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„Sie war und bleibt ein Adler“ #

Dieser Tage jährt sich die grausame Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts im Zuge der Jännerkämpfe 1919 zum 100. Mal. Die bereits in jungen Jahren „fertige Marxistin“ war eine Schlüsselfigur in der Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, 10. Jänner 2019

Von

Wolfgang Häusler


Rosa Luxemburg 1915
Rosa Luxemburg 1915.
Foto: Name. Aus: Wikicommons, unter CC BY-SA 3.0

„Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ Die „begabteste Schülerin“ der Universität Zürich lehrte nach ihrer Promotion selbst Nationalökonomie und begann, kritische Texte zu den Folgen von Imperialismus, Kapitalismus und Krieg zu publizieren. Ihre revolutionäre Gesinnung hatte mehrfache Haftstrafen zur Folge, während derer sie einige ihrer bedeutendsten Schriften verfasste. Foto: Wikipedia / Bundesarchiv, Bild 183-14077-006

Hier liegt begraben / Rosa Luxemburg / Eine Jüdin aus Polen / Vorkämpferin deutscher Arbeiter / Getötet im Auftrag / Deutscher Unterdrücker. Unterdrückte / Begrabt eure Zwietracht!“ So ergänzte Bertolt Brecht die lapidare Grabschrift – kein Schlusswort zur tragischen Geschichte der deutschen Revolution 1918/19, sondern Zukunftsappell. Wer war diese zarte, gehbehinderte Frau mit dem „Taubenherz“, die selbst Lenin, erbarmungsloser Kritiker ihrer „Fehler“, rühmte: „Sie war und bleibt ein Adler.“

Aus der Kleinstadt Zamość – die Gedenktafel an ihrem Geburtshaus wurde 2018 entfernt! – verlief ihr Lebensweg zwischen Ost und West, russischer Revolution und deutscher Arbeiterbewegung. Die emanzipierte junge Frau fand ihre Heimat in der Gedankenwelt des revolutionären Marxismus: Als „begabteste Schülerin“ und „fertige Marxistin“ absolvierte sie ihr Züricher Studium bei Professor Julius Wolf aus Brünn, als Dr. der Staatswissenschaft magna cum laude, mit einer Dissertation über „Die industrielle Entwickelung Polens“ (1897). In der deutschen Sozialdemokratie lehrte sie an der Parteischule Nationalökonomie, war als Redakteurin des Vorwärts tätig, kämpfte gegen den Revisionismus Bernsteins („Sozialreform oder Revolution?“, 1899) und hielt gegen die Marx-Orthodoxie Kautskys die revolutionäre Perspektive des Massenstreiks aus den Lehren Russlands seit 1905 hoch. Die Analysen des Imperialismus von Hobson und Hilferding leitete sie weiter zur Erkenntnis des Grundwiderspruchs des globalen Kapitalismus: „Der Imperialismus führt … die Katastrophe als Daseinsform aus der Peripherie der kapitalistischen Entwicklung nach ihrem Ausgangspunkt zurück. Nachdem die Expansion des Kapitalismus vier Jahrhunderte lang die Existenz und die Kultur aller nichtkapitalistischen Völker in Asien, Afrika, Amerika und Australien unaufhörlichen Konvulsionen und dem massenhaften Untergang preisgegeben hatte, stürzt sie jetzt die Kulturvölker Europas selbst in eine Serie von Katastrophen, deren Schlußergebnis nur deren Untergang der Kultur oder der Übergang zur sozialistischen Produktionsweise sein kann.“ („Die Akkumulation des Kapitals“, 1912). Sie sollte sich nicht täuschen, das „Weltdrama des Krieges“ wurde zur „Massenschlächterei“: „Das im August, im September verladene und patriotisch angehauchte Kanonenfutter verwest in Belgien, in den Vogesen, in den Masuren in Totenäckern, auf denen der Profit mächtig in die Halme schießt … Geschändet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend – so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie.“ In der „Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie“ versah sie diese „weltgeschichtliche Katastrophe“ mit der bangen Frage „Sozialismus oder Barbarei?“ – so die Junius-Broschüre zur „Krise der Sozialdemokratie“, 1915/16 aus der Gefängniszelle.

Meuterei mit Folgen #

Warschau, Berlin, Breslau, die Festung Wronke – Rosa nahm Krieg und Klassenkampf als Gefangene wahr, wie ihr Kampfgefährte Karl Liebknecht, der für seinen lauten Protest („Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!“) am 1. Mai 1916 ins Zuchthaus musste. Die Spartakusbriefe proklamierten die Revolution, deren Stunde dem deutschen Kaiserreich im November 1918 schlug. Der Versuch einer letzten Seeschlacht gegen England kippte die Militärdiktatur mit der Meuterei der Flotte in Kiel und Wilhelmshaven; Arbeiter- und Soldatenräte bildeten sich. Der letzte Reichskanzler Prinz Max von Baden, ein Neffe Wilhelms II., hatte nur noch dessen Abdankung zu verkünden. Am 9. November rief der Mehrheitssozialist Philipp Scheidemann in Berlin die deutsche Republik aus, zwei Stunden später Liebknecht die sozialistische Republik. Tags darauf bildete Friedrich Ebert mit den Unabhängigen Sozialdemokraten den Rat der Volksbeauftragten als Übergangsregierung, um den revolutionären Spartakusbund und die Räte nicht an die Macht zu lassen. Um die Jahreswende wurde die KPD gegründet; die unschlüssigen Unabhängigen traten aus der Regierung aus. Um die Weiterführung der Revolution wurde in Straßenkämpfen gerungen.

Zur Herstellung von „Ruhe und Ordnung“ hielt Ebert den Kontakt zum Militär aufrecht. Das Berliner Zeitungsviertel wurde zum Brennpunkt der Jännerkämpfe; den Oberbefehl über die Regierungstruppen übernahm der sozialdemokratische Politiker Gustav Noske. Er zog das unter dem phantasievollen Namen Garde-Kavallerie- Schützen-Division gebildete konterrevolutionäre Freikorps heran. Dessen Führer Waldemar Pabst, nachmals als Waffenschieber, beim Kapp-Putsch und bei der österreichischen Heimwehr aktiv, räumte mit Wissen Eberts und im Auftrag Noskes, der nach eigener Aussage die Rolle des „Bluthunds“ übernahm, mit den Spartakisten und ihren Führern auf. Am 15. Jänner 1919 wurden Liebknecht und Luxemburg gefangen, im Hotel Eden beschimpft und misshandelt, Liebknecht nachts „auf der Flucht“ im Tiergarten erschossen, Rosa, die noch Bücher eingepackt hatte – sie soll noch in Faust II, wohl über Krieg, Handel und Piraterie, gelegelesen haben –, mit Gewehrkolben bewusstlos geschlagen, mit einem Pistolenschuss getötet und in den Landwehrkanal geworfen. Die Mörder konnten sich der Strafe entziehen, Pabst wurde nicht angeklagt. Im Spiegel-Interview 1962 brüstete er sich frechmäulig, dass er die Revolutionsführer „richten“ ließ; im Nachlass des 1970 Verstorbenen fand sich ein Brief, er habe „50 Jahre das Maul gehalten über Ebert und Noske“.

Den Toten wurde das Begräbnis im Friedrichshain, bei den Märzgefallenen von 1848, verweigert. So fand die Beisetzung Liebknechts mit 33 Gefallenen auf dem Friedhof Friedrichsfelde statt, am 25. Jänner, mit einem symbolischen Sarg für Rosa. Ihre später aufgefundene Leiche wurde am 13. Juni beigesetzt. Mit dem Grabmal von Karls Vater Wilhelm Liebknecht (gest. 1900), mit August Bebel, Gründer der deutschen sozialdemokratischen Partei, erhielt der „Sozialistenfriedhof“ seinen Namen. 1926 entstand das Denkmal von Mies van der Rohe („Den toten Helden der Revolution“), das von den Nazis zerstört wurde. Die SED mit Wilhelm Pieck knüpfte an die Tradition an, mit der Neugestaltung der Anlage um den Gedenkstein: „Die Toten mahnen uns“ (1951). Thälmann, Pieck und Ulbricht, zahlreiche Widerstandskämpfer und SEDFunktionäre wurden auf dem Sozialistenfriedhof bestattet, auch Käthe Kollwitz. Die L(iebknecht)-L(uxemburg)-Demonstrationen wurden mit L(enin) verknüpft, in der DDR mit organisierten Massenaufmärschen. Das tragische Schisma der Linken zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten setzte sich fort. Der Stalinismus hatte mit der „Sozialfaschismus“-These auch das Konstrukt „Luxemburgismus“ verurteilt. Luxemburgs Satz zur Untrennbarkeit von Demokratie und Sozialismus „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“, formuliert als Kritik „Zur russischen Revolution“, wurde seit 1977 verfolgt, mit Verhaftungen und Ausbürgerungen in den Reihen der Bürgerrechtsbewegung, insbesondere 1988, geahndet. 1989 demonstrierten Honecker, Krenz und Mielke an den Gräbern ein letztes Mal starre Entschlossenheit. Nach der Wende hielten PDS und Linke „stilles Gedenken“. Die umstrittene Aufstellung eines winzigen Gedenksteins für die „Opfer des Stalinismus“ (2006) offenbart pro et contra immer wieder die fatale Spaltung der Linken. Für 2019 ist eine Kundgebung des LL-Bündnisses unter der Parole „Trotz alledem“ angekündigt – Liebknechts letztes Wort in der Roten Fahne an seinem Todestag erschienen, ein Zitat des 48ers Ferdinand Freiligrath: „Unser die Welt, trotz alledem“. Auch Rosas Schlusssatz zur Revolution „Ich war, ich bin, ich werde sein“, einst zu lesen am Denkmal, Paraphrase der Selbstoffenbarung des rettenden Gottes Jahwe in der Bibel, stammt von Freiligrath.

Abschiedsbotschaften #

Das Pendant zum Sozialistenfriedhof ist der Friedhof der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerdener Gemeinden im Herzen Berlins: Hier braucht man sich nur auf dem Absatz umzudrehen, um nahe Brecht die Gräber Fichtes und Hegels, von Christa Wolf und Heinrich Mann zu entdecken. Auf Herbert Marcuses Grabstein steht das vielsagende Wort „weitermachen!“ – wohl im Sinne Rosa Luxemburgs, deren Name im Mai 1968 auf der Kölner Universität stand.

In ihren wunderbaren Briefen legte Rosa ein menschen- und naturfreundliches Vermächtnis nieder, von Himmel und Wolken, Vögeln und Blumen ist da die Rede. Ihr Herbar wuchs sogar im Gefängnishof, Lindenblätter, vom Wind in die Zelle geweht, ihr schönstes Denkmal ist der Fliederbusch in Wronke. Im Scherz hatte sie sich einmal die Grabschrift gewünscht: Zwi … zwi … – der hoffnungsfrohe Frühlingsgruß der Meise.

DIE FURCHE, 10. Jänner 2019