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Israel entstand in Österreich#

Theodor Herzl schrieb mit "Der Judenstaat" eine erste theoretische Basis für den Staat Israel, der - nach seiner Gründung - den von Lueger Diffamierten und von Hitler Verfolgten ein Stück Sicherheit bot.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 14. April 2018

Von

Peter Menasse


Theodor Herzl reist mit zionistischer Delegation nach Palästina
Theodor Herzl reist mit zionistischer Delegation nach Palästina (Okt. 1898).
Foto: © Friedrich/Interfoto/picturedesk.com

Am 19. April 1948 entfiel der Five o’Clock Tea des British High Commissioners für Palästina, General Sir Alan Cunningham. Er hatte bereits in aller Früh in voller Gala-Uniform das Regierungsgebäude in Jerusalem verlassen, sich von den letzten fünfzig britischen Soldaten verabschiedet und war dann in der Nacht mit dem Kreuzer "Euryalus" von Haifa aus nach Hause abgereist.

Um vier Uhr Nachmittag verlas David Ben-Gurion in einem kleinen Kunstmuseum in Tel Aviv vor rund 200 Personen eine 20-minütige Proklamation zur Gründung des jüdischen Staates. "Wir verkünden hiermit Kraft unseres natürlichen und historischen Rechtes und aufgrund des Beschlusses der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Errichtung eines jüdischen Staates im Lande Israel - des Staates Israel". Dann wurde von den Anwesenden die Hatikvah, die Hymne des Zionismus, gesungen und Ben-Gurion beendete die Sitzung. In sein Tagebuch sollte er später eintragen: "Ich bin von dunklen Vorahnungen erfüllt".

An der Wiege des modernen Staates Israel standen als Paten unsichtbar, doch mit enormer Präsenz die Auslöschung von Millionen Juden und der wütende Antisemitismus in Europa einerseits und die Hoffnung von davongekommenen Juden auf eine friedliche Heimstatt andererseits. Mittendrin in dieser Geschichte des neuen Staates standen aber auch und an der Spitze Österreicher - im Bösen wie im Guten. Denn dass es ohne Theodor Herzl, Karl Lueger und Adolf Hitler die Entscheidung der internationalen Staatengemeinschaft mit der UNO-Resolution 181 gegeben hätte, lässt sich bezweifeln.

Das "Gelobte Land"#

Die Sehnsucht nach einer Rückkehr ins "Gelobte Land" bestand bei religiösen Juden seit der Vertreibung im Jahr 586 v. Chr. und sie war Inhalt der Gebete wohl aller Juden bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Dann aber setzte die Säkularisierung im Gefolge der Französischen Revolution und der Periode der Aufklärung, wie bei allen europäischen Religionsgemeinschaften, auch bei den Juden ein. So gab es denn im Wien des späten 19. Jahrhunderts Juden, die weiterhin ihre Religion ausübten, und solche, die ihre Traditionen abgelegt hatten. Für die Agnostiker stand ihre bürgerliche Existenz im Vordergrund, ihr Judentum war nichts mehr als Erinnerung ans Elternhaus und an alte Traditionen. Hätte man sie nach ihrer Identität gefragt, wäre die jüdische gar nicht oder erst am Ende der Liste vorgekommen.

So war es auch beim jungen Theodor Herzl, der sich in Wien einer deutschen Burschenschaft angeschlossen hatte und der Assimilation der Juden das Wort redete. Diese seine erste Vision war ein Aufgehen der jüdischen Kultur in ein größeres Ganzes, um gleichberechtigt mit allen anderen zu werden. Schon bald wurde er eines Schlechteren belehrt. Einer der Kommilitonen aus seiner Burschenschaft hielt eine Trauerrede für den 1883 verstorbenen Richard Wagner und lobte dessen Judenhass. Herzl trat drei Tage später aus der Burschenschaft aus.

Als Korrespondent der "Neuen Freien Presse" erlebte er 1894 den Schauprozess gegen den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus in Paris und war nun mehr und mehr davon überzeugt, dass nichts den Hass gegen sein Volk würde eindämmen können. Der aufkeimende Nationalismus in Europa wendete sich gegen das Judentum, wurde aber umgekehrt auch zum Antrieb von Theodor Herzl, die Idee eines eigenen Staates zu verfolgen.

Er begann mit den Arbeiten zu seinem Buch "Der Judenstaat", das 1896 erschien. Ein Jahr davor hatte er in sein Tagebuch notiert: "Ich glaube, für mich hat das Leben aufgehört und die Weltgeschichte begonnen." Der Österreicher Herzl wurde zum Begründer einer Idee, die 1948 mit der Proklamation durch David Ben-Gu-rion ihren Höhepunkt fand.

Just in den Jahren, in denen Herzl sein Buch schrieb, ereignete sich in Wien ein sich über viele Monate hinziehendes Schaustück, das geeignet war, die Chancenlosigkeit der Juden in einem von Hass erfüllten Umfeld zu beweisen. Nach dem Tod des Bürgermeisters Johann Nepomuk Prix im Februar des Jahres 1894 musste diese Position neu besetzt werden. Es gab über fast zwei Jahre verteilt Wahlgänge, die jeweils zu keiner tragfähigen Mehrheit führten. Das ging so bis zum Herbst 1895, als Karl Lueger mit klarem Vorsprung gewählt wurde. In den Monaten des Wahlkampfs war es zu einer bis dahin nicht gekannten Form der menschenfeindlichen Agitation und des Personenkults gekommen.

Lueger setzte voll auf die Karte des "gemeinsamen Feindes". Die Stadt war in den Jahren davor rasant gewachsen und veränderte sich in einem Tempo, dem viele Menschen nicht folgen konnten. Ihnen präsentierte Lueger Juden, Ungarn und Liberale als Unterdrücker des christlichen Volkes. Wegen seiner demagogischen Hetze verweigerte Kaiser Franz Joseph I. Lueger mehrfach die Bestätigung für das Amt des Bürgermeisters. Erst nach einem weiteren Wahlgang im November 1895 wurde Lueger mit Fürsprache von Papst Leo XIII. ernannt. Er bekleidete das Amt bis zu seinem Tod im Jahr 1910. Wien wurde zur Hochburg des offenen Antisemitismus in seiner aggressivsten Form.

Die Historikerin Elisabeth Heimann gibt ein eindrucksvolles Bild des Populisten Lueger: "Sein Werdegang begann als Kandidat der Liberalen, auf dem Weg nach oben profilierte er sich als Deutschnationaler, Antisemit und Gegner der Sozialisten. Schließlich gründete er seine eigene Bewegung - die christlichsoziale Partei -, die sich im Gegensatz zu den amtierenden Machthabern, den Liberalen, nicht auf die Interessen des Großbürgertums konzentrierte, sondern sich für bisher ausgeschlossene Wählergruppen einsetzte. Mit Wahlkämpfen neuartiger Prägung gelang es, die Massen zu mobilisieren. (. . .) Seine Wählerschaft erreichte er bei Versammlungen in Gasthäusern, Betrieben und Märkten der Vorstädte und -orte, wo er gegen die liberale Politik und das Judentum wetterte und sich seiner Zuhörerschaft mit seiner volksnahen Rhetorik im Wiener Dialekt annäherte. (. . .) Seinen wirkungsvollen Umgang mit den Massen gepaart mit einer Mischung aus Antisemitismus, Patriotismus, Klerikalismus und Wiener Gemütlichkeit machte er zu seinem Erfolgskonzept."

Gedenkmarsch von Wiener Juden zum Grab von Theodor Herzl am Döblinger Friedhof
23. 5. 1948: Gedenkmarsch von Wiener Juden zum Grab von Theodor Herzl am Döblinger Friedhof.
Foto: © ÖNB Bildarchiv/picturedesk.com

In dieses geistige Milieu kam 1907 ein gelehriger Schüler, der erfolglose Kunstmaler aus Braunau, Adolf Hitler. Hier sog er den Judenhass auf, hier lernte er das Handwerkszeug für Masseninszenierungen und gnadenlosen Populismus. Der Wiener Lueger wurde zum Vorbild für den Oberösterreicher Hitler, der all das in die grausame Tat umsetzte, was der charmante Bürgermeister mit seiner Agitation angedeutet hatte.

Einsamer Kämpfer#

Theodor Herzl war, als er den "Judenstaat" präsentierte, noch ein einsamer Kämpfer. "Ist das, was ich sage, heute noch richtig? Bin ich meiner Zeit voraus? Sind die Leiden der Juden noch nicht groß genug? Wir werden sehen", schrieb er seine, in heutiger Sicht, visionären Fragen. Der Großteil jener, die aus dem religiösen Judentum ausgetreten waren und die Chancen freier Bürger nutzten, konnten sich nicht vorstellen, welche Brutalität über sie hereinbrechen würde. Sie waren in ihrer Selbstzuschreibung keine Juden mehr, der Judenstaat war nicht ihre Lösung. Doch schon Lueger wurde der Satz zugeschrieben: "Wer ein Jud ist, bestimme ich."

Es war sein gelehriger Schüler Adolf Hitler, der die Kategorie der "jüdischen Rasse" einführte. Durch ihn gerieten sie alle, ob religiöse oder längst assimilierte, agnostische Juden in eine Falle, aus der es nur ein Entkommen gab, die Flucht. Doch noch war der Staat Israel nicht geboren und die englische Besatzung Palästinas verhinderte, dass sich die Menschen dorthin in Sicherheit brachten.

Heute werden Juden in Österreich oftmals gefragt, warum sie mit so großer Energie den Staat Israel verteidigten, auch wenn manche politischen Handlungen seiner gewählten Vertreter diskutabel und angreifbar sind. Für Menschen mit jüdischen Wurzeln, wie weit sie auch von der Religion entfernt sind, wird es nie mehr Sicherheit geben. Die Österreicher Karl Lueger und Adolf Hitler haben eine Kategorie des Judentums geschaffen, aus der es kein Austreten gibt. Damit wird das dank des Österreichers Theodor Herzl geschaffene Staatsgebilde immer ein Stück Sicherheit, eine letzte Rückzugschance bleiben, wenn etwa der heimische Antisemitismus oder jener von radikalen muslimischen Judenhassern seinen Kopf noch mehr als zuletzt hebt.

70 Jahre nach Ausrufung der Israelischen Unabhängigkeitserklärung wäre es an der Zeit, dass hierzulande die Rolle dieses Landes für eine Minderheit respektiert wird. Die einzige Demokratie im Nahen Osten ist ein Resultat österreichischer Politik von vor mehr als hundert Jahren. Es ist auch ein Element von Bewältigung der Vergangenheit, das zu verstehen - und dem Staat Israel zu seinem Geburtstag uneingeschränkt zu gratulieren.

Peter Menasse ist Publizist und Kommunikationsberater in Wien und im Burgenland.

Wiener Zeitung, 14. April 2018