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Eröffnung Gedenkstätte Mattersburg, Sonntag, 5. November 2017, Redetext Dr Gert Tschögl, Burgenländische Forschungsgesellschaft#

G. A. Gamauf, Sommer 2017


Sehr geehrter Hr. Bundespräsident, sehr geehrte Ehrengäste aus Politik, den Religionsgemeinschaften, aus Kultur und Wirtschaft, liebe Mattersburgerinnen und Mattersburger, liebe Kollegen und Kolleginnen!

Wir stehen hier an einem der wichtigsten Orte der jüdischen Geschichte des Burgenlandes und der Stadt Mattersburg. An dieser Stelle stand bis zum Jahr 1940 die Synagoge der jüdischen Gemeinde von Mattersburg und ein paar Schritte von hier, die über die Grenzen hinweg bekannte Jeschiwa von Mattersburg, an welcher weltberühmte Rabbiner wirkten. Die Gebäude wurden von den Nationalsozialisten kurz nach der Machtübernahme geplündert und später, so wie das gesamte Wohnviertel der Mattersburger Juden und Jüdinnen, niedergerissen.

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Eröffnung durch BP Dr Alexander van der Bellen. Foto: Peter Lechner/HBF

Es war eine jahrhundertealte jüdische Geschichte und Kultur die hier zerstört wurde. Erste Nennungen von Juden im Gebiet von Mattersburg weisen auf das 13. Jahrhundert zurück. Es wird in Erzählungen auch von sechs sephardischen Brüdern berichtet, die hier eine jüdische Siedlung begründet haben sollen.

Urkundlich nachweisbar ist eine erste Besiedlung durch Juden und Jüdinnen ab 1526, nachdem jüdische Familien aus Wiener Neustadt und Ödenburg (Sopron) vertrieben wurden und in der Grafschaft Forchtenstein Aufnahme fanden. Nach einer neuerlichen Vertreibung 1671, konnten sie unter der Herrschaft Esterházy wieder nach Mattersburg zurück, das damals noch Mattersdorf hieß. Von da an kam es zur kontinuierliche und anhaltenden Ansiedlung jüdischer Familien.

Doch das Aufblühen jüdischer Kultur und die Errichtung der für ein jüdisches Gemeinwesen notwendigen Einrichtungen, mussten durch Steuerleistungen, der so genannten Toleranztaxe, erkauft werden. Der auf dies Weise erkaufte Schutz, schützte die jüdische Gemeinschaft aber nicht immer vor antisemitischen Übergriffen. Das Ausstellen von Schutzbriefen für Juden und Jüdinnen erfolgten auch wegen der ökonomischen Vorteile, welche die Grundherrschaft der Familie Esterházy daraus ziehen konnte. Auf diese Weise wurden für die Region wichtige Wirtschaftszweige gefördert. Und vereinzelt lesen wir in den überlieferten Chroniken auch vom gelebten Miteinander der christlichen und jüdischen Bevölkerung, die hier um 1828 einen Höchststand von etwa 35 Prozent der Gesamtbevölkerung (knapp unter 1.500) erreichte. Mit der so genannten „Dezemberverfassung“ von 1867, erfolgte letztlich die staatsbürgerliche Gleichstellung unter anderem auch für Juden.

Kommen wir aber zurück zu den letzten Jahren jüdischer Geschichte in Mattersburg. Es waren keine plötzlichen und völlig unerwartbaren Ereignisse, die den Märztagen 1938 folgten, und die über die Bevölkerung wie „über Nacht“ hereinbrachen. Antisemitismus und Antijudaismus waren nicht alleine die Erfindung der Nationalsozialisten. Sie bedienten sich vieler, bereits vor ihnen formulierter Ideen und einer bereits vorhandenen gesellschaftlichen Atmosphäre, die zum Fundament für die Vertreibung und später zum Holocaust wurden.

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Das Modell des Mahnmals. Foto: Michael Feyer

Einige Mattersburger Juden und Jüdinnen hatten frühe Zeichen der Zwischenkriegszeit richtig gedeutet und emigrierten noch vor 1938, unter anderem auch in ihre neue Heimat in das heutige Israel. Anderen war aber Mattersburg die Heimat. Sie blieben trotz der drohenden politischen Ereignisse, die sich im März 1938 mit allen ihren Folgen für die Gegner des Nationalsozialismus entluden. Einigen gelang die Flucht in das rettende Ausland. Wie viele von ihnen die Shoah aber nicht überlebten, ist nach wie vor nicht genau bekannt. Wir gehen davon aus, dass etwa 65 Prozent der Mattersburger Juden und Jüdinnen überlebten und Aufnahme im heutigen Israel, den USA, England und anderen Staaten fanden. Vom Diebstahl und den Enteignungen ihres Eigentums, den jäh unterbrochenen und verhinderten beruflichen Karrieren der jungen Menschen und den Verlust von Familienangehörigen und Freunden will ich hier gar nicht reden. Zurück kamen vereinzelt Familien zu Besuch, kaum wer blieb auf Dauer.

Wenn wir diese Gedenkstätte heute eröffnen, eröffnen wir sie um an diesem Ort für die überlebenden Nachfahren ein Gedenken zu ermöglichen. Und wir eröffnen sie auch, um uns und nachfolgende Generationen stetig zu ermahnen, ähnliches nie wieder zuzulassen. Aber wir sollen uns auch gewahr sein, dass Nachfahren der jüdischen Gemeinde Mattersburg in der ganzen Welt verstreut leben, und sie die Geschichte und das Wissen ihrer Vorfahren weitergeben und, das zeigt das Beispiel von Mattersburg, die Geschichte auch weiterleben: nämlich in Kiryat Mattersdorf in Jerusalem.

Als Historiker kann ich diese Rede wohl nicht beenden, ohne die Forschungen und das Bemühen um die jüdische Geschichte von Mattersburg der viel zu früh von uns gegangen Gertraud Tometich zu erwähnen. Dass diese Gedenkstätte hier und heute eröffnet wird, ist auch ihrem langjährigen Bemühen um die Aufarbeitung und Vermittlung der jüdischen Geschichte Mattersburgs zu danken. Ich möchte mit Worten aus der Feder von Manès Sperber, aus der Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“, schließen: „Die Gleichgültigkeit ist so furchtbar in ihren Folgen, so mörderisch wie die furchtbarste Gewalt.“ Gegen diese Gleichgültigkeit wird heute diese Gedenkstätte eröffnet. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.