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Tragödie am Genfersee#

Elisabeth, Kaiserin von Österreich, wurde in Genf von einem italienischen Anarchisten ermordet. Ihr Todestag jährt sich am 10. September zum 120. Mal.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 8. September 2018

Von

Anna Sigmund


Luigi Luchenis Attentat auf Kaiserin Sisi 1898
Fatale Promenade: Luigi Luchenis Attentat auf Kaiserin Sisi 1898(Kupferstich von F. Miaulle)
Aus: Wikicommons, unter PD

Am 10. September 1898 erschütterte ein Verbrechen die österreichisch-ungarische Monarchie. Die Nachrichten überschlugen sich: "Die Kaiserin von Österreich in Genf ermordet!" "Feiges Attentat eines italienischen Anarchisten!" "Unsere Kaiserin Elisabeth Opfer von Luigi Lucheni!"

Es war die Zeit, in der sich die Anarchisten der "Propaganda der Tat" bedienten. Mit Gift, Dolchen, Pistolen, Bomben und der neuen Erfindung Dynamit. "Kein Stein soll auf dem anderen bleiben!", "Totale Zerstörung als Voraussetzung für eine neue Welt" lauteten ihre Parolen. Anarchisten wüteten - einzeln oder in Gruppen - auf fünf Kontinenten. Ihre Anschläge galten Monarchen, Präsidenten, Polizeichefs, aber auch öffentlichen Einrichtungen. Ravachol, der "König der Bomben", der 1892 auf der Guillotine starb, wurde zum gefeierten anarchistischen Vorbild.

Der moderne Anarchismus, geboren aus den Ideen der französischen Aufklärung, stammt als politische Lehre vom Beginn des 19. Jahrhunderts. Er folgt den Theorien von Pierre Joseph Proudhon, dem geistigen Vater der Bewegung, dem eine Welt ohne persönlichen Besitz vorschwebte. "Eigentum ist Verbrechen", verkündete er seinen Anhängern. Nach der Enthebung sämtlicher Politiker, der Abschaffung aller Staaten, Parteien, Gesetze und Religionen sollte totale individuelle Freiheit herrschen und die Moral jedes Einzelnen der Maßstab aller Dinge sein.

"Jahrzehnt der Bomben"#

Proudhons Nachfolger Michail Bakunin und später Pjotr Kropotkin verbanden seine Ideen mit der Agitation für eine soziale Revolution zur radikalen Umwälzung der Besitzverhältnisse. Als die erhoffte öffentliche Unterstützung für ihre Utopien ausblieb, sich die Bevölkerung weder begeistern noch "erwecken" ließ und sie von den Kommunisten ausgeschlossen wurden, gingen die Anarchisten ab der Mitte des 19. Jahrhunderts von der Theorie zur Gewalt über.

Die 90er Jahre des 19. Jahrhunderts, das "Jahrzehnt der Bomben", waren der Hintergrund, vor dem sich 1898 die Tragödie von Genf abspielte. Hauptakteure des Dramas: Elisabeth von Österreich und der Italiener Luigi Lucheni, zwei Personen, zwei Welten. Auf der einen Seite die exzentrische, verwöhnte Kaiserin, auf der anderen eine gescheiterte Existenz, der zum Anarchismus bekehrte, bettelarme Taglöhner voll tiefem Hass auf die Reichen dieser Welt.

Elisabeth war in der langen Liste anarchistischer Morde das erste weibliche Ziel. Die Unglückliche starb gleichsam stellvertretend, als Symbolfigur des Hauses Habsburg. Dabei lebte sie zurückgezogen, spielte in der Politik keine Rolle, galt vielmehr als scharfe Kritikerin von Adel und Kirche.

Am Nachmittag des 30. August 1898 war sie mit dem Zug aus Lausanne in Territet bei Montreux eingetroffen, hatte anschließend die Bergbahn nach Caux genommen, wo sie einen längeren Kuraufenthalt plante. Im Grand Hotel de Caux, dem modernsten und exklusivsten Hotel der Region sind 15 Zimmer für die Kaiserin und ihr aus 13 Personen bestehendes Gefolge reserviert. Die 60-jährige Monarchin reist mit einem Haushofmeister, einem Sekretär, einem Vorleser, zwei Kammerdienerinnen, zwei Lakaien, zwei Zofen und einer Friseurin. Eine Sonderstellung nimmt die junge Hofdame Gräfin Sztaray ein, die sich - im Gegensatz zum Gefolge, das im Hintergrund agierte - stets in Gesellschaft Elisabeths befand. Auf Leibwächter wurde verzichtet, auch das Hotel traf keinerlei Sicherheitsvorkehrungen. Die Kaiserin reiste, wie damals viele Standespersonen, inkognito, als "Gräfin von Hohenembs".

Dies geschah weniger der Anonymität willen - die Hotels meldeten die Ankunft illustrer Gäste sofort den lokalen Zeitungen - als vielmehr zur Vermeidung lästiger Protokollpflichten. Die wahre Identität Elisabeths verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Auch in Territet wurde die Kaiserin häufig erkannt und angesprochen.

Zu diesem Zeitpunkt hielt sich Luigi Lucheni schon seit einigen Wochen in der Gegend von Genf auf. Geboren 1873 und aufgewachsen als uneheliches Kind in tristen Verhältnissen, fristete er sein Leben in Italien und der Schweiz als armer Wanderarbeiter. Er las mit Begeisterung das Anarchistenblatt "La Révolte" und die radikalen Schriften Kropotkins. Mit 25 fühlte er sich bereits als "individueller Anarchist" und verkehrte mit Gleichgesinnten. Von diesen als "Il stupido" tituliert, beschloss er, sich in diesem Kreis Geltung und Achtung zu verschaffen. Den im Genfer Luxushotel Beau Rivage erwarteten Prinzen Henri d’Orléans wählte er als ideales Mordopfer.

Die Schweiz war damals ein anarchistisches Zentrum, wo viele ausgewiesene französische und russische Anarchisten Asyl erhalten hatten und eine rege Tätigkeit entfalteten. Aus diesem Grund suchte der Polizeipräsident von Genf die Kaiserin in ihrem Hotel auf, um sie vor der Gefahr eines Attentats zu warnen. Im laufenden Jahr 1898 seien vom Bundesrat bereits 36 Mitglieder der "Schwarzen Gefahr" des Landes verwiesen worden. Er bot Schutz an, Elisabeth lehnte ab.

"Königsmörderbrut"#

Dabei war sie sich der Risiken bewusst. "Schweizer, Ihr Gebirg ist herrlich! Doch für uns ist höchst gefährlich, Ihre Königsmörderbrut!", steht in einem ihrer Gedichte. Auch das Schicksal von Zar Alexander II., den sie persönlich gut kannte - er überlebte sechs Anschläge, starb aber beim siebenten -, konnte sie nicht zur Vorsicht bewegen. Unbekümmert unternahm Elisabeth, allein oder mit ihrer Hofdame lange Wanderungen und Ausflüge, sie spazierte durch Territet und machte Einkäufe.

Am 9. September brach sie zu einem Höflichkeitsbesuch bei der Familie Rothschild auf Schloss Pregny auf. Sie bewunderte die Gewächshäuser der Gastgeber und meinte, überwältigt von der Pracht: "Ich wünschte, meine Seele könnte durch ein ganz kleines Loch im Herzen in den Himmel entgleiten." Später hat man diese Äußerung als Vorausahnung gedeutet.

Inzwischen hatte Lucheni zu seiner großen Enttäuschung von der Absage des Prinzen Henri d’Orléans erfahren. Er disponierte um. Warum nicht eine Kaiserin anstelle eines Prinzen? Unverzüglich ging er ans Werk. Zu arm für den Ankauf einer Pistole, erwarb er schließlich eine Feile. In langer mühseliger Arbeit hat er sie so lange zurecht geschliffen, bis er schließlich ein dreikantiges, dünnes, messerscharfes Mordinstrument in Händen hielt.

Am späten Nachmittag des 9. September bezog Elisabeth im Beau Rivage Quartier. Sie wollte nur eine Nacht bleiben und tags darauf nach Caux zurückkehren. Ihre Entourage war, mit Ausnahme der Hofdame, vorausgefahren. Nach kurzer Rast brachen die beiden Damen zu einem Stadtbummel auf. Sie kehrten in einer Konditorei ein, aßen Eis und genossen den Abend. "Die Gassen waren nur spärlich beleuchtet", berichtet Sztaray in ihren Erinnerungen. "Ich weiß nicht wie, wir gingen irre. Es war finster, unschlüssig standen wir im Gewirr einer fremden Stadt."

Im Gegensatz zur Kaiserin, die vollkommen gelassen blieb, ergriff die Hofdame ein panischer Schrecken. Auf einem Straßenschild lasen sie: "Rue d’Enfer." Ahnungslos waren sie in jene Gasse gekommen, wo Lucheni auf Nummer 8 seine armselige Unterkunft hatte, wo er auch die Nacht vor dem Attentat schlief. Es war nach 22 Uhr, als Kaiserin und Begleiterin endlich in ihr Hotel zurückfanden. Am nächsten Tag, dem 10. September 1889 lauerte Lucheni, ausgerüstet mit seiner messerscharfen Feile, auf dem Quai vor dem Hotel Beau Rivage. Wie er von der Anwesenheit der Kaiserin erfahren hat, blieb ungeklärt, denn die Meldungen über Elisabeths Aufenthalt in Genf erschienen erst in der Mittagspresse, fast zeitgleich mit dem Attentat.

Um 13.40 Uhr wird Luchenis Geduld belohnt. Die Monarchin und die Hofdame eilen aus dem Hotel. Es gilt, den Dampfer nicht zu versäumen. Lucheni schreitet zur Tat. Mit aller Kraft sticht er auf sein Opfer ein. Elisabeth stürzt zu Boden, einige Passanten helfen ihr auf, während andere den "Vive l’anarchisme!" schreienden und lachenden Täter festhalten und später der Polizei übergeben.

Die Kaiserin jedoch eilt frisch und elastisch etwa 100 Meter weiter und begibt sich auf das wartende Schiff. Sie glaubt, nur einen Schlag erhalten zu haben und vermutet, dass ihr der Mann die Uhr stehlen wollte. An Bord bricht sie zusammen. Ihr Blick irrt umher, bis sie mit den Worten: "Was ist denn jetzt mit mir geschehen?" in Ohnmacht fällt, aus der sie nicht mehr erwachen sollte. Die Hofdame schneidet das Mieder der Verletzten auf und bemerkt mit Entsetzen eine kleine Wunde, an der ein Tropfen gestockten Bluts klebt. Eine zufällig anwesende Krankenpflegerin unternimmt Wiederbelebungsversuche durch Herzmassage, die, wie die Ärzte später konstatieren, den Tod nur beschleunigen. Um 14.40 Uhr stirbt Elisabeth von Österreich im Hotel Beau Rivage.

"Märtyrer"-Kalkül#

Am 11. September wird, nach Einlangen der Erlaubnis vom Wiener Hof, eine partielle Obduktion - die Voraussetzung zur Einleitung eines Gerichtsverfahrens gegen den Mörder - durchgeführt.

Der Ärztebericht hält fest, dass die 60-jährige Kaiserin zum Zeitpunkt ihrer Ermordung über eine ausgezeichnete Gesundheit verfügte und, entgegen allen Gerüchten, ein vollständiges Gebiss hatte. Aufgrund ihrer großen Disziplin, ihrer guten Verfassung, aber auch des erlittenen Schocks konnte sie trotz tödlicher Verletzung noch eine Strecke weit gehen. Luchenis mit großer Wucht geführter Stich hatte die vierte Rippe zertrümmert, war 8,5 cm tief eingetreten, hatte die rechte Herzkammer und die Lunge durchbohrt und eine Hämorrhagie hervorgerufen, durch welche die Erstickung allmählich und schmerzlos erfolgte.

Information#

Anna Sigmund studierte Geschichte und Kunstgeschichte in Wien. Sie ist Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung und Autorin zahlreicher historischer Bücher.
Wiener Zeitung, 8. September 2018

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