuzögern. So könnten etwa klimaschädliche Kohlekraftwerke mit Hilfe von CCS wohl noch deutlich länger betrieben werden als ohne den Einsatz von CO2-Speichern. Skeptisch sind neben den Umweltschützern aber auch die Bürger. So gibt es vor allem in Europa die Sorge, die Einlagerung großer Mengen an Treibhausgasen könnte unsicher sein und zu einer Instabilität der umliegenden Gesteinsformationen beitragen. Wie groß das Unbehagen dabei ist, ließ sich dabei vor allem in Deutschland beobachten. Dort scheiterte bereits vor sieben Jahren ein Gesetz zur Erprobung der CCS-Technologie am intensiven Widerstand zahlreichen Bürgerinitiativen.
Wiener Zeitung, 18. Dezember 2018