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Ungestörtes Warten auf die Auferstehung beim Kommen des Messias#

Der Alte Prager Judenfriedhof#


Von

Günther Jontes

Die Bilder wurden vom Autor 2016 aufgenommen. Sie sind Teil des Archivs „Bilderflut Jontes“


Auch im Judentum ist der Tod des Menschen nur ein Übergang in eine andere Welt, aus welcher der Tote zu körperlichem Leben auferstehen wird, wenn die große Erlösergestalt des Messias am Ende aller Tage kommt. Aus diesem Glauben heraus lassen sich auch die Riten und Zeremonien jüdischen Lebens verstehen, wenn sich dieses dem Ende zu neigt, wenn der Tod eingetreten ist und man sich schließlich von dem Verstorbenen verabschiedet.

Die Ritualisierung des jüdischen Alltags umfasst hier einen großen, religiös, aber auch rational motivierten Komplex. Der Tote wird nicht alleingelassen, eine fromme Bruderschaft nimmt sich seiner an, die Chewra Kadischa, eine Einrichtung innerhalb der lokalen oder regionalen jüdischen Kultusgemeinde. Die auf das Ableben gerichteten Handlungen derselben beginnen eigentlich schon mit dem Besuch von Todkranken (hebr. Bikkur Cholim) und enden mit der Begleitung zum Grab (hebr. Halwajat ha-Met). Dazuwischen liegen zahlreiche Phasen, bei denen es um die Behandlung des Leichnams geht. Die bis heute gepflogenen Bräuche, die von Gebeten vor und nach dem Tod bis zur rituellen Waschung und Ankleidung führen, wurden in ihrer genauen Ausführung erst von dem italienischen Rabbiner Aharon Berechia im 17. Jahrhundert formuliert. Nach diesen Vorschriften richten sich die jüdischen Begräbnisbruderschaften auch in der Gegenwart.

Dem Todkranken wird sein Zustand nicht verheimlicht oder beschönigt. Man darf seinem Sterben nicht Einhalt gebieten, es aber auch nicht beschleunigen. Schon vor dem letzten Koma besuchen Verwandte und ein Arzt den noch bei Bewusstsein Ruhenden.

Bildhafte Darstellungen der Funeralbräuche
Bildhafte Darstellungen der Funeralbräuche in der einstigen Prager Zeremonienhalle der Chewra Kadischa, die heute Museum ist, unter CC BY 4.0

Wenn sich die Möglichkeit bietet, betet der Sterbende gemeinsam mit den Anwesenden noch ein Sündenbekenntnis (hebr. Widuj) ab. Seine letzten Worte sind oft das Gebet Schema Jisrael („Höre Israel!“). Für Millionen war das auch der letzte Abschied vor dem gewaltsamen Tod im Holokaust.

Bildhafte Darstellungen der Funeralbräuche
Bildhafte Darstellungen der Funeralbräuche in der einstigen Prager Zeremonienhalle der Chewra Kadischa, die heute Museum ist, unter CC BY 4.0

Ist der Tod eingetreten, bedeckt man den Leichnam mit einem Tuch und legt ihn auf den Boden. Vielfach werden im Sterbehaus auch die Spiegel und Bilder verhängt und man öffnet die Fenster, um der Seele das Davongehen zu erleichtern.

Prager Zeremonienhalle
Prager Zeremonienhalle, unter CC BY 4.0

Die Zeremonienhalle, in welcher die folgenden Handlungen der Behandlung des Leichnams geschehen, wurde in neuromanischem Stil 1906/08 an Stelle eines älteren Baues errichtet. Er dient heute musealen Zwecken

Die rituelle Waschung des Toten (hebr. Tahara) geschieht in einem eigenen Gebäude oder Raum auf dem Friedhof. Sie wird mit warmem Wasser ausgeführt, dem ein Ei als Symbol des Lebens beigemischt ist. Besondere Reinigungsgeräte aus Silber helfen, vollständige Sauberkeit des toten Körpers zu gewährleisten. Schließlich wird der Tote mit Wein besprengt.

rituelle Waschung des Toten
Rituelle Waschung des Toten, unter CC BY 4.0

Nach der folgenden Ankleidung mit einem Gewand, dessen Bestandteile von den Strümpfen bis zur Mütze aus weißem Leinen bestehen, kann die Einsargung erfolgen. Männlichen Juden wird auch der Gebetsmantel umgelegt. Meist kommt symbolhaft eine Handvoll Erde aus dem Heiligen Land in einem Säckchen in den einfachst ausgestatten Sarg (hebr. Aron) mit. Grabbeigaben darf es keinesfalls geben. Das einheitliche Totengewand (hebr. Tachrinin) soll die Unterschiede zwischen Arm und Reich zum Verschwinden bringen. Das Totenhemd wird bei einer jüdischen Hochzeit dem Bräutigam von der Braut im Rahmen des Heiratszeremoniell überreicht und ein ganzes Leben lang bis zur Verwendung nach dem Tode aufbewahrt.

Bildhafte Darstellungen der Funeralbräuche
Lizenziert unter CC BY 4.0

Das Begräbnis soll möglichst rasch vonstatten gehen. Als ideal wird sogar der Todestag selber angesehen, was aber heute wegen der sozialen Verflechtungen kaum mehr möglich ist. Im Heiligen Land mit seinem mediterran warmen Klima hatte dies mit dem rasch einsetzenden Verfall der Leiche einen rationalen Grund. Auch in den rein mosaischen Siedlungen des europäischen Ostens gab es dabei keine Probleme. Jedenfalls heben Mitglieder der Chewra Kadischa gleich nach dem Bekanntwerden des Hinscheidens eines Gemeindemitglieds ein Grab aus. Meist wird darauf geachtet, dass der Tote mit dem Blick gegen Jerusalem hin bestattet wird.

Grablegung
Lizenziert unter CC BY 4.0

Bei der Grablegung (hebr. Kewura) selber werden vom Synagogensänger (hebr. Chasan) verschiedene Gebete intoniert, worauf die Grabesrede (hebr. Hesped) des Rabbiners folgt. Bei Begräbnissen haben alle anwesenden Männer das Haupt bedeckt.

Grablegung
Lizenziert unter CC BY 4.0

Daraufhin wird das Grab sofort unter Mithilfe aller Männer geschlossen. Zur Tilgung der durch den Kontakt mit dem Toten verursachten rituellen Unreinheit waschen sich beim Verlassen des Friedhofs alle die Hände an einem dafür besonders gekennzeichneten Waschbecken.

Grablegung
Lizenziert unter CC BY 4.0

Die Trauerzeit und das Totengedenken sind ebenfalls geregelt. Einem Besucher auf einem jüdischen Friedhof fällt auf, dass auf manchen Gräbern oder Grabsteinen kleine bis größere Steine liegen. Das deutet auf Leute hin, die die Grabstätte besucht und des Toten im Gebet gedacht haben. Für diesen Brauch gibt es mehrere Deutungen. Eine davon besagt, dass die Hebräer auf der Suche nach dem Heiligen Land unterwegs Verstorbene, wo immer dies auch geschah, beerdigten und Steine auf das Grab legten, um zu verhindern, dass wilde Tiere den Leichnam ausgruben. Andere meinen, dass die Zahl der Steine anzeigen möge, welche Wertschätzung der Tote auch noch in seinem Grab genießt. Blumen oder Lichter sind nicht üblich.

Steine auf Grabstein
Lizenziert unter CC BY 4.0
Steine auf Grabstein
Lizenziert unter CC BY 4.0

Der jüdische Friedhof folgt ebenfalls eigenen Gesetzen. Man verwendet für ihn mehrere Bezeichnungen, zum Beispiel Beth Olam („Haus der Ewigkeit“), Beth Kewarot („Haus der Gräber“) oder Beht Chajim („Haus des Lebens“). Aus historischer Sicht hatten es die Judengemeinden sehr schwer, innerhalb des ihnen zugewiesenen Wohnbereiches, des Ghettos, mit seiner Enge einen dafür geeigneten Platz zu finden. Deshalb wurden solche Friedhöfe oft weit außerhalb der Siedlungen angelegt. Wie schwierig es sein konnte, zeigt der wohl berühmteste jüdische Friedhof der Welt, der Alte Friedhof von Prag inmitten der Judenstadt.

Der jüdische Friedhof
Lizenziert unter CC BY 4.0

Wie das Bild zeigt, stehen die Grabsteine hier so dicht beieinander, dass man sich die Frage stellt, wo da noch Platz für die Bestattung der Leichname mit ihrem Sarg sei. Nach jüdischem Funeralbrauch steht aber jedem Toten bis zur Ankunft des Messias ein eigenes ungeteiltes Grab zu. Deshalb beobachtet man auf neueren jüdischen Friedhöfen eine sehr große Grabbreite, da die Toten nebeneinander liegen, damit bei der Erdbestattung – Feuerbestattungen sind verpönt – die Gebeine sich nicht mischen. Orthodoxe Juden bekommen auch zwei kleine gegabelte Holzstücke (jidd. gejpelach) in den Sarg mit, damit sie sich bei der Auferstehung mit deren Hilfe besser im Sarg aufrichten können!

In Prag, dessen Alter Friedhof in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts angelegt wurde, war man wegen der Begrenztheit des von einer Mauer umschlossenen Totenackers gezwungen, das Areal immer weiter aufzuschütten, sodass es schließlich eine Dicke von 12 Lagen bekam. Die Grabsteine (hebr.Mazewa), welche elf Monate nach der Bestattung gesetzt werden, hat man aber stets in die nächsthöhere Schicht gehoben, sodass sich dem Auge heute dieses verwirrende Nebeneinander von Grabdenkmalen bietet, das den Charakter des Prager Friedhofs bestimmt.

Der jüdische Friedhof
Lizenziert unter CC BY 4.0
Der jüdische Friedhof
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Der jüdische Friedhof
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Der jüdische Friedhof
Lizenziert unter CC BY 4.0
Der jüdische Friedhof
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Für besonders geachtete Persönlichkeiten wurde über dem Grab ein Häuschen (jidd. hajzl) errichtet, um in besonderer Weise auf den Bestatteten hinzuweisen.

Häuschen über dem Grab
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Grabmal des Rabbiners Mordchai ben Samuel Maisel (1528-1601), der auch die nach ihm benannte Synagoge erbauen ließ, eine der prächtigsten ihrer Art. Er war Bankier und Hofjude des in Prag residierenden habsburger Kaisers Rudolf II. Sein Grabmal in Häuschenform ist das erste dieser Art.

Grabmal des Rabbiners Mordchai ben Samuel Maisel
Grabmal des Rabbiners Mordchai ben Samuel Maisel, unter CC BY 4.0
Der Grabstein des Rabbiners, Talmudgelehrten und Kabbalisten Avigdor Kara
Der Grabstein des Rabbiners, Talmudgelehrten und Kabbalisten Avigdor Kara (1389-1439) ist der älteste des gesamten Prager Judenfriedhofes, unter CC BY 4.0
Der Moderne, bereits museale Zutaten sind die Hinweise auf besondere Gelehrte
Moderne, bereits museale Zutaten sind die Hinweise auf besondere Gelehrte, unter CC BY 4.0
Hinweise auf besondere Gelehrte
Hinweise auf besondere Gelehrte, unter CC BY 4.0
Bruchstücke von Grabsteinen aus der Zeit der Anlage des Prager Friedhofes sind gesondert präsentiert und gekennzeichnet
Bruchstücke von Grabsteinen aus der Zeit der Anlage des Prager Friedhofes sind gesondert präsentiert und gekennzeichnet, unter CC BY 4.0

Das Judentum ist eine Religion, welche ohne das Bild Gottes auskommt und selbst die Nennung seines Namens vermeidet und tabuisiert. Deshalb ist in den Künsten die Darstellung realer Gegenstände selten. Trotzdem kommen solche besonders aber auf Grabsteinen vor und bieten nonverbale Hinweise auf Stand und Namen. So verbergen sich in den typischen jüdischen Familiennamen Levi und Kohn die einstigen Funktionen im Tempeldienst. Der Levit wusch dem Priester nach dem Opfer die Hände. Daher finden sich auf Grabsteinen häufig die Darstellung von Kanne und Waschbecken.

Darstellung von Kanne
Lizenziert unter CC BY 4.0
Darstellung von Kanne
Lizenziert unter CC BY 4.0

Die segnenden Hände hingegen gebühren den Kohanim, den Nachkommen des Priesterstandes im Alten Tempel zu Jerusalem.

Die segnenden Hände
Lizenziert unter CC BY 4.0

Die Grabsteine des Alten Prager Friedhofs sind ausnahmslos in Hebräisch beschriftet. Die hebräische linksläufige Quadratschrift ist kalligraphisch sehr ansprechend und mit Haar- und Schattenstrichen angelegt. Sie ahmt den Schreibstil mit der Rohrfeder nach.

Die Grabsteine sind ausnahmslos in Hebräisch beschriftet
Lizenziert unter CC BY 4.0

Auf jüngeren jüdischen Friedhöfen vor allem seit dem 19. Jahrhundert tritt dann die jeweilige Landessprache in den Vordergrund. Aber auch hier findet sich die hebräische Fassung auf der Rückseite des Grabsteines.

Zeichen und Symbole weisen aber auch auf den Namen hin. Bei Vornamen steht ein Löwe für den biblischen Namen Jehuda, eine Hirschkuh auf Naftali, ein Wolf auf Benjamin, ein Fisch auf Ephraim oder ein Bär auf Issador.

Das berühmteste Grabdenkmal deckt Jehuda ben Bezal’el Löw, den legendenumrankten Rabbi Löw (1512?-1609), der angeblich den Zauberroboter Golem geschaffen hatte. Es zeigt den König der Tiere, den Löwen.

Grabdenkmal des legendenumrankten Rabbi Löw
Lizenziert unter CC BY 4.0
Grabdenkmal des legendenumrankten Rabbi Löw
Lizenziert unter CC BY 4.0

Gläubige Besucher stecken in das Grabmal solcher spiritueller Berühmtheiten kleine Zettel, auf die sie ihre Wünsche an das Numen geschrieben haben

Der Wolf
Der Wolf, unter CC BY 4.0

Aber auch jiddisch verformte Familiennamen haben in dieser Symbolik Platz und so meint etwa ein Löwe die Familie Löb, ein Fisch Fischl oder Karpeles.

Dass Juden zum Teil „prächtige“ Namen wie Goldstein, Rubin usw. tragen, geht auf die Reformen Kaiser Josephs II. zurück, der nach seinen Toleranzpatenten, die auch die Juden in den neu erworbenen Kronlanden im Osten betrafen, zur besseren Erfassung des Personenstandes zwang, sich Familiennamen zuzulegen. Dabei spielte Beamtenkorruption eine gewisse Rolle und so entstanden ihnen einfach zugewiesene lächerliche Spottnamen wie Treppengeländer, Morgenschweiß, da sich die armen galizischen Juden im Schtejtl einen „schönen“ Namen nicht leisten konnten. Zuvor – und das zeigen alle Inschriften der alten Friedhöfe – gab es nur die Kette der Vatersnamen wie Benjamin ben Ephraim ben usw.

Weintraube
Weintraube, unter CC BY 4.0

Eine Weintraube steht für den eingedeutschten hebräischen Namen Karmi („Mein Weingarten“), der später als Weinreb oder Weintraub auftritt. Er nimmt Bezug auf die Früchte des Verheißenen Landes

Zur allgemeinen Kennzeichnung dient natürlich der auch in die Staatsflagge des Staates Israel aufgenommene Davidstern (hebr. Magen David „Schild Davids“).

Davidstern
Lizenziert unter CC BY 4.0
Davidstern
Lizenziert unter CC BY 4.0