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Bergung eines Maskaronsteines#


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Hasso Hohmann (Juni 2019)


Diese Foto zeigt die nördliche Seite der 1965 abgebrochenen Hauptbrücke über die Mur in Graz. Das Foto dürfte in der Zwischenkriegszeit aufgenommen worden sein. Im Vordergrund steht eine von vier Säulen mit Adler und vier Laternen, die jeweils von Schwanenhälsen mit Flügeln gestützt werden
Diese Foto zeigt die nördliche Seite der 1965 abgebrochenen Hauptbrücke über die Mur in Graz. Das Foto dürfte in der Zwischenkriegszeit aufgenommen worden sein. Im Vordergrund steht eine von vier Säulen mit Adler und vier Laternen, die jeweils von Schwanenhälsen mit Flügeln gestützt werden.
Foto: Hugo Haluschka; Archivnummer KB-83042; Multimediale Sammlung, Museum für Geschichte in Graz, Steiermärkisches Universalmuseum Joanneum.

Als ich 1965 aus Karlsruhe von der dortigen Technischen Hochschule dem Rat Egon Eiermanns folgend und mit zwei von ihm verfassten Empfehlungsschreiben in der Hand zur TU in Graz wechselte, um nicht als Panzergrenadier der deutschen Bundeswehr in der Lüneburger Heide dienen zu müssen und dadurch zwei Jahre zu verlieren, lag mein erstes Studentenzimmer in Graz am Schlossbergplatz im “Reinerhof“ direkt über der dortigen Volkshilfe. So war es nicht weit zur damaligen Hauptbrücke über die Mur, die gerade abgebrochen und durch eine neue Brückenkonstruktion ersetzt werden sollte. Die im Abbruch befindliche Franz-Karl-Brücke war, so weit ich das noch sehen konnte, eine repräsentativ gestaltete zweiteilige Brücke aus dem Jahr 1891 mit zwei seitlichen Auflagern und einem Mittelpfeiler aus Naturstein, über die zahlreiche Eisenfachwerkträger als Brückenunterkonstruktion für die Fahrbahn gelegt waren.

Für mich war es einerseits faszinierend, zu sehen, wie man die neue Brücke nördlich des Altbestandes auf Schienen über mächtigen, mehr als zwei Meter hohen Stahlträgern als schlichte breite Betonplatte errichtet hatte, um sie nach dem endgültigen Abbruch der alten Hauptbrücke möglichst schnell nach Süden in die Position des Altbestandes zu verschieben. Zugleich diente die alte Brücke noch bis fast zuletzt als Übergang für die Straßenbahnen, obwohl schon keine Begehung für die Öffentlichkeit mehr möglich war. Man konnte bereits von oben zu den parallel liegenden Fachwerkträgern ohne Brückenplatte sehen.

Die zwei Statuen rechts und links auf dem Mittelpfeiler der Brücke, die “Austria“ und die “Styria“ sowie die riesigen Adler samt Laternen und auch das Geländer waren bereits demontiert. Die großen Maskaronsteine über dem Mittelpfeiler wurden gerade mit Brechstangen ins Wasser befördert. Irgendwie fand ich es neben der Faszination für die logistische Leistung des Neubaus zugleich schade, dass man die noch immer sehr stabil wirkende alte, reich gestaltete Brücke zerstörte. Der Mittelpfeiler wurde sogar erst nach dem Verschieben der neuen Brücke in ihre endgültige Position unterhalb mit Brechstangen zerlegt und dabei ebenfalls in die Mur befördert. Leider fotografierte ich 1965 mit meiner alten Retina aus der Vorkriegszeit nur sehr selten und so habe ich heute keine eigenen Fotos vom damaligen Austausch der Hauptbrücke.

Im Winter 1996, also 31 Jahre später, rief mich Eva Mohringer vom Bundesdenkmalamt im “Internationalen Städteforum Graz“ (ISG) an. Sie vermutete, dass ich entsprechende Entscheidungsträger in den Ämtern des Magistrates der Stadt Graz kenne und fragte mich, ob ich nicht einen Weg wüsste, wie man einen Maskaronstein aus der Mur möglichst kostengünstig bergen könne. Es hätten mehrere aufmerksame Grazer beim Denkmalamt bereits angerufen und gemeldet, dass bei dem damals ungewöhnlich niedrigen Mur-Wasserstand der südliche der zwei Maskaronsteine der Vorgängerbrücke im großteils ausgetrockneten Flußbett der Mur aus dem Wasser getreten sei. Es bestünde der Wunsch, diesen Marmorblock bergen zu lassen. Wir diskutierten noch kurz darüber, wo er wohl am besten aufgestellt würde. Dann war klar, dass der Maskaronstein bei einer Aufstellung mit mittiger Position vor dem südlichen Geländer der Brücke dem ursprünglichen Standort am nächsten stehen würde. Er sollte dann aber nach Norden und so zu den Passanten blicken.

Mit Glück erreichte ich noch am selben Tag den damals für die Feuerwehr zuständigen Stadtrat Hans Pammer, der nach einer kurzen Schilderung des Sachverhaltes auch gleich bei der Feuerwehr das Fahrzeug mit dem größten Auslegerkran für den Einsatz am nächsten Morgen um 9.00 Uhr auf die Brücke bestellte. Er deklarierte die Aktion als Feuerwehrübung.

Nach einer kurzen Vorbesprechung am Folgetag um 8.30 Uhr auf der Brücke bei Temperaturen um den Gefrierpunkt nahm das schwere Feuerwehrfahrzeug auf der Nordseite der Brücke Aufstellung und seine seitlichen Stützholme wurden ausgefahren. Danach glitt sein Teleskopausleger weit in die Höhe, sodass er zugleich quer über die breite Brücke ragte und seine Spitze über die Oberleitungen der Straßenbahnschienen hinweg bis über die südliche Kante der Südseite der Brücke reichte. Dadurch behielt dieses Nadelöhr für den Grazer öffentlichen Verkehr bei der geplanten Aktion seine volle Funktionsfähigkeit. Alle Straßenbahnlinien zwischen Graz westlich und Graz östlich der Mur konnten weiterhin entlang der Südseite der Brücke ungehindert fahren.

Der südlich Maskaronstein hängt am Kran und wird gewogen. Daneben zwei Feuerwehrleute
Der südlich Maskaronstein hängt am Kran und wird gewogen. Daneben zwei Feuerwehrleute
Foto: © Hasso Hohmann
Der Maskaronstein Hängt noch am Kran über der Brücke.
Der Maskaronstein Hängt noch am Kran über der Brücke.
Foto: © Hasso Hohmann

Der Kranwagen der Feuerwehr auf der Brückennordseite wartet noch darauf, den südlichen Maskaronstein anheben zu können.
Der Kranwagen der Feuerwehr auf der Brückennordseite wartet noch darauf, den südlichen Maskaronstein anheben zu können.
Foto: © Hasso Hohmann
Der Maskaronstein liegt auf Kanthölzern auf der Brücke zum Abtrocknen.
Der Maskaronstein liegt auf Kanthölzern auf der Brücke zum Abtrocknen.
Foto: © Hasso Hohmann

Viele der Passagiere der Straßenbahnen stiegen allerdings nun angesichts des riesigen Kranwagens auf der Hauptbrücke jeweils an der nächsten Station am Südtiroler Platz oder am Hauptplatz aus, um zurückzueilen und zu schauen, was auf der Brücke gerade abläuft. Inzwischen hatten sich zwei Feuerwehrleute in Froschmänner verwandelt indem sie ihre Neoprenanzüge übergezogen und hohe Stiefel anzogen. Sie wurden samt Seilen, Spaten und Brechstangen am Haken mit dem Krahn auf der Südseite der Brücke in einer schlanken Tonne bis zum teilweise leicht vereisten Wasser der Mur hinuntergelassen.

Es brauchte nicht lange, bis sie eines der mit einem Gummischlauch geschützten Seile unter dem halb im Wasser liegenden Maskaronstein durchstoßen und durchziehen konnten. Nachdem das Seil um den Stein geschlungen und dieser an den Haken des Krahns gebunden war, wurde der mächtige Marmorblock leicht angehoben und gewogen. Er brachte 2,7 t auf die Waage. Es gab glücklicherweise bei diesem Gewicht trotz der relativ großen Auskragung kein Problem, den Stein bis über das Geländer nun auf den breiten Gehweg zu heben. Daher wurden zwei Kanthölzer mittig vor dem südlichen Brückengeländer der Brücke direkt nördlich des Geländers aufgelegt, auf denen der schwere Stein erst einmal luftumspült in der Sonne abtrocknen konnte. Der Stein war offenbar beim Abbruch des Mittelpfeilers 1965 im Murbett weich gelandet und konnte weitgehend unbeschädigt geborgen werden.

In der relativ kurzen Zeit der Bergungsaktion hatten sich unglaublich viele Schaulustige auf der Brücke versammelt, die alle das Ereignis des Tages miterleben wollten. Es war sogar ein Reporter des ORF-Fernsehens vor Ort und mehrere Tageszeitungen hatten Fotografen entsandt, ohne dass der Magistrat oder das ISG sie hatten rufen müssen. Einige fragten mich nach Details. So konnte ich erklären, dass die Vorgängerbrücke, die Franz-Karl-Brücke, 1891 errichtet und vor 31 Jahren 1965 wieder abgebrochen worden war. Somit war der aus Marmor hergestellte Maskaronstein 1996 schon 105 Jahre alt.

Als ich dann an den Hauptplatz zurückkehrte und wieder an meinem Schreibtisch im ISG saß, erhielt ich unmittelbar nach Eintreffen einen bitterbösen Anruf von der damaligen Vizebürgermeisterin Ruth Feldgrill-Zankel, in dem sie mich total aggressiv fragte, wie ich dazu komme, den Maskaronstein auf die Brücke zu stellen. Der Stein müsse dort sofort wieder verschwinden. Es müsse ja erst einmal geprüft werden, ob der Stein überhaupt mit der Statik der Brücke kompatibel und nicht zu schwer sei. Da sich Bürgermeister Alfred Stingl gerade im Ausland aufhielt, war Ruth Feldgrill-Zankel zu diesem Zeitpunkt amtsführende Bürgermeisterin. Ich versicherte ihr, dass der aufgestellte Stein kein Problem für die Statik der Brücke darstellen könne. Allein das Feuerwehr-Kranfahrzeug habe bereits ein Vielfaches an Gewicht auf die Brücke gebracht. Sein Eigengewicht verhindere aber auch, dass er von Wandalen gegen das Geländer oder gegen Passanten gekippt werden könne.

Wie ich erst etwas später erfuhr, war ihr schon zwei Tage vorher berichtet worden, dass man den südlichen Maskaronstein der alten Hauptbrücke im trockenen Mur-Bett sehen könne und sie hatte ihren zwei Sekretären den Auftrag erteilt, den Stein möglichst medienwirksam aus der Mur bergen zu lassen. Als sie dann gerade mit ihrem Dienstwagen am späteren Vormittag auf der Mur-Begleitstraße entlangfuhr, waren ihr der Menschenauflauf und die Aktion der Feuerwehr auf der Brücke nicht entgangen. Ich hatte ihr, ohne es zu wollen, die Show gestohlen. Ihre zwei Sekretäre waren einfach zu langsam gewesen. Ich verfasste danach eine Sachverhaltsdarstellung an Bürgermeister Alfred Stingl, der mich nach seiner Rückkehr für die Aktion lobte.

Nochmals Jahre später nach 2003 gab es Bestrebungen, den Großteil des noch vorhandenen Dekors der Franz-Karl-Brücke wieder auf der derzeitigen Betonbrücke zu montieren. Andere wünschten sich eine Promenade unter dem östlichen Auflager der Hauptbrücke entlang der Mur. Bald barg man auch den zweiten, stärker beschädigten Maskaronstein an der Nordseite aus der Mur. Danach wurde entschieden, dass künftig alle Dekorelemente der alten Brücke unterhalb der jetzigen Brücke am östlichen Auflager untergebracht werden. Beide Maskaronsteine expedierte man unter die heutige Hauptbrücke und auch die Montage vieler anderer Dekorelemente der alten Brücke wurde veranlasst.

Als ich von der Verlegung der Maskaronsteine hörte, gab ich zu bedenken, dass all diese Brücken-Elemente vor allem in der Nacht, wenn sich kaum jemand auf der tiefliegenden Promenade aufhält, nicht beobachtet sind und Vandalismus dort zu befürchten sei. Leider kam es genauso. Das Beste wäre, zumindest die zwei Maskaronsteine auf die Brücke zu holen und sie auf der Nord- bzw. Südseite mittig so aufzustellen, dass sie zu den Passanten sehen. Ihre Beschädigungen und die Verunstaltungen durch Sprayfarben sollten möglichst schnell behoben werden.


Der südliche der zwei Maskaronsteine
Der südliche der zwei Maskaronsteine
Foto: © Hasso Hohmann
Der südliche Maskaronstein von der Seite gesehen.
Der südliche Maskaronstein von der Seite gesehen.
Foto: © Hasso Hohmann
Diese Metallelemente mit ihren Schwanenhälsen und seitlichen Flügeln dienten ursprünglich als Unterstützung für die Ausleger der großen schweren Laternen auf der alten Hauptbrücke.
Diese Metallelemente mit ihren Schwanenhälsen und seitlichen Flügeln dienten ursprünglich als Unterstützung für die Ausleger der großen schweren Laternen auf der alten Hauptbrücke.
Foto: © Hasso Hohmann
Der nördliche Maskaronstein.
Der nördliche Maskaronstein.
Foto: © Hasso Hohmann

Der südliche der zwei Maskaronsteine stand fast zehn Jahre lang auf der Hauptbrücke, wo er nicht störte und auch nicht beschädigt wurde. Dann entschloss man sich von Seiten der Stadtgemeinde dazu, auch den zweiten, den nördlichen Maskaronstein und auch weitere Teile des Mittelpfeilers aus der Mur zu bergen und alles zusammen mit noch vorhandenen Metallobjekten der alten Brücke unter der neuen Brücke beim östlichen Auflager neben dem dortigen Fußweg entlang der Mur aufzustellen bzw. anzubringen. Es hieß, alle Objekte seien dort besser gegen die Witterung geschützt. Leider wurde hier der südliche, unbeschädigte Maskaronstein allerdings von Vandalen massiv beschädigt und durch aufgesprayte Texte entstellt. Sprayverunstaltungen wurden fast an allen Objekten vorgenommen, auch beim zweiten Maskaronstein und alle anderen Objekte der alten Brücke. Unter der Brücke fehlt die “soziale Kontrolle“. Man sollte die zwei Maskaronsteine im Norden und im Süden jeweils mittig vor die Geländer stellen und die anderen Objekte entweder ins Museum oder ins Depot bringen.