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„Ohne kämpfende Eltern geht es nicht“ #

Helene Jarmer, grüne Abgeordnete und eine der Protagonistinnen im Film „Seeing Voices“, über die Identität gehörloser Menschen und die Defizite im Bildungssystem. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE Donnerstag, 13. April 2017

Das Gespräch führte

Doris Helmberger


Mit Händen sprechen
Mit Händen sprechen. Barbara Hager, die selbst gehörlos ist, führt ihren ebenfalls gehörlosen Sohn Emil in die Welt der Gebärdensprache ein (Szene aus dem neuen Film „Seeing Voices“, s. u.).
Foto: Filmladen

Helene Jarmer ist ein Unikum. Die Nationalratsabgeordnete und Behindertensprecherin der Grünen ist die einzige gehörlose Politikerin im deutschsprachigen Raum. Dass sie heute dort steht, wo sie steht, hat sie vor allem ihren (gehörlosen) Eltern zu verdanken: Sie haben ihre Tochter, die zwar hörend geboren wurde, aber im Alter von zwei Jahren durch einen Unfall das Gehör verlor, nach Kräften gefördert und bestärkt. Heute setzt sich Jarmer umso vehementer dafür ein, dass (hör-)behinderte Kinder bessere Bildungschancen erhalten. Im Film „Seeing Voices“, der am 21. April in die Kinos kommt, ist sie eine der Protagonistinnen; am kommenden Dienstag wird sie zudem im Wiener Votivkino diskutieren (siehe Tipp). DIE FURCHE hat Jarmer im Parlament besucht und – unterstützt von zwei Gebärdensprachdolmetschern – mit ihr gesprochen.

DIE FURCHE: Frau Jarmer, das zentrale Thema des Filmes „Seeing Voices“ ist Identität. Sie sagen an einer Stelle: „Ich bin schwerhörig, das ist meine Identität. Meine Identität kann man nicht wegoperieren“. Viele Betroffene haben nicht dieses Selbstbewusstsein...

Helene Jarmer: Ja, weil man im Umgang mit gehörlosen Menschen leider noch immer bevorzugt auf das Defi zit schaut. Sie müssen etwa von klein auf jährlich beim HNO-Arzt ein Audiogramm machen lassen. Wenn es sich verbessert, heißt es: Du bist super! Und wenn nicht, wird das als schlecht bewertet. Aber diese Leistung kann man ja nicht beeinfl ussen! Man bekommt auch Applaus dafür, wenn man schön redet – aber auch das kann man nicht kontrollieren. Oft wird auch gesagt: Das kannst du nicht und das schaffst du nicht! Deshalb ist es für viele schwierig, eine gesunde Identität zu entwickeln und zu sagen: Ich gehe meinen Weg!

DIE FURCHE: Sie haben ihn gehen können – dank Unterstützung Ihrer gebärdensprachkompetenten Eltern. Auch der kleine Emil, dessen Familie ebenfalls in „Seeing Voices“ porträtiert wird (siehe Foto), hat dieses Glück. Die Ärzte raten seinen Eltern, ihm ehestmöglich eine Hörprothese (Cochlea- Implantat, CI) einzusetzen, damit er lautsprachlich kommunizieren kann, doch seine Eltern wollen, dass er sich zuerst mit seiner Gehörlosen-Identität wohlzufühlen lernt. Wie ist Ihre Haltung zum CI, das innerhalb der Gehörlosen- Community ein Reizthema ist?

Jarmer: Ich selbst bin nicht gegen das Cochlea-Implantat, wünsche mir aber, dass die Ärztinnen und Ärzte die Eltern korrekt informieren. Und dazu gehört auch, dass ein CI nicht immer funktioniert. Laut australischen Studien läuft bei einem Drittel der Kinder alles glatt, bei einem Drittel funktioniert es so lala und bei einem Drittel gar nicht. Diese Kinder müssen dann die Gebärdensprache nachlernen, wobei man aber weiß, wie wichtig es ist, schon früh mit Sprache in Berührung zu kommen, damit die entsprechenden Strukturen im Gehirn angelegt werden. Am Ende haben dann sechsjährige gehörlose Kinder einen Wortschatz von Zweieinhalbjährigen. Umso wichtiger wäre es, dass gehörlose und schwerhörige Kinder von Anfang an zweisprachig – in Gebärdenund Lautsprache – aufwachsen.

DIE FURCHE: Die allermeisten Eltern gehörloser Kinder sind aber nicht gebärdensprachkompetent...

Jarmer: In Schweden bekommen diese Eltern vom Staat jedes Jahr einen zweiwöchigen Intensivkurs in Gebärdensprache fi nanziert. Dadurch können sie ihren Wortschatz gemeinsam mit ihren Kindern kontinuierlich aufbauen. Man sagt in Schweden zu diesen Kindern auch nicht: Du bist gehörlos! Sondern: Du bist in einer anderen Sprachgemeinschaft geboren. So etwas würde ich mir auch in Österreich wünschen. Auch mobile Frühförderung in Gebärdensprache wäre wichtig: Wenn Logopädinnen nach Hause kommen, liegt der Fokus nur auf der Lautsprache.

DIE FURCHE: Sie wünschen sich auch im Kindergarten Zweisprachigkeit. Wie sieht es derzeit aus?

Jarmer: So, dass wir etwa in Wien nur einen einzigen bilingualen Kindergarten haben – in der Gussenbauergasse im neunten Bezirk. Aber auch hier gibt es keine Krippe, obwohl frühzeitige Förderung so wichtig wäre – auch für hörende „CODA“-Kinder (Children of Deaf Adults), deren Eltern gehörlos sind. In den Kindergärten selbst bräuchte es mehr bildhaftes Material mit entsprechenden Gebärden, weil die Kinder ja noch nicht lesen können. Und vor allem bräuchte es mehr gebärdensprachkompetente Pädagoginnen.

Helene Jarmer
Pionierin im Parlament. Seit 2001 ist Helene Jarmer Präsidentin des Öster. Gehörlosenbundes, seit 2009 Grüne Nationalratsabgeordnete.
Foto: APA / Jäger

DIE FURCHE: Immerhin gibt es nun in Wien eine Schule für gehörlose Assistenzpädagoginnen (vgl. FURCHE Nr. 43/2016)...

Jarmer: Ja, und das wäre auch in anderen Bundesländern wichtig.

DIE FURCHE: Womit wir in der Schule wären, wo Sie die größten Defizite sehen...

Jarmer: Das Hauptproblem ist, dass die Gebärdensprache zwar seit 2005 in Österreich als eigenständige Sprache anerkannt ist – aber nicht als Unterrichtssprache. Es gibt folglich keine wirkliche bilinguale Beschulung. Das Fach Gebärdensprache existiert nicht, es gibt auch keine entsprechende Aus- und Weiterbildung für Lehrer. Kein Kind lernt also derzeit die Grammatik der Gebärdensprache in der Schule. Ein Resultat ist, dass sich gehörlose 14-, 15-Jährige laut Untersuchungen bei ihrem Schulabschluss auf dem Lernniveau von Achtjährigen befinden.

DIE FURCHE: Was es schwierig macht, einen Job zu fi nden. Im Film wird das bei jenen Jugendlichen deutlich, die vom Wiener Schulungs- und Beratungsinstitut Equalizent unterstützt werden...

Jarmer: „Equalizent“ leistet wichtige Arbeit, ist aber eigentlich nur eine Zwischenstation, bei der vieles nachgeholt wird, was im regulären Bildungssystem nicht geschafft wurde …

DIE FURCHE: Das alles klingt nicht sehr erfreulich. Aber hat sich nicht zuletzt auch viel verbessert?

Jarmer: Natürlich: Im Fernsehen sind fast 80 Prozent der Sendungen untertitelt, auch bei DVDs ist das heute selbstverständlich. Und der Beruf der Gebärdensprachdolmetscherin wurde professionalisiert. Wo es kaum Verbesserungen gibt, ist der Bildungsbereich. Das Recht der Kinder auf bilingualen Unterricht wird blockiert, und nur wenige Eltern schaffen es, ihrem Kind diese zweisprachige Bildung zu erkämpfen. Doch ohne solche Eltern geht es nicht, denn Kinder, die man dem System überlässt, gehen unter. Das hat Auswirkungen auf ihre Lebensqualität und berufliche Zukunft: Von den 10.000 gehörbeeinträchtigten Menschen in Österreich haben etwa nur 50 die Matura. Viele von ihnen haben eine große Resilienz und Geduld. Aber es wäre Zeit, dass ihr Recht auf bilinguale Bildung endlich umgesetzt wird.

Buchtipp#

  • Schreien nützt nichts. Mittendrin statt still dabei Von Helene Jarmer. Südwest 2011 272 Seiten, gebunden, €20,60
DIE FURCHE, Donnerstag, 13. April 2013