unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
9

Die „Venus“ von Willendorf#

Elf Zentimeter geballte Weiblichkeit#


Von

Günther Jontes

Die Aufnahmen wurden vom Verfasser bei Besuchen in den Jahren 1987, 1989, 1991, 1997 und 1999 gemacht. Sie sind Teil des Archivs „Bilderflut Jontes“


Als man vor mehr als hundert Jahren eine neue Bahnlinie entlang der Donau an deren linken Ufer baute, stieß man in der Ortschaft Willendorf in der Wachau beim Abtragen einer Böschung auf eine vergleichsweise winzigkleine steinerne weibliche Figur, die heute als die bekannteste Darstellung einer Frau weltweit gilt. Es ist die sogenannte „Venus von Willendorf“, die allerdings um gute 29.000 Jahre älter als die so hochgerühmte Venus von Milo im Pariser Louvre. Sie befindet sich heute im Naturhistorischen Museum in Wien und kann dort seit einigen Jahren sogar im Original besichtigt werden, nachdem die längste Zeit hindurch nur eine Kopie zu sehen gewesen war.

Venus von Willendorf

Es war am 7. August 1908, als Arbeiter in einer dichtgepackten Erdschicht von Sand, Asche und Holzkohlenstückchen auf ein steinernes Figürchen von etwa 11 cm Größe stießen. Die technisch erst viel spätere mögliche Analyse nach der Radiokarbonmethode der Kohlenreste aus derselben Fundschicht ergab schließlich ein tatsächliches Alter von 29.500 Jahren. Man nennt die Epoche des Fundes innerhalb der Altsteinzeit das Gravettien.

Fundstelle
Fundstelle
Fundstelle

Kurz nach dem Fund, der aus einer Tiefe von 25 cm zum Vorschein kam, wurde alsbald einer der damals führenden österreichischen Archäologen auf dem Urgeschichtssektor Josef Szombathy herangezogen, der die Bedeutung sofort erkannte und die Fundstelle absichern ließ, denn archäologische Schatzgräber gab es damals wie heute auch. Leider hatte ein Assistent in unbedachter Weise die Figur mit Wasser gewaschen und dabei eine Farbschicht aus Rötel, also rotem Ocker beseitigt, die später nur mehr in winzigen Spuren, aber immerhin, ausgemacht werden konnte. Auch eine nach heutigen Maßstäben unverantwortliche Lackierung mit Schellack ließ die originale Oberfläche verunklart zurück.

Fundstelle
Fundstelle

Ergänzend muss gesagt werden, dass hier bei Nachgrabungen 1926 zwei weitere, allerdings sehr schlecht und nur fragmentarisch erhaltene weitere Frauenfigürchen, entdeckt wurden, die aus Elfenbein bestehen und von der Wissenschaft als Venus II und Venus III bezeichnet werden. Das steht im Zusammenhang mit der Tatsache, dass aus der Zeit des Gravettien von Europa bis Sibirien bis heute etwa 200 solcher weiblicher Darstellungen gefunden wurden, die man mit sich tragen kann. Die nächstgelegenen davon tauchten in Tschechien und in der Slowakei auf. In den folgenden Epochen gab es sie dann nicht mehr.

Man weiß heute nicht, welchen geistigen Hintergrund diese Darstellungen haben. Ob sie religiös als Symbole von Fruchtbarkeit oder bereits als Göttinnen gesehen wurden, ob sie angebetet oder als Objekt bei Ritualen gedient haben, das muss bis heute unentschieden bleiben, hat aber zu vielen Spekulationen geführt, die durch die Welt der Wissenschaft und der Laien geistern.

Venus von Willendorf, Plakat

Auffällig ist, dass die sogenannte „Venus“, keine im klassischen Sinn Göttin der Schönheit und Wohlgeformtheit ist. Die Unterschenkel fehlen fast, die Füße ganz, der Kopf sitzt ohne Hals auf den schmalen Schultern, hat kein Gesicht, nur das Haupt trägt geordnete Strukturen, die entweder eine Frisur oder eine netzartige Haube zeigen. Unterarme und Hände sind überhaupt nur angedeutet.

Geradezu überschwänglich aber ist der Leib herausgearbeitet, der alle weiblichen primären und sekundären Geschlechtsmerkmale zur Schau stellt. Schwer herabfallende Brüste, ein gewölbter Bauch mit Nabel, dazu ein gewaltiges Hinterteil lassen den Leib gleichsam wie eine Kugel erscheinen, die nach unten in die sichtbare Schamspalte ausläuft. Alles strotzt nur so. Man fragt sich natürlich, ob mit dieser Darstellung einem Schönheitsideal dieser Zeit gehuldigt wurde. Weibliche Schönheit ist ja epochenweise immer wieder Wandel unterworfen. Man denke an das Jahrhundert, das vom Wiener Maler Markart im 19. bis zur Hungergestalt einer Twiggy im 20. Jahrhundert reicht.

Man rätselt auch darüber, ob die „Venus“ Ausdruck einer Sehnsucht nach ausreichender Nahrung oder der Hoffnung auf Erhaltung der Art durch vielen Nachwuchs getragen war, oder ob es triumphierende Gefühle gewesen waren, mit denen man jenseitigen Mächten Dank für genügend vorhandenes Essen abstattete, das damals ja noch in der Form der wandelnden Fleischberge des Mammuts durch die Steppen Eurasiens trottete. Und dazu gab es in der Altsteinzeit nicht nur die beschwörenden Höhlenmalereien des Jagdzaubers in der Darstellung der jagd- und damit essbaren Wildtiere. Warum hatte man die Figur einst mit Rötel, dem Symbol für Blut, bemalt ? War das der Dank für erfolgreiche Erlangung von Nahrung? Oder tauchte man damit in die Sphäre der Sexualität ein, bei der es vor allem die Erhaltung der Anzahl der Individuen einer bestimmten Gruppe, bei der jeder seinen ganz genau definierten überlebenswichtigen Platz einzunehmen hatte ? Hieße das vielleicht auch, dass die „Venus“ für eine Art Matriarchat stand, in der eine Frau die führende Position eingenommen hatte? Das könnte vielleicht auch bedeuten, dass als Symbol nicht ein junges gebärfreudiges Weib, sondern eine ältere Frau in ihrer ganzen Lebenserfahrung und reifen Leiblichkeit als Vorbild gedient hatte.

2018 erhob sich ein gewaltiges Gelächter als der bildungsferne Klüngel an der Spitze des sogenannten Facebook befand, dass unsere Venus wegen der nackten Brüste ein Stück paläolithische Pornographie sei und deswegen aus diesem Medium zu verbannen sei. Allerdings nahm man das Verdikt sofort wieder zurück, aber nicht wegen besserer Einsicht, die ist solchen Leuten nicht zuzumuten, sondern weil sie ausgelacht worden waren. Und das vertragen nur mangelhaft Gebildete eben nicht.

Ursprünglich hatte man gedacht, dass die Skulptur aus Kalkstein bestünde. Eine genaue geologische Untersuchung ergab aber, dass es sich um sogenannten Oolith, ein Sedimentgestein, handle. Und diese Erkenntnis führte auch dazu, dass dieses Material des steinzeitlichen Künstlers nicht in Willendorf oder in dessen näherer Umgebung, sondern aus einem Ort Stránska skála bei Brünn in Mähren stamme, der immerhin 136 km vom Auffindungsort der Venus entfernt liegt. Auch die Werkzeuge, Stichel und Feuersteinklingen, die man neben der Figur in derselben Schicht aufgedeckt hatte, stammten von dort. Das könnte also bedeuten, dass der Schöpfer des Kunstwerkes mit diesen Materialien im Gepäck an die Donau gekommen sei und erst hier sein Werk vollbracht hätte. Hatte er sie von dort geholt oder sei er überhaupt erst von diesem weit entfernten Ort gekommen? Fragen über Fragen, die sich nicht mehr lösen lassen.

Wie man es auch nimmt, der Schöpfer dieser berühmtesten Frauenskulptur aller Zeiten war ein Meister seines Faches. Mit einem Stichel bearbeitete er ein Stück Stein, das gerade so groß ist, dass es in einer Hand Platz hat. Und er entwickelte dabei sowohl im Groben als auch im Feinen eine Meisterschaft, die darauf hindeutet, dass er darin schon große Übung besessen haben muss. Das heißt, dass vielleicht irgendwo in der Nähe oder Ferne weitere solche Skulpturen von ihm existieren könnten.

Die Wachau ist eine der schönsten Flusslandschaften Europas und voller Orte mit erlesenen Kirchenbauten, Stiften und reizenden Weinbauorten. Gerade Willendorf, das heute eine Katastralgemeinde von Aggsbach ist, hatte aber von solchem außer einem barocken Bildstock überhaupt nichts zu bieten. Man fuhr daran vorbei und suchte lieber Aggsbach, Spitz, St. Michael oder Weißenbach, die Stifte Dürnstein, Melk oder Göttweig auf. Und dann kam es zu diesem glückhaften Fund. Und bis heute ist nun Willendorf in aller Munde, obwohl es von nun an höchstens eine streng beschütze Aufgrabung zu sehen gibt.

Aber der Ort wusste, was man daraus machen könnte und begann mit der Vermarktung, die bis heute immer neue Knospen treibt.

So wird man schon vom Parkplatz vor dem Ort dorthin geleitet, wo es was zu sehen gibt.

Schild
Schild
Schild
Schild
Schild

Immer näher kommt man und kann es kaum erwarten

Und endlich steht sie vor uns, in Stein gehauen und ins Kolossale gesteigert. Und erhöht wird sie durch einen Sockel, der weitere Unsterblichkeit verheißt, denn Namen für Namen sind die politischen Verantwortungsträger eingemeißelt, welche die Aufstellung veranlassten und die damit ihre Gemeinde am wissenschaftlichen Weltruhm mitnaschen lassen.

Kopie aus Stein
Kopie aus Stein
Kopie aus Stein
Kopie aus Stein

Jung und alt erheitert sich und wie man so sieht, muss sich niemand aus dem belustigten Publikum in Relation mit der Skulptur setzen.

Souvenirs

Und Souvenirs werden ebenso angeboten wie der Besuch des Steinzeit-Museums, das eigentlich identisch ist mit dem Andenkenladen. Inzwischen nennt das Zimmerchen sich Venusium und um sich ein Andenken in der Form einer Kopie der Venus zu kaufen, muss man inzwischen auch noch 2 Euro berappen.

Steinzeit-Museum
Steinzeit-Museum

Aber am deutlichsten wird die Anziehungskraft der kleinen Wohlgenährten in der örtlichen Gastronomie mit Restaurant und Wirtshaus, die schmackhafte Hausmannskost der Gegenwart, jedoch kein Mammutsteak oder Wollnashornragout anbietet, wenn man von den Mammutportionen absieht, die in gemütlicher Ländlichkeit hier auf den Tisch kommen. So spannen sich eben auch die menschlichen leiblichen Bedürfnisse über ungezählte Jahrtausende. Und zur gemütsamen Erheiterung trägt sogar ein Heuriger bei.

Kopie aus Stein
Kopie aus Stein
Kopie aus Stein
Kopie aus Stein

Weiterführendes#